Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1986
- Issue
- No. 51 (1986)
- Date
- 1986-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/7411685-7413483-7497352--1090-7413520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
HANS CHANOCH MEYER JUGENDERIINERUNGEN Erich Rosenblüth, Führer und Freund (Im Folgenden ein Auszug aus den Jugenderinnerungen von Hans Meyer. H. M. schildert die Gestalt von Erich (Pinchas) Rosenblüth, wie sie ihm damals ab Frühjahr 1925 und den folgenden Jahren erschien. Pinchas Rosenblüth starb am 10. Aw/28. Juli 1985. Sein Geburtsdatum: 1. Aw 5666/23. Juü 1906. Er erreichte also ein Alter von fast genau 79 Jahren.) * Nach der Trennung von den “Kameraden” vergingen einige Monate und in der Synagoge Lessingstrasse machte ich im März 1925 die Bekanntschaft von Hans Boschwitz. Dieser etwas gehemmte, aber ungemein sympathisch wirkende Abiturient schlug vor, ich solle doch dem Jugendbund “Erra” beitreten. Auf einer Zusammenkunft, dem Heimabend( der im Hause Boschwitz stattfand, lernte ich diese Familie etwas näher kennen. Seinen Bruder Friedemann und seine beiden Schwestern Bertha (Blümchen) und Miriam. Mitglieder dieser Gruppe waren die beiden Brüder Fritz und Lutz Galewski. (Früher Pieschen. Vater Georg Galewski, 1915 gefallen) Sodann auch aus Gruppe Charlottenburg: Manfred und Harry Litten. Aus Gruppe Berlin Zentrum: Erich Rosenblüth. Erich Rosenblüth sollte für mich der entscheidende Mensch werden, der meine jüdische Haltung beeinflusste. Ich habe ihn auf der Fahrt in den Spreewald in der Woche vor Pessach 1925 kennengelernt. Ich hatte den (richtigen) Eindruck, dass er der intelligenteste und menschlich aufgeschlossenste in diesem Kreise ist. Seine Kenntnisse schienen mir (und waren in der Tat) unerschöpflich. Sowohl in dem allgemeinen Bildnungsbereich wie im jüdischen. Er stand damals im Trauerjahr. Er hatte kurze Zeit vorher seine Mutter verloren. Er betete vor oder zumindestens sagte er beim allgemeinen Gebet den Kaddisch. Er war wohl kaum das, was man im allgemeinen einen Gefühlsmenschen nennt. Aber die entschiedene Hingabe ans Gebet war echt. Er war “fromm”, aber ohne jeden Zug zur Heuchelei. — Er liess sich über die Hebräische Universität aus; die gerade'in jenen Tagen feierlich eröffnet wurde. Erich erzählt ferner, dass es auf einer Sitzung eine schicksalsträchtige Debatte gab. Da bemerkte jemand, man müsse unterbrechen, um Mincha zu dawnen. Aber jemand anders stand auf und sagte: wir werden noch oft Mincha im Leben beten. Heute, jetzt zur Stunde, können wir nicht unterbrechen. Die Sache, die zur Entscheidung steht, ist von einmaliger Dringlichkeit für den Klall. Bleiben wir dabei. E.R. erzählte dies, um zu zeigen, dass nicht papierene Vorschriften entscheiden Das Leben entscheidet! Auf der Rückfahrt im Zuge von Cottbus nach Berlin sprach er mit einem der Teilnehmer am Ausflug — vielleicht mit Friedemann Boschwitz — dass in dieser Woche (oder demnächst) Georg Brandes einen Vortrag halten werde: “Die geistige Situation im heutigen Europa”. Er liess sich über Georg Brandes aus. Und auch über das Vortragsthema. Es schien mir hochinteressant, was E.R. über den bekannten Literaturhistoriker und sein Werk zu sagen hatte. Vielleicht war ich damals, wie so manches Mal im Leben, geneigt für einen Menschen zu schwärmen, wenn ich merkte, dass er