Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1986
- Issue
- No. 51 (1986)
- Date
- 1986-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 37) In Memoriam-Vom Lebenspfad des Hans Margolius Höhepunkt der Tagung, zu dem zum Vergleich alles andere an innerer und äusserer Wertigkeit klein, Ja sogar zwergenhaft, erschien. Ob die “Frankfurter” und ihr süddeutscher Anhang es wollten oder nicht, Erich Rosenblüth aus Berlin (ideologisch Berlin-West») wurde zum “undisputed leader” dieses Bundestags. Bei Beginn der dreissiger Jahre richtete Rosenblüth seine Blicke wiederum auf Frankfurt. Freilich nicht das Frankfurt des Austritts und der Friedberger Anlage! Martin Buber, Franz Rosenzweig und der nur um wenige Jahre ältere Ernst Simon (geb. 1899) verkündeten neue Wege, wie das Erbe zu erwerben und es zu besitzen sei. Der früh verstorbene Frankfurter Rabbiner und machtvolle Prediger Nechemia Anton Nobel steht am Beginn dieses Neuerwerbs von jüdischen Werten und der darauf basierenden neuen jüdischen Lebensgestaltung. Das durchaus Traditionelle und ein konstruktiver Liberalismus verschmelzen sich zu Einem, zu einem Neuen. Nach 1933 wurde eine “Mittelstelle” für jüdische Bildung im jüdischen Bereich in Deutschland errichtet. Martin Buber als Inspirator und Schöpfer, Ernst Simon und Erich Rosenblüth als Vortragende wurden einem grossen jüdischen Publikum vorgestellt, das warme Sympathieen für den alten Wegweiser und die beiden jungen Lehrer empfand. Die jüdische Gemeinschaft in Aschkenas verwirrt und ratlos unter dem Joch der bösen staatlichen Despotie schmachtend, empfing von diesem Dreigestirn neue Impulse. Es war wie eine neue Botschaft. Manches davon wirkt noch bis auf den heutigen Tag. Freilich nicht dort, wo es zum ersten Mal verkündet wurde, sondern Im neuen Jüdischen Staat und in den westlichen Demokratien. Ob sich dieses religiöse Geistesgut sub specie aeternitatis “bewähren” wird, ist im Schosse der Zukunft verborgen. Aber eines steht fest: Gutes und Ideales gewollt zu haben, trägt seinen Lohn in sich. Der sich um die Erfahrung des Geschichtlichen so sehr bemühte und der sich zu jeder Zeit abmühte, gewonnene Erfahrung und Lehren im Leben zu verwirklichen, darf in seiner achten Dekade mit der abgeklärten Weisheit des Alters füglich behaupten: es war nicht vergebens. Nachbemerkung: Vorstehende Skizze wurde noch bei Lebzeiten des Freundes niedergeschrieben. H. Ch. M. *) Esra Berlin-West sympatisierte mit der Zionistischen Organisation im Gegensatz zu Berlin- Zentrum. * Nachbemerkung der Redaktion: Im Anschluss an die Jugenderinnerungen von Prof. Dr. Hans Meyer, Haifa, über seinen Freund, Dr. Pinchas Rosenblüth s.A. wollen wir folgendes hinzufuegen: Der Heimgegangene war viele Jahrzehnte Leiter der religiösen Abteilung in der über 100 Jahre bestehenden Landwirtschaftlichen Schule in “Mikwe Israel” bei Tel Aviv. Nebenher war er als Dozent an der Bar Ilan Universität durch sein grosses Wissen ausserordentlich anerkan.n. Wir waren mit Dr. Pinchas Rosenblüth, früher Berlin, in ständigem Kontakt und hat er unsere Zeitung regelmässig gelesen und unsere Arbeit sehr geschätzt. Er gehört in die Geschichte des Aufbaus von Eretz Israel. Es war mir immer ln meinem Leben daran gelegen vom Grössten bis zum Allerkleinsten, alles zu bewahren, was immer mir einmal an Freundschaft, an Liebe, an Gutem, Schönem, an Frohem zuteil geworden war. H. Margolius “Jahrgang 1902” hiess ein bedeutender Roman am Ende der Zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts. Er schildert jene Altersgruppe (der auch der Autor jenes Buches, Ernst Gläser, angehörte), die von dem Erlebnis des Ersten Weltkrieges gestaltet war, die aber ein gütiges Geschick davor bewahrte, in der Todesmühle dieses Krieges zermahlen zu werden. Diesem Jahrgang gehörte auch Hans Margolius an, der am 12. September 1902 in Krötoschin geboren wurde, einer Stadt im südlichen Bezirk der Provinz Posen gelegen, die 1793 bei der zweiten polnischen Teilung an Preussen kam. Auch seine Vorfahren waren in dieser Gegend zu Hause, einer von ihnen kam, wie Dr. Margolius in seinen “Erinnerungen” berichtet, aus Russisch-Polen und hatte als zwölfjähriger Junge den Grenzfluss zu Preussen durchschwommen und später in dem