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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1986-01-01 · No. 51 (1986) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1986
Issue
No. 51 (1986)
Date
1986-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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1907-1917: Dr. Baecks Nachfolger in Oppeln “Im Osten (d.h. in Osteuropa, — D. Verf.) warten sechs Millionen Juden auf Erlösung aus der Hölle! Hunderttausende sind ermordet worden, andere hunderttausende Bind verhungert, und ebensoviele hunderttausende gehen mit Sicherheit demselben Schicksal entgegen, wenn ihnen nicht bald Hilfe wird”. Diese Sätze findet man in einem Artikel, den Rabbiner Dr. Felix Goldmann (Leipzig) wohlgemerkt: ein Nichtzionist, im Anschluss an den ersten Aufruf des 1921 in London gegründeten Keren Hayessod (K.H.) veröffentlichte. Er ist, zusammen mit Äusserungen anderer deutscher Juden, wiedergegeben in einer in den 20er Jahren erschienenen, heute vermutlich selten gewordenen Broschüre “Der Aufbau Palästinas und das deutsche Judentum” herausgegeben vom K.H. (Jüdisches Palästinswerk) e.V. in Berlin. Und Goldmann, dieser unverwüstliche Führer zum Judentum, dessen Todestag sich am 7. Oktober zum fünfzigsten Mal jährt, schloss jenes Bekenntnis mit dem Satz: “Grosse Kreise der Judenheit widmen sich heute bereits, ohne Rücksicht auf die Parteistellung, dem Aufbau des heiligen Landes, und es ist zu wünschen, das die allgemeine freudige Mitarbeit das Werk gelingen lasse”. Dass, damals jedenfalls, ein deutscher Rabbiner ein typisch englisches “Zungen-r” sprach, gehörte zu den Seltenheiten. Dies musste jedem auffallen, der mit Felix Goldmann in Berührung kam, sei es an seinen Amtssitzen in Oppeln (als unmittelbarer Nachfolger von Dr. Leo Baeck, von 1907 ab) in Leipzig zwischen 1917 und 1934, sei es auf Tagungen oder in einem der zahrleichen Bildungsvorträge, die er vielerorts in Deutschland einst hielt. Goldmann war 1882 in London geboren, wo er bis zu seinem elften Lebensjahr wohnte. In Berlin ging er zur Schule, und hier absolvierte er auch die (liberale) Hochschule (Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums. Noch, heute ein halbes Jahrhundert nach seinem Ableben (nur wenige Tage vor Antritt einer Studienreise nach Palästina), sieht man ihn im Geiste leibhaftig vor sich: diesen untersetzten, gedrungenen Mann mit den lebhaften Augen, dessen Temperament oft einer dynamisch-sprühenden Energie nahekam. Mit seinem sozialen Engagment war er vor allem d. Jugend ein freundschaftlich gesinnter Lehrer, mehr humorig als würdevoll; er war ein brillanter Kanzelredner, ein wissensreicher, solider Buch- und Aufsatzautor. Aus der “Saxo-Bavaria” — K.C.-Verbindung hervorgegangen, stand er bis zuletzt an verantwortlicher und führender Stelle des C.-V. (Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V.), sowohl in Berlin als auch in Sachsen und Mitteldeutschland. Wie schon das Zitat aus der K.H.- Broschüre andeutet, hatte er eine breite jüdische Basis, und sie war wahrscheinlich auch mitentscheidend dafür, dass er 1917 als 35jähriger nach Leipzig an die geistige Spitze der Gemeinde berufen winde, die, aus deutschen und Ostjuden, aus liberalen und konservativen/orthodoxen bunt zusammengesetzt, zu jener Zeit nahezu 13.000 Seelen zählte. Abgesehen von seiner Verbundenheit mit dem K.H., gehörte Dr. Goldmann auch bald zu den Förderern der 1929 durch Nichtzionisten Erweiterten “Jewish Agency for Palestine”. Seit etwa 1911 hat Goldmann eine umfangreiche publizistische Tätigkeit entfaltet; aus seiner Feder stammen wertvolle, auch zur Gestaltung der modernen Apologie wichtige Schriften. Dazu gehören “Zionismus oder Liberalismus, Atheismus oder Religion” (1911), “Taufjudentum und Antisemitismus” (1914), “Die Stellung des deutschen ZUM 50 TODESTAG VON RABBINER DR. FELIX GOLDMANN E. G. LOWENTHAL Rabbiners zur Ostjudenfrage” (1916), “Warum sind und bleiben wir Juden?” (1918, 1924), “Vom Wesen des Antisemitismus” (1920, 1924), “Der Jude im deutschen Kulturkreise — Ein Beitrag zum Wesen des Nationalismus” (1930), “Der Talmud, sein Werden, sein Wesen, sein Werk” (1932). Viele dieser Schriften sind in dem dem C.-V. nahestehenden Philo-Verlag in Berlin herausgekommen. 