Einladungsschrift zu der am ... statt habenden öffentlichen Prüfung in der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... statt habenden öffentlichen Prüfung in der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1853
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
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12 gen erzeugt sie eine Verwirrung der Gefühle. Das wissen alle diejenigen zu benützen, die es sich zur Aufgabe machen, den ihren selbstischen Zwecken entsprechenden Vorstellungen Eingang zu verschaffen. Die Einbildungskraft ist die Gehülsin, deren sie sich bedienen, an die sie sich wenden. Sie suchen neblige Bilder an die Stelle klarer Begriffe zu setzen und durch die Verdunkelung des Verstandes falsche Gefühle zu schaffen und sie ihren Absichten dienstbar zu machen. Unter den verschiedenen Arten der Täuschung, die ihre Quelle in den Ausschweifungen der Einbildungskraft haben, gibt es solche, die, im Intereffe unserer sittlichen Vervollkommnung, um so mehr hervorgehoben werden müffen, als die Fallstricke, die sie legen, feiner sind und die edelsten Seelen gefangen nehmen können: das sind jene Täuschungen, die uns in der Selbfterkenntniß irre leiten und uns über unsere eignen Gefühle, über die Stärke unserer Anhänglichkeit an die Tugend betrügen. Diese Täuschungen, welche uns in speculative Genüffe einwiegen, begeistern uns für Bilder einer idealen Vollkommenheit, die den Geist entzückt, ohne sich der Seele zu bemächtigen, ohne den Karakter zu lenken, und sich dem Leben einzuprägen; sie schaffen eine künstliche und trügerische Moral, verwandeln die Tugend in eine Art gefälliger Poesie, verbannen sie aber in die Wolken und nehmen ihr jene positive, eingreifende Gewalt, die sie über unsere Gefühle und unsere Handlungen ausüben soll. Wenn die Vernunft aus den wirklichen Gegenständen die moralischen Begriffe entwickelt, so verfährt die Einbildungskraft auf die entgegengesetzte Weise, indem sie die moralischen, wie alle abstracten Begriffe, unter die Hülle sinnlicher Bilder zu bringen sucht. Hüten, wir uns vor dem heut zu Tage gewöhnlichen Hang, die Gegenstände, die mit den bedeutsamsten Schicksalen des Menschen in Berührung kommen, unter der Ansicht, die man ihre poetische Seite nennt, zubetrachten. Wir setzen uns der Gefahr aus, den oberflächlichen Analogien, die der Einbildungskraft zusagen, vor der strengem Uebereinstimmung ber Pflichten den Vorzug einzuräumen, die