südposenschen Städtchen Pieschen sich niedergelassen. Dieser Urgrossvater mütterlicherseits kam aus dem polnischen Radomsk, ein Städtchen, das wenig später als Sitz einer chassidischen Dynastie in der gesamten Jüdischen Welt bekannt werden sollte. Sie wurde 1834 von Rabbi Schlomo Rabinowicz begründet. Die literarische Begabung hat der junge Hans von seinen Eltern Alexander und Bianka geerbt. Alexander M. war jüdischer Religionslehrer in einer Rektoratsschule, der Vorträge in dem “Verein für jüdische Geschichte und Literatur” hielt und auch als Bibliothekar wirkte. Die Mutter spornte ihn zum Ankauf von Büchern an und weckte in dem frühreifen Kinde auch die Liebe zum Theater. So hat er bereits 1918 Moissi in seiner Rolle als “Hamlet” in einem Breslauer Theater gesehen. (Krotoschin liegt nur 10 km von der schlesischen Grenze!) Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Pro- ■***;j*m vinz Posen zu einem Gebiet, in dem zwei einander feindliche Nationalismen, der deutsche und der polnische, aufeinander prallten. Auch manche Juden sind in jenen Sog mit hineingerissen worden. (Anschaulich geschildert in der Autobiographie Ernst Tollers “Eine Jugend in Deutschland”). In manchen traditionellen Häusern Jedoch, besonders in den kleinen Städten, wo es eine kompakte jüdische Bevölkerung gab, (in Krotoschin bildeten die Juden ein Drittel der Einwohnerzahl!), waren diese Tendenzen weniger wirksam. So wuchs Hans Margolius in einer liberal-humanistischen Atmosphäre heran, die seinen weiteren Bildungsweg entscheidend geformt hat. An der Berliner Universität hat Margolius Vorlesungen bei Troeltsch, Cassirer und Herrmann gehört, die dort Soziologie, Philosophie und Literatur lehrten. Mit den Jahren hat sein Interesse sich steigend der Philosophie zugewandt und in dieser Disziplin vorwiegend den ethischen Fragen. So behandelte auch seine Doktordissertation die Ethik des bedeutenden Denkers Franz Brentano (1838 — 1917). Wie sein Vater hat auch Hans Margolius viele Jahre hindurch als Bibliothekar gearbeitet. Nach Abschluss seines Studiums in der Volksbücherei des Berliner Nordens, Brunnenstr. 186, wo, wie er in seinen Erinnerungsfragmenten' berichtet, sein ethisches Sehnen durch Lektüre von Studentenbriefen früh in pazifistische Bahnen gelenkt wurde, und später in der U.SjA., wo er an der Universität Miami über Ethik las und an der Fakultät für Sozialforschung die Bücherei leitete. In jener ersten Wirkungsstätte bin ich Hans Margolius wahrscheinlich oft begegnet. Als Unterprimaner besuchte ich oft den Lesesaal jener Berliner Bibliothek und ich habe manchen Band Philosophiegeschichte von Vorländer und manche Nummer der pazifistischen Wochenzeitung “Das andere Deutschland” aus seinen Händen erhalten. In den Dreissigerjahren hat Margolius an jüdischen Lehrstätten unterrichtet, so im “Bialik- Institut” i.J. 1937 über die Ethik des Chassidismus eine Vortragsreihe gehalten. Hier hat er auch seine später Frau Edith kennengelernt, welche er kurz vor seiner Auswanderung nach U.S.A. im Februar 1939 geheiratet hat. Das Paar wurde von Rabbiner Salomonsky getraut. In seinem neuen Wohnort in den Vereinigten Staaten hat Hans Margolius unablässig nach Geistesverwandten Ausschau gehalten, neue Kontakte angebahnt und bis zu seinem Ableben, am 29. Dezember 1984, seinen Dialog mit der Welt und ihren Menschen geführt. Von zwei Geistigen sprechen seine an mich gerichteten Schreiben mit grosser Wärme. Um 1950 lernte er David Baumgardt kennen, (lebte von 1890 bis 1963. 1935 vertrat er die Universität Berlin bei den Maimonides Feiern in Cordoba!), dessen tiefgründige und formvollendete Vorlesungen eine Attraktion an der Berliner Universität darstellten und der später in London und Washington wirkte. In einem seiner Briefe aus dem Jahre 1989 hat er mir das Erscheinen eines nachgelassenen Werkes jenes Philo,sophen mitgeteilt, das den Titel trägt: “Jenseits von Machtmoral und Masochismus”. Durch Baumgardt lernte er die amerikanische Quäckerin Sarah Cleghorn kennen und schätzen. Er nennt sie “eine einzigartige Frau” und sie hat manche Schriften von Hans Margolius, wie den Essay “Philosophie in Anekdoten”, ins Englische übersetzt. Die literarische Form nun, die Margolius (Fortsetzung auf Seite 39) 38