mir geistig oder künstlerisch oder gar in der Lebenspragmatik um ein ordentliches Stück voraus ist. Bei Rosenblüth hatte ich dieses positive Empfinden der natürlichen Überlegenheit bis tief in die dreissiger Jahre. Durch den Wechsel der Schule vom K.R.G. (Königstädtisches Realgymnasium) zum D.R.G. (Dorotheenstädtisehen Realgymnasium) traf ich mit E.R. fast jeden Tag in der grossen Pause auf dem Schulhof zusammen. Die Pause fand nicht wie in den meisten Schulen nach der-zweiten Unterrichtstunde statt, sondern erst nach der dritten Dafür dauerte sie entsprechend lange (25 Minuten). Wir konnten uns also in dieser Zeit nach Belieben unterhalten. Neue Horizonte taten sich mir in diesen Gesprächen auf. Achad Haam! Nie hatte ich zuvor auch nur den Namen gehört. R. las diesen philosophischen Schriftsteller im hebräischen Original. Fragte ihn einmal voller Bewunderung: “Wo findest Du nur die Zeit, all dies zu lesen und zu studieren”? Seine Antwort: “Sogar während der Schulzeit kann man es fertigbringen, wichtige jüdische Bücher zu lesen. Nicht immer lohnt es Sich anzuhören, was vorgetragen wird. Da muss man sich vorsorglich Lektüre von Hause mitbringen. Viele Partien im Werke Achad Haams habe ich auf diese Weise gelesen...” Er las und er schrieb eine Unmenge. Als etwa Vierzehnjähriger gab er eine Zeitung heraus. Die Beiträge stammten lediglich von ihm. Eine Art Wochenschrift. Dieses Produkt dürfte sobald nicht seinesgleichen in der ganzen Welt gehabt haben. Erich erlebte in Berlin die Revolution von 1918/19. Revolutionäre Zeiten bringen zahllose politische Programme, Aufrufe und Vorschläge hervor. Bei E.R. konnte man ein ganzes Archiv finden, das sich seit 1918 angesammelt hatte. Stücke aus dieser Sammlung fanden ihr Echo in dem Blatt, das dieser wundersame Knabe oder nun schon Jugendliche herausgegeben hatte. Ihn in seiner väterlichen Wohnung zu besuchen, brachte Gewinn. Ich hatte den Vorzug das Haus Rosenblüth eine erhebliche Anzahl von Malen zu betreten. Erich wurde mein “Führer” (das Wort hatte bis etwa 1930/31 einen guten Klang) und mein persönlicher Freund. Es gab kaum ein Anliegen des tagtäglichen Gesellschafts- und Gemeinschaftslebens, das ich nicht mit ihm besprach. Er hat mich in die Hebräische Sprachschule mitgenommen und eingeführt. Er sprach bereits damals Hebräisch, u. er konnte sich frei u. gewähltmündlich und schriftlich in der Sprache der Väter ausdrücken. Da er vor dem Abitur stand, war seine Freizeit im Sommer 25 naturgemäss etwas beschränkt. Nach dem Abitur ging er für ein Jahr auf die Breuersche Jeschiwa nach Frankfurt. Als er zurückkam fing er an auf der Berliner Universität Geschichte und Anglistik zu studieren und das Rabbinerseminar zu besuchen. Während dieses Studienjahres ab Herbst 1926 hat er mich ln das T’nach eingeführt. Ich lernte bei ihm das erste Buch Samuel. Wir dürften während des Winters etwa bis zur Mitte des Buches vorgedrungen sein. So wichtig es war, den Text zu erlernen, mindestens ebenso wichtig war es für mich, dass ich Gelegenheit hatte, etwa zweimal in der Woche ein Gespräch zu führen, das immer anregend und bereichernd verlief. Es stärkte mich innerlich und auch körperlich, dass ich bis zum Oranienburger Tor bei Wind und Wetter im Winter zurücklegen musste. In diesen nördlichen Teil der Friedrichstrasse mündete die OranienburgerStrasse ein. Bis