Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1986
- Issue
- No. 51 (1986)
- Date
- 1986-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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KEMPEN IN POSEN Wir wissen, dass viele unserer Leser entweder aus Kempen stammen, oder zumindest wissen, dass diese Gemeinde bis 1918 eine bluehende, juedische Gemeinde gewesen ist. Neben der schoenen Synagoge, von der man noch heute spricht, gab es ein Beth Hamidrasch (Lehrhaus), in dem taeglich gelernt wurde. Wir sind nicht befugt ueber das herrliche, juedische Leben zu berichten, da wir selbst leider nie dort waren. Vielleicht wird sich einer unserer Leser finden, der aus Kempen stammt, und uns Material zusendet. Aber wir duerfen eine solch bluehende Gemeinde nicht vergessen, wo grosse Rabbanitn taetig waren und in der juedischen Welt bekannt sind, u.a. Malbim. In der letzten Epoche der grosse Historiker Rabbiner Dr. Louis Lewin, spaeter Kattowitz O/S und Breslau, der in unserem Blatt des öfteren erwaehnt worden ist. Was Kempen an Jtidischkeit ausgestrahlt hat, bleibt bei Kindern und Enkeln lebendig. Nachstehend finden Sie eine Reisebeschreibung von Frau Blitzer geb. Pagel die Kempen auch nicht vergessen kann. ERINNERUNG AN KEMPEN Wenn ich will, kann ich jederzeit zurückkehren. An dem länglichen Bahnhof wird mich wie immer mein guter Onkel erwarten. Die Droschke mit dem Brummbär von Kutsoher wird vor dem Bahnhof stehen. Der rauhe Kutscher, der meinem Onkel so ergeben ist, dass er neben ihm wie ein zahmer Bär wirkt, der seinem Dompteur aus der Hand frisst. Irgend ein dunkles Geheimnis muss diese beiden verbinden, mein Onkel muss ihn einmal vor dem Gefängnis bewahrt haben, denke ich, während ich auf die Kutsche zugehe. Unter seinem grossen Schmuzbart brummt der Kutscher ein Willkommen, das höchste seiner Zugeständnisse an Freundlichkeit u. los geht die Fahrt über katzentouckelige Pflastersteine an kleinen Vorstadthäusern vorbei, an deren Staketenzäunen Sonnenblumen und Kapuzinerkresse wachsen. Ich atme tief die Luft ein, die reine Luft der Kornfelder und Gemüseacker, die sich soweit das Auge reicht erstrecken. Nun werden die Häuser stattlicher, wir nähern uns dem grossen Ring mit seinen Geschäften, dem Mittelpunkt der Kreisstadt. Kempen {Po«»«): * Gegenüber dem Rathaus wird die Droschke vor dem Haus meines Onkels anhalten, dem Haus, in dem mein Vater geboren wurde. Wir werden erst in das Geschäft im Erdgeschoss hereingehen, in dem es so viele wunderbare Sachen gibt wie Messingringe mit rubinroten, smaragdgrünen und kobaltblauen Steinen, Spielzeugautos, die man aufziehen kann und sie fahren, glänzende Messinglampen und Brillen, die man selbst anprobiert. Meine Tante wird im Geschäft sitzen, mich liebevoll umarmen und ins obere Stockwerk führen, wo mich Grossmutter schon erwarten wird. Das ganze Haus wird von Kuchenduft erfüllt sein, Streusselkuchen, Pflaumen, und Apfelkuchen, die man mir zu Ehren gebacken hat. Bis zum Abendbrot ist es noch Zeit und so wird Grossmutter an ihrem gewohnten Fensterplatz im Lehnstuhl sitzen, ich auf dem Schemel zu ihren Füssen und sie wird mir Geschichten erzählen, wie nur Gros.smütter sie erzählen können. Wenn es die richtige Jahreszeit ist, Sommer, wird der Birnbaum im Hof sich unter der Last seiner Früchte biegen. Er reicht bis zum Fenster, an dem wir sitzen. Nun werden Onkel und Tante heraufkommen, die Ga.slampen werden zischend . angezündet, das Abendbrot wird gerichtet, wir werden alle gemütlich beisammensitzen und ich werde viel zu er¬ JL,... Die Bilder der Synagoge von Kempen sind uns freundlicherweise von Frau Marga Blechstein, Tel-Aviv früher Kempen, zur Verfügung gestellt worden. zählen haben. Später werde ich unter dem kuscheligen Federbett einschlafen, glücklich über so viel Fürsorge und Liebe. V/enn ich will, kann ich jederzeit zurückkehlen — — — in meinen Wach- und Nachtträumen. .Denn in dem Haus wohnen Fremde, meine Gros.smutter ist schon längst tot, mein Onkel und meine Tante wurden in einem Todeslager umgebracht -und ich bin kein Kind mehr. Aber keine Hölle kann uns aus dem Paradies der Erinnerungen vertreiben. ILSE HANNA PA GEL-BLITZER fr. BEUTHEN O/S EIN HISTORISCHER BESUCH IN POSEN IM JAHRE 1846 Sir Moses Montefiore, der unentwegte und unerschrockene Vorkaempfer seiner juedischen Brueder, wo auch immer sie bedrueckt oder verfolgt wurden, unternahm im Jahre 1816 wiederum eine seiner vielen meist recht muehsamen Reisen (darunter allein sieben nach Palaestina...), diesmal nach Russland um bei dem Zar und seinen Ministern vorstellig zu werden, damit sie die antijuedischen Gesetze und verwaltungsmaessigen Handhabungen widerrufen solten, was ihm zum Teil und zumindest fuer eine gewisse Zeitspanne gelang. Auf der Rueckreise nach England gelangte er nach Posen, und in seinen, waehrend seines ganzen taetigen Lebens gefuehrten Tagebuechern (neuerdings von der Jewish Historical Society of England neu herausgegeben) schildert er den Besuch in dieser Stadt, wie folgt (uebersetzt aus dem englischen Original): “Am 25. Mai erreichten wir Posen. Wo wir auch auf der Reise von Warschau Halt machten, wenn auch nur fuer wenige Minuten, erwarteten uns, so_ gar auf den Poststationen, Deputationen mit Begruessurgsschriften. Schon am naechsten Vormittag kam eine Abordnung aus der Alten Synagoge um mich u. meine Gattin (Judith, d. ihn bis zu ihrem Tode auf allen Reisen begleitete) zum Gottesdienst zu begleiten. Das ehrwuerdige Gebaeude, aus alter Zeit stammend, umfangreich und von angenehmen Proportionen, war erleuchtet und auf den Sitzen waren Blumen gestreut. Um 11 Uhr empfin_ gen uns der Oberrabbiner der Gemeinde S. Eger, der ehrwuerdige S. Plessr.er, Hauptvorleser, die Vorstandmitglieder u. Vertreter aller Wohlfahrtsvereinigungen, in allem 60 Herren, und ueberreich- (Fortsetzung auf Seite 17) 16