Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1850
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 sind, so muß er dieselben Rechte in Andern achten. Unabhängigkeit und Gehorsam müssen mit einander harmoniren. Jene besiegt die Hindernisse, die der Anerkennung unserer Rechte entgegentreten; dieser zügelt die Neigungen, welche die Rechte Anderer bedrohen. Jene ist gewissermaßen ein Gehorsam gegen die Autorität unserer eigenen Vernunft; dieser eine Unabhängigkeit von unfern Leidenschaften. In der Selbstbeherrschung besitzen wir die Kraft, der Tyrannei zu widerstehen und die Pflicht zu erfüllen; sie bewahrt uns sowohl vor der Servilität, als vor der Zügellosigkeit. Indessen wird der Gehorsam öfter gerade von Solchen nicht beachtet, denen derselbe am heilsamsten wäre, und die Unabhängigkeit von Denen aufgegeben, die am meisten berechtigt wären, sie zu behaupten. Es gibt Menschen, von denen man sagen möchte, sie sind unvermögend, zu wollen, und freuen sich, wenn ein Anderer es für sie thut. Sie kommen der Macht entgegen, gleichsam als sollte sie ihnen die Energie einflößen, die ihnen abgeht; sie fühlen, daß sie von einem fremden Antrieb in Bewegung gesetzt werden müssen. Diese bewundern die Macht um so mehr, je schwächer sie selbst sind, und diese Bewunderung wird zu einer Art von Cultus; sie fühlen sich gedrungen, gleichsam eine Religion aus derselben zu machen, um sich die eigene Schmach zu verbergen; sie suchen sich zu überzeugen, daß sie eine Pflicht erfüllen, um nur in ihrem knechtischen Sinne einer vollkommenen Ruhe zu genießen. Das ganze Gewicht ihres Unwillens lassen sie auf den Unterdrückten fallen. Leistet dieser einen Schatten von Widerstand, so können sie es ihm nicht verzeihen, daß er ihre Sicherheit, die sie unter dem Schutze der materiellen Gewalt suchten, störet; ja, sie zürnen sogar der Unschuld, wenn sie durch ihre Reklamationen ihrem servilen Sinne beschwerlich wird und sie an Rechte erinnert, die sie zu vergessen sich bestrebt haben. Aber auch die Selbstsucht ist eine fühlbare und allgemeine Quelle des knechtischen Sinnes. Man nähert sich der Macht, weil sie das leichteste und sicherste Mittel ist, ohne Thätigkeit und Verdienst die Erfüllung unserer Wünsche zu erlangen. Es ist ein schmählicher Handel, durch den man seine Rechte gegen die Erlangung seiner ehrgeizigen Absichten vertauscht. Da Zuneigung und Verehrung gerade die Güter sind, welche die bloße Macht, als solche, nicht erobern kann und auch am wenigsten erlangt, so sind sie besonders der Tribut, welche die Servilität der Macht darbringt. Der siegenden Ungerechtigkeit fehlt es niemals an Niedrigen, die ihr dienen, an Höflingen, die ihr schmeicheln, an Sophisten, die sie rechtfertigen. Die Servilität scheint