zum Wohnhaus von Erich waren es noch höchstens fünf Minuten Wegs. Für die immerhin mindestens 25 Minuten lange Strecke zu Fuss hatte ich mir den Eingangsmonolog von Faust I abgeschrieben und lernte denselben — unterwegs—auswendig (damit mir der Weg halt nicht so langweilig war). Überhaupt lernte ich in jener Zeit, allen möglichen Anregungen folgend, mancherlei Stücke biblischer und klassischer Provinienz auswendig. So gewisse Psalmen, das 38. Kap. Hiob. Enige Perlen von Catull, gewisse Weisheitssprüche aus der religiösen Welt von Meister Ekkehard. Gewiss, das war nicht immer die Thematik, die ich bei E.R. erlernte. Es gab für mich in jener Zeit auch andere bewährte Lehrer, von denen zu lernen war. Aber es ist doch hervorzuzheben, dass Rosenblüth die Rolle eines anregenden Enzyklopädisten spielte. Ein junger Mann von umfassenden Wissen und gleichzeitig von einer geläuterten Weltanschauung, vor dessen kritischem Geist alles überlieferte und Neue zunächst analysiert wurde, um das was daran lebendig und organisch war, wieder in eine konstruktive Form zu giessen. All dies bewusst oder unbewusst im Geist von GE. Lessing. Wenn wir “auf Fahrt” gingen, so überragte Erich uns alle durch seine natürliche menschliche Haltung, die er an den Tag legte. Ordentlich und sauber angezogen, seine Sachen in Ordnung haltend, zurückhaltend im Konsum, abgehärtet gegenüber den Unbilden des Wetters und den zumeist sehr unzureichenden “Bleiben”, die unserer harrten, hörte ich ihn nie reklamieren oder klagen, dass wir es (gegebenenfalls) nicht so gut getroffen hätten. Die Fahrt in die Sächsische Schweiz zu Pfingsten 1925, die Winterfahrt in den Harz am Jahresende 1927, wo wir in Altenbrak- Treseburg auf Pritschen in einem warmen Raum vor der scharfen Kälte Zuflucht fanden und andere Ausflüge wurden erst schön, wenn sich die “führenden” Teilnehmer zurückhielten und Erich zu Worte kam. Das Fluidum, das von ihm ausging, erfasste uns alle. Im Sommer 1937, auf dem Bundestag von Hof Wehneberg bei Hersfeld, (Juli 1927), sollte sich die Ausstrahlung von Fluidum und platonischem Eros, die von dieser Persönlichkeit ausgingen, aufs grossartigste entfalten. Die Esra-Bundestage in jener Zeit wiesen ohnehin ein Niveau auf, das sich in spiritueller Hinsicht hat hören und sehen lassen können'. Aber die Referate und die sich anschliessenden Debatten hatten dennoch oft etwas Geschraubtes und Hyperintellektuelles aufzuweisen. Am Schabbat Nachmittag, als alles von der guten sabbatlichen Stimmung ergriffen war, da geschah etwas, was sich im Vergleich zu den Routinereferaten wie ein alpiner Höhenflug ausnahm. Der Einundzwanzigjährige führte einer grossen Versammlung den Weg der deutschen Jugendbewegung vor Augen: von Karl Fischers Gruppe, dem Wandervogel, vom Hohen Meissner zum tragischen Aderlass bei Langemark und woanders an der Westfront... In wiefern nun ist die Jüdische Jugendbewegung ein Teil der allgemeinen Jugendbewegung?... Das Hervorheben und Herausarbeiten des Romantischen an sich, das ein Gemeinsames für alles “Bewegte” ist, und — wie sich von selbst versteht — die gleichzeitige mächtige Wesensverschiedenheit, die sich zwischen uns und der nichtjüdischen Welt auf tut — all dies in einer schönen und klaren Sprache vorgetragen, verfehlte seinen Eindruck nicht. Dieses Referat bildete den (Fortsetzung auf Seite 38) 37