Einladungsschrift zu der am ... statt habenden öffentlichen Prüfung in der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... statt habenden öffentlichen Prüfung in der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1852
- Date
- 1852-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 Wir würden der vorzüglichen Wohlthat, die wir von den Gewohnheiten erwarten, entsagen, wenn wir uns gänzlich auf dieselben verlassen, und es für überflüssig halten wollten, jene innere Thätigkeit zu unterhalten, die stets nach neuen Erwerbungen trachten soll. Die Cultur des Geistes steht still, wenn wir uns immer in demselben Ideenkreis herumdrehen; die gewonnenen Ideen müssen beständig neuen Zusammenstellungen unterworfen werden, damit neue Beziehungen aus denselben entstehen. Diese fortgesetzte Verarbeitung vermehrt die Klarheit der Begriffe, die wir besitzen und macht sie fruchtbar; in dem Maafie, wie sie deren Zahl vergrößert, macht sie uns auch dasVerft ändniß derselben leichter; wir wissen um so besser, je mehr wir wissen. Auch die sittliche Bildung steht still, wenn der Liebe zum Guten keine neue Nahrung und der Selbstbeherrschung kein Stoff zu neuen Siegen geboten wird; man wird sich auf die angenommenen guten Gewohnheiten verlaffen, aber die inneren Kräfte, durch welche die Seele handelt und sich entfaltet, dahin welken und erlöschen lassen. Man wird fortfahren, sich äußerlich zu bewegen, aber aufhören sich innerlich zu beleben, und so wird diese vermeintliche Ruhe zu einem wahren Rückschritte werden. Werden aber die Liebe zum Guten und die Selbstbeherrschung, werden diese thätigen Seelenkräfte durch fortwährende Siege genährt, so erlangen die bereits erworbenen Eigenschaften neue Stärke und eine höhere Stufe der Reinheit. Denn alle Vorschriften, alle Antriebe zum Guten haben unter sich eine innige Verwandtschaft, entstammen einer gemeinschaftlichen Quelle, und je weiter wir fortschreiten, desto besser fassen wir die engen Beziehungen, durch welche sie vereinigt sind. Wenn also in der Erziehungskunst die Uebung als das Hauptmittel der Vervollkommnung empfohlen wird, so müssen wir es in dem Sinne nehmen, daß wir den Zögling nicht bloß im Handeln, sondern auch im Sehen und Fühlen üben müs-