Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2010
- Issue
- No. 85 (2010)
- Date
- 2010-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Auf jüdischen Spuren in Breslau Im Rahmen ihrer lahresarbeiten, von vier Schüler/innen Die Gründe für die Wahl dieser Thematik ist vielfältig. Schon in der achten Klasse haben sich diese Schüler mit dem Judentum auseinander gesetzt, als sie AnnaTevka als Klassenspiel aufführten. Marita Windhoff wollte „anhand der Geschichte der Juden in Breslau mehr vom Judentum erfahren und den jüdischen Glauben besser kennen lernen". Janneke Kiviet und Elisabeth Salzmann, die mit dem Jugendkreis der Christengemeinschaft bereits in Auschwitz-Birkenau waren, hatten die Absicht sich mit einzelnen Schicksalen auseinander zu setzen und Kevin Stüber Rousselle entschied sich auf dem Friedhof zu arbeiten, Grabsteine und Wege frei zu legen. Außerdem wollte er über das jüdische Schulwesen in Breslau recherchieren. Unser gewagtes Projekt wurde dem Auswärtigen Amt in Berlin präsentiert und wir wurden mit einer großzügigen Spende ermutigt, diese Entdeckungsreise anzutreten. Auf der ersten Reise haben wir die Stadt besucht, das jüdische Viertel besichtigt, eine Führung durch die restaurierte Storch- Synagoge gemacht, Mitglieder der heutigen jüdischen Gemeinde getroffen. Außerdem haben wir nach Spuren im Archiv und vor allem in den beiden jüdischen Friedhöfen der Stadt gesucht. Denn Friedhöfe sind Orte der Geschichte und der Geschichten, sie sind sprechende Orte. Indem sie von den Verstorbenen reden, erzählen sie vom Leben. Die Steine selbst sprechen verschiedene Sprachen: Eine Sprache ihrer Formen, Verzierungen und Symbole, eine der Inschriften, der Texte, Daten und Namen, hebräische, deutsche und polnische Worte, nicht selten eine Mischung: Die Sprache der Steine bedarf der Übersetzung. Wir müssen lernen, sie zu lesen. Was macht Breslau als Ort für eine Suche nach jüdischen Spuren für junge Menschen aus Deutschland so interessant? An erster Stelle seine einst ausgeprägte deutsch-jüdische Kultur. An diesem Ort existierte lange Zeit eines der wichtigsten kulturellen Zentren des deutschen Judentums. Jüdische und deutsche Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik trafen hier zusammen. Durch seine Lage war die Handelsstadt Breslau ein Kreuzungspunkt wichtiger Straßen, eine Nahtstelle zwischen Ost- und Westeuropa und ist es bis heute geblieben. Aber während in Deutschland und auch in Krakau oder Warschau die Plätze der ehemaligen jüdischen Präsenz, des jüdischen Gemeindelebens wie zum Beispiel Friedhöfe, Synagogen, soziale Einrichtungen, Häuser und Wohnungen im Besitz von Juden im allgemeinen in der Bevölkerung bekannt geblieben sind (Stolpersteine in vielen Deutschen Orten), so ist dieses Wissen in Breslau nur ganz wenigen historisch interessierten Personen Vorbehalten. Viele dieser topographischen Bezugspunkte sind ungenannt und vergessen, denn hier in den ehemaligen deutschen Ostgebieten kam es zu einem vollständigen Bevölkerungsaustausch und damit auch zum völligen Abbruch der kulturellen Kontinuität. Marita erzählte uns die Geschichte der Juden vom Anfang des 13. Jahrhunderts. Ein Grabstein aus dem Jahre 1203 weist darauf hin, dass es einen jüdischen Friedhof und eine dazugehörige Gemeinde schon zu der Zeit gegeben haben muss. Im Laufe des 14. Jahrhunderts kam es in Breslau zu zunehmender Anfeindung der Juden bis hin zu ihrer Ausweisung aus der Stadt. Auf Grund ihrer großen Bedeutung für die Handelsbeziehungen der Stadt insbesondere mit Polen wurde den Juden jedoch der Zutritt zur Stadt nach und nach wieder gewährt und ihnen im 1 7. Jahrhundert erlaubt, sich mit ihren Familien in Breslau dauerhaft aufzuhalten.Unter dem preußischen König Friedrich II entwickelte sich im Verlaufe des 18. Jahrhunderts das jüdische Leben in Breslau stetig. So entstand in der Nähe des Stadtschlosses ein jüdisches Viertel, dessen Reste noch heute zu finden sind. Die Juden konnten ungehindert ihre Religion ausüben. In der Folgezeit und bis ins 19. Jahrhundert sind Gebetshäuser und Synagogen, Krankenhäuser und Friedhöfe entstanden. Ihrer Religion verdankten die Juden ihre Zusammengehörigkeit und damit ihr Überleben. Erst in der Zeit der Aufklärung begann man sehr zögernd von den traditionellen jüdischen Bildungsmodellen abzugehen und sich an den Fortschritten der christlichen Gesellschaft zu orientieren. Im Glanz des deutschen Kaiserreichs (1870- 1918) wurden die Kontakte zwischen der christlichen und der jüdischen Gesellschaft vielfältiger, ungezwungener und selbstverständlicher. Juden waren in allen Bereichen tätig: Sie waren nicht nur Kauf- und Bankleute, sie beteiligten sich auch in der Stadtverwaltung und Politik. Zu den Menschen, die für die Geschichte der Stadt Breslau bis heute bedeutsam geblieben sind, gehörten viele Juden. Zwei jüdische Friedhöfe bestehen heute noch in Breslau. Auf beiden findet man viele Gräber, die die Geschichte Breslaus erzählen, zum Beispiel das Grab von Ferdinand Lassale, dem Gründer der SPD auf dem älteren Friedhof (Lohestrasse, jetzt ul. Slezna), der seit langem geschlossen ist und heute als Museum bewart wird. Das Denkmal „Zum Gedächtnis der im Kriege 1914-1918 gefallenen Soldaten», mit den Kriegsgräbern, befindet sich auf dem späteren Friedhof (einst «Cosel», heute ul. Lotnica), der noch heute von der jüdischen Gemeinde in Gebrauch steht. In der Zeit der Verfolgung und Zerstörung zwischen 1938 und 1945 haben die Breslauer Juden das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen West- und Ostjuden: Ausgrenzung, Vernichtung, Zerstreuung. Damit wurde eine jüdische Welt mit jahrhundertlanger, kultureller, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Tradition, die von herausragender gesamtdeutscher und