Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2010
- Issue
- No. 85 (2010)
- Date
- 2010-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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24 (Fortsetzung von S.23) Michael Schacht-Dolgoruky noch, nebenbei gesagt. Später kam ich in die Berufsschule und da habe ich alles über Textilfasern, argentinische Baumwolle gelernt. ich wurde ein brillianter Schüler. Wenn ich mich für etwas interessiere, behalte ich es auch. Haben Sie die Berufsschule abgeschlossen? Nein, ich habe nie etwas während des Dritten Reiches abschließen können. Die Firma wurde arisiert, der Nachfolger, ich hab den Namen vergessen.hat gesagt, einen Halbjuden als Lehrling will ich nicht haben. Raus, das ging ganz schnell. Da ist mir dann der Kragen geplatzt, und ich habe gesagt, jetzt gehe ich zu meinem Vater. Das war 1936/37 und ich weiß noch, meine Mutter war entsetzt. Wie ging es mit ihrer Mutter weiter in Breslau? Einen Tag nach der Kristallnacht ist meine Mutter nach England ausgewandert. Hat sie sich von Ihnen verabschiedet? Nein, nichts. Sie ist ausgewandert und fertig und hat meinen Bruder und mich zurückgelassen. Was ist Ihre schönste Erinnerung an Breslau? Da war ich 16 oder 17 Jahre alt, da fing ich an die Dummheiten zu machen, die junge Männer so machen. Ich war im Ballett der Breslauer Oper. Ich mußte vorher bei der Hilde Godolewski Tanzstunden nehmen. Ich habe auch im Chor gesungen und war dann Solosänger... Wir haben die Oper „Palestrina" von Fitzner aufgeführt, dann zwei Wagner- Opern, „Der fliegende Holländer" und „Die Meistersinger von Nürnberg". An welche Straßen und Plätze erinnern Sie sich? Da war die Kaiser-Wilhelm-Straße, die Schweidnitzer Straße, die ging vom Hauptbahnhof zum Ring. Vor dem Hauptbahnhof war die Gartenstraße, da fuhr die Straßenbahn dann um die Ecke in dieTaschenstraße. Die erste Haltestelle war am Gymnasium in der Paradiesstraße. Meine Großeltern wohnten erst in der Körnerstraße, da mußten sie raus, weil ein Nazi rein wollte. Dann haben sie eine Wohnung in der Gartenstraße gehabt. Dort mußten sie auch raus. Schrecklich. Zuletzt waren sie in der Hohenzollernstraße. Und da weiß ich noch, dass ich dort am Sonntag vorbeigeritten bin, ein jüdischer Bekannter, der Herr Landsberg, bezahlte die Reitstunde. Wir haben noch die Geschichte mit den Breslauer Pfadfindern vergessen.... Ich war in einem jüdischen Pfadfinderbund, die alle Humanisten waren, die alle mit Latein, Griechisch und Französisch aufgewachsen sind. Wir machten eine große Fahrt nach Ostpreußen. In Königsberg wohnte der Bruder meines Großvaters, der Onkel Salo. Ich fuhr also mit der Straßenbahn Nr. 33 zu Tante Walli. Da gab es Hühnersuppe mit Krepeln. Ich erinnere mich noch ganz genau. Und die Tante hat mich bemuttert. Ich wollte das nicht, ich war doch ein Pfadfinder! Es war eine herrliche Zeit, ich war ein elfjähriger Junge, es war lange vor Hitler, 1930 oder 31. Dann gab es noch eine Geschichte als ich ins Gymnasium kam.... Ich kam also in das Johannesgymnasium und jemand aus der Quarta fragte mich: Willst Du Pfadfinder werden? Natürlich wollte ich. Also wurde ich Pfadfinder, ich wurde gekeilt, so nannte man das. Dann kam die Gruppe zusammen und dann wurde ich offiziell als Jungwolf eingestuft. Damals war alles auf das Dschungelbuch von Kipling ausgerichtet. Und dann mußte ich eine Uniform kaufen. Das war also 1929 oder 30. Und die Uniform von diesem Pfadfinderbund war braun! Braune Hosen, braunes Hemd mit den Pfadfinderknöpfen, schwarzes Käppi mit einer braunen Borte, also alles braun. Schulterriemen, Koppel, alles braun.... Und dann mußte ich Haferlschuh haben und weiße Kniestrümpfe und so ging ich also auf der Straße spazieren. Damals gab es starke Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten. Und die Nazis hatten alle braune Uniformen und die Kommunisten hatten grüne Uniformen mit roten Halstüchern. Ich ging also mit meiner braunen Pfadfinderuniform in Breslau auf der Straße und auf einmal kam mir eine Gruppe Kommunisten entgegen. Die dachten, ich bin ein Nazi, weil ich alles in braun hatte. Zeit zum Erklären gab es nicht. Die haben ein Gebrüll angefangen und ich hatte gerade noch Zeit meinen Schulterriemen abzuschnallen und mit einem Carabiner zusammenzumachen. Das hatten wir ja alles gelernt, wie man sich verteidigt... Ich stand also in einer Hausecke und hab um mich geschlagen ... Und das muß irgendjemand aus einem Fenster beobachtet haben, eine andere Erklärung hab ich nicht. Auf einmal kam ein Motorrad mit Beifahrer um die Ecke gesaust. Drei SA-Männer sprangen raus und haben sich die Kommunisten vorgenommen. Das war nicht länger als zwei oder drei Minuten, da war alles erledigt. Die dachten, ich bin ein Nazi vom Jungvolk, haben mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Junge, das hast Du gut gemacht! Jetzt bekommst Du erst einmal etwas zu essen. Dann haben die mich in die Neudorfstraße gebracht, da war das Braune Haus. Im Braunen Haus haben sie mir Kuchen und Milch angeboten. Dann fragten sie, ob ich zu Hause ein Telefon hätte. Ich bejahte und nannte meine Telefonnummer: 34300, das weiß ich heute noch, das war die Telefonnummer von meinen jüdischen Großeltern Dombrowski. Dann hat der SA-Mann die Telefonnummer angerufen. Vorher fragte er noch nach meinem Namen, um dann meinem Großvater mit : „ Heil Hitler, Herr Schacht" entgegenzubrüllen. Und weiter „Hier ist das Braune Haus, wir haben Ihren Enkel vor den Kommunisten gerettet. Machen Sie sich keine Sorgen. Er hat sich gut geprügelt. Wir bringen ihn gleich nach Hause. Heil Hitler!" Mein armer Großvater. Es war meine erste Erfahrung mit der SA. 1934 habe ich die DJ 111 Schwarzes Fähnlein, so hieß meine Pfadfindergruppe, verlassen.