Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Israelitischen Realschule
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Israelitischen Realschule
- Volume
- 1851
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Ironie zu verfolgen. Wie könnte der Gefühlvolle wagen, sich da zu zeigen, wo die Kunst der Verlästerung, in elegante Formen gehüllt, sich den Schein der Grazie gibt, als feiner Geschmack gepriesen und selbst für eine Bedingung des glücklichen Erfolgs gehalten wird. Ein gerechter Stolz fürchtet die Verbindlichkeit, welche die Dankbarkeit auferlegt, allzu leicht einzugehen, einem wahrhaften Zartgefühl widerstrebt es, sie gegen solche zu übernehmen, die man nicht achten oder mit denen man nur schnell vorübergehende Beziehungen unterhalten kann. Aber auch die Eigenliebe stößt oft eine Verbindlichkeit von sich, durch welche sie sich gedemüthigt glaubt, und die Nüchternheit des Herzens mag nicht versprechen, was sie nicht zu halten vermögend ist. Es gibt aber Wohlthaten, die wir nicht zurückweisen können, die uns entgegen kommen, ehe wir Zeit zur Ueberlegung hatten; es gibt solche, deren Annahme uns von einem besonder» Zartgefühl geboten wird. So thut es wohl, in dem Umgänge der innigsten Neigung Gaben anzunehmen und eben dadurch ein Unterpfand der Liebe zu geben. Die unter solchen Auspicien entstandene Dankbarkeit wird eine Belehruirg, ein Schutz für das Gefühl; sie verleihet der Neigung den Karakter einer heiligen Schuld; sie erhebt in unfern Augen die, welche sie uns lieben lehrt; sie stimmt uns zur Achtung und wird durch Rückerinnerungen genährt; sie ist eine Treue des Herzens. In der Dankbarkeit liegt auch eine, ihr eigenthümliche Großmuth: das Opfer, das sie der Eigenliebe auferlegt. Preisen wir uns glücklich, daß unsere Lebensbestimmung so angeordnet ist, d^ß wir während der Kindheit und Jugend eine lange Reihe von Wohlthaten empfangen müssen. So ist die Dankbarkeit uns zur Pflegerin des Gefühls gegeben worden. Freuen wir uns auch darüber, daß wir im Alter wieder von dem Dienste Anderer abhängig sind. So erwärmt, am Abend des Lebens, die Dankbarkeit die erkaltenden Gefühle des Herzens. Wir bedürfen Anderer in der Wiege, wie in der Zeit der Hinfälligkeit, und die Liebe soll den Eingang und den Ausgang unserer Laufbahn bewachen.