Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1846
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Läßt sich aber das, was wir hier von der intellectueilen Bildung behaupten dürfen, auch auf die sittliche und religiöse anwenden? Sind die Erfolge in derselben eben so sichtbar und dürfen wir uns mit ähnlichen Erwartungen von der Zukunft schmeicheln? Wohl üben erweiterte Begriffe und Kenntnisse, mehr noch die Entwickelung der geistigen Kräfte auch auf die sittlichen Gefühle und Bestrebungen einen heilsamen Einfluß, und schon das Wohlgefallen am Wahren und Schönen ist mit der Liebe zum Sittlichguten verwandt; sie geben dem Geiste die Richtung auf das Reinmenschliche und lenken sein Interesse auf Thätigkeiten und Werke, die mit den sinnlichen Neigungen und Genüssen in keiner direkten Verbindung stehen; sie ziehen ihn ab von dem Gemeinen, das so oft in das Unsittliche übergeht; sie bringen ihn in die Gemeinschaft der an Gefühl und Geist Veredelten, machen ihn fähig und geneigt, sich an edlen Bestrebungen zu betheiligen, und erzeugen, wenn auch nicht immer einen moralischen, doch einen ästhetischen Widerwillen gegen das Unsittliche. Sie verleihen dem Menschen geistige Selbständigkeit, daß er nicht nach blinder Nachahmung, sondern nach eigner Prüfung und Aaren Begriffen, nicht nach dunkeln Gefühlen, sondern nach Gründen der Vernunft handle, und halten ihn ab, sich als Werkzeug ehrgeiziger Leiter, sinsterer Fanatiker oder schlauer Heuchler brauchen zu lassen. Nichtsdestoweniger lehrt die Erfahrung, daß auch ausgebildete Geisteskräfte in den Dienst des Lasters treten, zur Erreichung unsittlicher Absichten angewendet werden können, daß sie keineswegs genügend sind, die Leidenschaften zu bezähmen und dem Karakter das Gepräge der Sittlichkeit aufzudrücken; daß zu einem gebildeten Geiste sich nicht selten lasterhafte Neigungen, ein verderbtes Herz oder eine sittlich-schwache Willenskraft gesellet; daß ein entwickelter Verstand oft zum Sachwalter der sinnlichen Begierden mißbraucht wird, und mit schönen Reden den Mangel edler Handlungen zu bedecken, durch sogenannten guten Ton rechtschaffenes Thun zu ersetzen sucht. Geistesbildung und Kenntnisse sind daher wohl eine Stütze, aber keine Bürgschaft für das sittliche Handeln, ja sie umfassen