1930 hatte Felix Goldmann zur Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Leipziger Gemeindesynagoge einen Beitrag über den Charakter dieser Gemeinschaft beigetragen. Als er im Herbst 1934 heimging, lag das Manuskript seiner Studie “Deutschjüdische Existenz — heute” vor; sie untersuchte die Problematik des deutschjüdischen Gedanken-, Lebens- und Arbeitsraumes und wurde gleichsam zu Goldmanns geistigem Vermächtnis an die Juden in Deutschland. Im Schlusskapitel der nachgelassenen, aber unveröffentlicht gebliebenen Schrift liest man u.a.: “Jüdische Existenz ist immer modifiziert durch die Bedingungen des Raumes, in denen sie sich “Als Jude in Breslau 1941” (Aus den Tagebüchern von Studienrat a.D. Willy Israel Cohn), herausgegeben von Joseph Walk, Bleicher Taschenbuch, 144 S. Die Auszüge aus den Tagebüchern von Dr. Willy Cohn, Breslau, aus dem Jahre 1941 sind jetzt in zweiter Auflage im verdienstvollen Bleicher Verlag erschienen. Sie waren ursprünglich mit Hilfe seiner Tochter Ruth Atzmon-Cohn vom Institut zur Erforschung des Holocaust der Bar Ilam Universität und des Verbandes ehemaliger Breslauer in Israel der Öffentlichkeit zugängig gemacht worden. Die neue Auflage ist von Prof. Dr. Joseph Walk herausgegeben worden, der die Auswahl mit Akribie und Sinn für das Wesentliche getroffen und mit interessanten Dokumenten ergänzt hat. Willy Cohn, der 25 Jahre als Studienrat in Breslau tätig war und über 40 Jahre Tagebuch geführt hatte, war Historiker und ein Mensch von politischem W'eitblick, den er sich auch nicht in den verhängnisvollen Tagen des Jahre 1941 trüben liess. Seine Aufzeichnungen spiegeln die Ereignisse jener Zeit wider, gesehen aus der Perspektive eines der Juden in Deutschland. ,,die in der Hand der Deutschen als Pfand geblieben sind...” * Erlitten die deutschen Truppen eine Niederlage — wie im Frühsommer 1941 in Nordafrika — so rächten sie sich an den Juden, waren sie siegreich, rechnete man erst recht mit den Juden ab. Diese Aufzeichnungen sind ein Zeugnis menschlicher Würde im Angesicht der Schändung des Menschen: die antijüdischen Massnahmen wurden immer härter, die Rationen spärlicher, Wohnungen mussten geräumt werden und die Gerüchvollzieht. Es gibt polnisch-jüdische, persisch-jüdische, amerikanisch-jüdische, deutsch-jüdische Existenz, aber es gibt keine jüdische Existenz schlechthin! Alle sind sie gleichwertig, wenn sie im jüdischen Geiste wirken”. Und noch einmal, nämlich 1935, erschien Felix Goldmanns Name: in den vom Verlag J. Goldstein herausgegebenen “Büchern der Erneuerung”, einer Sammlung von “Predigten an das deutsche Judentum von heute” — verfasst von Vater und Sohn (Adolf und Alexander) Altmann bis hin zu Manfred Swarsensky und Malvin Warschauer sowie 11 weiteren namhaften Rabbinern in Deutschland der NS-Zeit. Erlöst von schwerer Krankheit, ging Felix Goldmann dahin, im Alter von nur 52 Jahren; viel zu jung, viel zu früh starb dieser Mann, dessen geistiges Schaffen und Wirken der jüdischen Gemeinschaft noch so viel hätte geben können. Er hat das Vorspiel zur Endphase der Juden in Deutschland noch miterlebt. Andererseits ist ihm Manches erspart geblieben. Zu der dankerfüllten Gedenkfeier für Dr. Goldmann in der Synagoge in der Gottschedstrasse 28 hatten sich weit über 1000 Personen aus allen Richtungen im jüdischen Leben Leipzigs eingefunden. Wo wohl das sehr charakteristische Felix-Goldmann-Porträt des Leipziger Malers Eduard Einschlag geblieben sein mag? te verdichteten sich, scheinbar unangefochten ging der Gelehrte Tag für Tag seiner Arbeit nach. Im Domarchiv und dem Gemeinde-Archiv betrieb er seine Urkundenforschung, exzerpierte er Regesten, studierte er alte Folianten und las Korrekturen. Am Tage des deutschen Einmarsches in Russland, am 22. Juni 1941, liess er sich nicht von dem Siegesjubel seiner Umgebung täuschen und sah eine Situation voraus ,die der von 1914 ähnelte — eine Einkreisung Deutschlands und eine Verzettelung seiner militärischen Kräfte. Und später: “Jm Osten werden weitere Siege gemeldet, und doch werden sie den Endsieg nicht bringen”. * Selbst als er seine Wohnung verliert, setzt er seine Arbeit für die Germania Judaica gewissenhaft fort, auch wenn er sich erst an den neu eingeführten Judenstern gewöhnen muss. Während der Kreis um ihn immer kleiner wird und die letzten deutschen Freunde dem drohenden Geschehen ohnmächtig Zusehen müssen, schreibt er eine Studie über das jüdische Prag und macht Funde im historischen Aktenmaterial der Gemeind.e Nur in seiner vorletzten Eintragung heisst es: ‘Gestern nachmittag eigentlich das erste Mal in meinem Leben, oder mindestens in den letzten Jahren, dass ich nicht zu arbeiten in der Lage war. Es ging mir sehr vieles im Kopf herum...” Dr. Cohn ist einer der unbesungenen Helden: sein Tagebuch fügt sich würdig in die Reihe der Dokumente aus dunkler Zeit und es ist dem Herausgeber der neuen Auflage, Professor Walk, sowie dem Verlag zu wünschen, dass es in seiner neuen Gestalt einen grösseren Leserkreis erreichen wird. AUFZEICHNUNGEN AUS DUNKLER ZEIT Von HERBERT FREEDEN 10

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