Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1855
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 8)
- Language
- German
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prägen; oft sind dieselben in der Vernunft begründet, oft deuten sie auf Gefahren bin, welche die Unschuld nickck bemerken oder denen sie vielleicht trotzen würde. Die Furcht, strenge Blicke zu verletzen, selbst in dem, was an sich nicht tadelnswertst ist, ist eine acht weibliche Zartheit, gleichsam eine Schildwache der Schamhaftigkeit. Im Ganzen können daraus nur Versagungen entstehen, wozu die Frauen ja eben bestimmt sind. Verbieten wir daher unsern Mädchen die Gebote der Meinung zu übertreten; wenn es uns aber darum zu thun ist, sie zum Guten hinzulenken, so lasset uns nicht die Begierde gelobt zu werden ihnen als Beweggrund aufstellen. Das Uebel aber liegt darin, daß die Zärtlichkeit der Mütter selbst sie zu Sklaven der Meinung macht. Man will einst eine graziöse, wohlerzogene Person präsentiren können, geeignet durch Annehmlichkeiten die Wahl eines Gatten zu fesseln und sich zugleich durch eine anständige Haltung die öffentliche Gunst zu erwerben, damit Niemand einen Bewerber von seiner Wahl abwendig machen möge. Von dieser zweifachen Absicht hängt die ganze Erziehung ab. Ist denn — so wird man fragen, — diese Absicht nicht eine sehr natürliche? Allerdings. Auch wir wünschen, daß die Mädchen einst liebenswürdige und geehrte Gattinnen werden, aber als entfernte Folge eines anderen Vorsatzes. Denn wer sollte nicht einsehen, daß die bloße Rücksicht auf die Meinung dahin führt, vor Allem das Aeußere zu pflegen. Aufrichtig und reell wird die Erziehung allerdings sein, wenn sie auf äußere Annehmlichkeiten gerichtet ist. Hier muß man auf Täuschung verzichten. Im Betreff der Figur, der in Gesellschaften zu zeigenden Talente kann keine Blendung ftattfinden. Hierauf richtet sich also alle Aufmerksamkeit der Mütter, hierin wird und muß Wahrheit obwalten; das Andere aber kann im Dunkeln bleiben. Denn wer wird ein junges Frauenzimmer über ihre Grundsätze, ihre Kenntnisse, ihre Gemüthsart ausforschen wollen? Hier wird Alles, als sich von selbst verstehend, vorausgesetzt, das Mehr oder Weniger läßt sich nicht wahrnehmen.