Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... statthabenden öffentlichen Prüfung in der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1832
- Date
- 1832-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
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10 Leidenschaften erscheinen dem Menschen bei ihrem Entstehen als unschuldige und wohlthätige Neigungen, denen er sich überläßt, ohne sich in seinem Gewissen beunruhigt zu fühlen, bis er, von denselben beherrscht und verblendet, ihr blinder Sklave wird. Die Religion aber treibt den Menschen an, auch über seine unschuldigen Neigungen zu wachen; denn sie mahnt ihn beständig an die menschliche Schwäche und an die Gewalt der Sinnlichkeit über sein Herz, lehrt ihm, die irdischen Güter und Genüsse nicht zu seinen Götzen zu machen, und indem sie ihm ein Urbild der Vollkommenheit zeigt, dem er sich nähern soll, erinnert sie ihn an die Gleichheit aller Menschen, an die allen gemeinschaftliche Bestimmung und gemeinsame Unvollkommenheit. Auch in dieser Beziehung möchte Religiosität dem Weibe noch unentbehrlicher als dem Manne seyn. Der Mann lernt im Verkehr mit den Menschen seine Neigungen in Schranken halten, seine Leidenschaften zügeln; die Furcht sich lächerlich und verächtlich zu machen, lehrt ihm die kleinlichen und niedrigen, erfahrene Zurechtweisungen, Collisionen und Demüthigungen, die hochfahrenden Leidenschaften beherrschen; Nachdenken und Erfahrung zeigen ihm dieselben in dem rechten Gesichtspunkte, und lehren ihm, ihren Einfluß auf das Lebensglück nach einem richtigen Maaßstabe schätzen; er schafft sich dann ein System, und entwirft nach demselben seinen Lebensplan. Das Weib aber, in seinem engern, abgeschloßnern Kreise, bei der Zurückhaltung, schonenden Delicatesse und Verstellung, die seine Umgebung gegen dasselbe oft beobachten, mag sich ungestörter seinen Neigungen hingeben; sein auf's Einzelne und Nächste gerichteter Sinn kann weniger durch allgemeine Betrachtungen und Lehren, als durch den äugen-