Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1850
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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der Menschheit ist, ein Mittel, die unschätzbarsten Wohlthaten außer uns zu verbreiten. Die Macht der Vernunft, dieser höchsten Geisteskraft, steigt im Verhältnisse der Entwickelung der ihr untergeordneten Kräfte. Vernunft und Tugend sind nahe verwandt; die in den Begriffen zur Gewohnheit gewordene Ordnung und Regelmäßigkeit theilt sich unmerklich dem ganzen Lebenssystem mit. Ist man im Stande, den Verstand gut zu leiten, so wird man auch fähiger feyn, die Bewegungen des Herzens zu lenken. Man hat mehr Mittel, in der Selbstkenntniß fortzuschreiten und folglich eine moralische Herrschaft über sich auszuüben. Endlich vermag ein Religionsunterricht, der Licht mit Wärme verbindet, viel zur Erweckung und Nährung der Liebe zum Guten, indem er dasselbe als die vom höchsten Wesen dem Menschen zugetheilte Mission darstellt, alö den höchsten Zweck der ihm verliehenen edlen Gaben, als die unveränderliche Tendenz des gesellschaftlichen, wie des häuslichen Lebens, als das Ziel, das alle großen Gesetzgeber und Religionsstifter, alle die hohen Geister des Menschengeschlechtes im Auge hatten. Die Schule kann daher durch den Unterricht die Liebe zum Guten wirksam fördern. Ein Anderes ist es mit der zweiten und wichtiger« Forderung der sittlichen Vervollkommnung, mit der Selbstbeherrschung. Ein Blick auf die sittliche Beschaffenheit unserer Jugend überzeugt uns, wie verhältnißmäßig gering hierin der Erfolg des Unterrichts im Allgemeinen und selbst des, obgleich confessionellen, Religionsunterrichts bisher gewesen ist. Wir sind weit entfernt, dieses dem Religionsunterrichte an und für sich beizumeffen; es liegt solches vielmehr in den Gesetzen der menschlichen Natur und deren Entwickelung. Die Selbstbeherrschung verlangt eine starke Willenskraft, eine Gewalt über die Neigungen und Triebe; hier vermag die Lehre im Allgemeinen weniger, am allerwenigsten in dem Alter, wo die Lehren sich noch nicht auf die eigene innere Erfahrung stützen und berufen, ohne welche sie nicht begriffen werden können; wo besonders die Gefühle der menschlichen Schwäche, Abhängigkeit und Neigung zum Bösen, oder mit einem theologischen Ausdrucke, der Sündhaftigkeit, noch nicht empfunden worden sind. Hier hängt fast Alles von der Gewöhnung und dem Beispiele ab und muß daher der häuslichen Erziehung anheimgegeben werden. Jene zur Selbstbeherrschung erforderlichen Eigenschaften der Unabhängigkeit und des Gehorsams, der wieder aus einer Verbindung von Achtung und Vertrauen hervorgeht, die häusliche Erziehung ist es, die berufen ist, sie hervorzurufen und zu erhalten.