Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1850
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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Es steht oft nicht in der Macht unseres Willens, uns von gewissen Gefühlen loszumachen, ein Bild, das uns beständig vorschwebt, zu verbannen, aber eS steht in unserer Gewalt, ein Bild schwächer werden und selbst ganz verschwinden zu lassen, die Gelegenheit zu meiden, die dasselbe zurückruft, oder die Zeichen von Neuem in uns hervorzubringen, die eS erwecken. Die Aufmerksamkeit, die wir den Bildern zuwenden oder versagen, verstärkt oder schwächt ihre Kraft. Endlich vermögen wie den stärksten Gefühlen und Bildern unsere Willenskraft, unser intellectuelles und moralisches Ich entgegenzustellen, wie wir thun, wenn wir eine widrige Arznei nehmen oder uns einer schmerzhaften Operation unterwerfen. Diese und andere Mittel in Anwendung zu bringen, dazu gibt die Schule selten Gelegenheit, wohl aber findet die häusliche Erziehung Veranlassungen genug, den Zögling darin zu üben und ihm dadurch die Selbstbeherrschung zu erleichtern. Vor Allem ist jedoch erforderlich, daß die Willenskraft gestärkt werde; aber sehr oft geschieht das Gegentheil. Die Stärke des Willens ist gewöhnlich ein Hinderniß in der Erziehung; Unterricht, Fleiß, schöne Manieren, gute Sitten erheischen beständige Aufopferung des eigenen Willens; es ist daher sehr bequem, die Energie dieser Seelenkrast zu vermindern. Aber die Erziehung sollte die Entwickelung der Festigkeit nicht fürchten, und da die Herrschaft der Aeltern und Lehrer nothwendig einen repressiven Einfluß ausübt, da die Gebräuche der Gesellschaft dasselbe thun, so erscheint ein Gegengewicht von unerläßlicher Nothwendigkeit, um den Kindern, diesen Männern der Zukunft, den Nerv und die Lebenskraft zu geben, wozu der Keim ihnen vom Schöpfer verliehen zu sein scheint. Nicht desto weniger müssen Aeltern und Erzieher Festigkeit zeigen, und dürfen nicht selbst ein verderbliches Beispiel der Schwäche geben. Auch ist es der Wille der Natur, daß das Kind in seiner Unbehülflichkeit unterwürfig sey und es ist solches unentbehrlich zur Bildung seiner Moralität, wie zur Erhaltung seines Lebens; aber die Anwendung dieses nothwendigen Mittels muß die Befreiung des Willens zum Zweck und zum Ziele haben; sobald der Mensch von der Abhängigkeit der blinden Instinkte befreit sein wird, soll der Wille die Neigungen beherrschen; in dem Zustande, wo der Mensch sich vom Strome seiner Begierden fortreißen läßt, besitzt er keinen Willen. Solcher Sklaverei ist das Kind unterworfen, das, von keiner festen Hand geleitet, seinen Launen hingegeben ist. Dieselbe erleidet der Mensch sein ganzes Leben hindurch, wenn die Erziehung es vernachlässigt hat, zeitlich die wirksamsten