Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2010
- Issue
- No. 85 (2010)
- Date
- 2010-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Interview mit Michael Schacht-Dolgoruky über Kindheit und Jugend in Breslau, von Katrin Filenius, Berlin Wie kam es, dass Sie von Berlin bzw. Bergholz-Rehbrücke nach Breslau umzogen? Das kam durch die Scheidung meiner Eltern, meine Mutter ist dann 1928 zu Ihren Eltern nach Breslau gezogen. Wie alt waren Sie 1928? Offiziell sieben Jahre, inoffiziell neun Jahre. Ich war ein sehr gut entwickeltes siebenjähriges Kind, hat man immer gesagt, bis ich herausbekam, dass ich zwei Jahre älter war. Ich bin dann in Breslau in die Menzelschule 50 eingeschult worden. Meine Mutter hat versucht einen Ausgleich zu schaffen, in dem sie mich nur drei Jahre Volksschule machen lies, nach drei Jahren mich schon für das Gymnasium, für das Johannesgymnasium anmeldete. Ich bin dann gleich in die Sexta gekommen und der Mathematiklehrer hat natürlich angenommen, dass ich alles weiß. Dann steht man da und das ist nicht schön. Aber ich bin nie sitzengeblieben, ich hab mich immer durchgeboxt, sagen wir mal von vierzig, unter den ersten zehn war ich immer. Hatten Sie in der Zeit eine Beziehung zu Ihrem Vater? Nein, damals überhaupt nicht. Solange nicht, bis ich zu meinem Vater gegangen bin, mit siebzehn Jahren. Aber wir waren gedanklich noch im Gymnasium... Ich war in der Klasse vom Dr. Lebeck, das war auch sehr tragisch, weil seine Frau Jüdin war. Der Klaus Lebeck war in meinem Alter und sein Vater hat genau dasgleiche getan wie mein Vater später mit mir, der hat ihn zum Militär geschickt. Aber er hatte Pech, acht Tage später war er tot, gefallen im Polenfeldzug, davon hat der Dr. Lebeck sich nie mehr erholt. Das war eine große Tragik. Wie war der Schulalltag im johannesgymnasium? Ober den Daumen gepeilt waren wir so vierzig bis fünfundvierzig Schüler in der Sexta. Davon waren bestimmt zwanzig jüdisch. Das Johannesgymnasium hatte eine Bedingung, es nahm nur Schüler auf, deren Eltern Akademiker waren. Das bestimmte also das Niveau. Als dann der Hitler kam, der hat natürlich die Schulen geöffnet, da kam dann alles rein und dann ging es bergab. Aber vorher war eine sehr freundliche, aber strikte Disziplin da. Zum Beispiel kam es gar nicht in Frage, dass in der Klasse gegessen wurde, auf dem Schulhof ja, aber nie in der Klasse. Das fiel dann alles weg. Mit der Öffnung für alle hat auch das Johannesgymnasium gelitten. 1934 wurde es dann arisiert und dann mußte ich sowieso weg. Haben Sie noch einige spezielle Erinnerungen an bestimmte Lehrer? Ja, der Tschetschatka, das war unser Mathematiklehrer, als Spitznamen hatte erTschaske und der hatte gleichzeitig den Gartenbauverein. Man konnte zwischen mehreren Möglichkeiten wählen und ich hab den Gartenbauverein gewählt. Da hatte jeder ein Beet, das Beet war ungefähr zwei Meter lang und ein Meter breit. Jeder hatte eine Dahlie und dann wurden Reihen von Karotten, Erbsen und alles was man sich vorstellen konnte angebaut, auch Salat. Da hatte dann jeder eine Miniernte. Das war sehr schön. Es war Friede und Freundschaft in diesem Gartenbauverein. Dann gab es einen, der hieß Fridolin, das war der Zeichenlehrer, aber an den richtigen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Dann kann ich mich erinnern, wir hatten jeden Freitag eine Stunde Religion. Dann kamen der Pastor, der Pfarrer und der Rabbiner, Arm in Arm über den Schulhof. Da haben wir immer aus dem Fenster geschaut und haben gesagt, seht mal, da kommt das Dreigestirn. Dann ging jeder in seine Klasse, die Protestanten in eine Klasse, die Juden in eine und die Katholiken in ihre. Jeder bekam seinen Religionsunterricht und dann kamen wir raus, unterhielten uns und erfuhren, das eigentlich jeder dasselbe gelernt hatte. Wir haben uns immer gewundert, warum muß das getrennt sein, wenn alle dasselbe haben. Eines muß ich sagen, also 1933 hat sich alles so geändert, also wenn man daran denkt, es ist so tragisch. So viele gute Freundschaften und Verhältnisse gingen kaputt. Da war noch eine andere Sache, wenn die Zeitung kam hat die Großmutter immer, noch bevor wir sie in die Hände bekamen, die Zeitung zensiert. Sie hat einfach jeden Artikel, den wir nicht lesen sollten, herausgeschnitten. Wir hatten also immer die Fensterzeitung. Ich war bestimmt vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, als ich die erste Zeitung in die Hand bekam, die nicht zensiert war. Solange wurde von uns alles ferngehalten, von dem meine Großeltern glaubten, daß es für Kinder nicht gut wäre. Wir sind sehr beschützt und so weit als möglich von den Schlechtigkeiten der Welt entfernt gehalten worden. Meine Kindheit war deswegen sehr unkompliziert. Beschreiben Sie bitte Ihre Großeltern. Meine Großmutter, Margarethe Dombrowski, war eine geborene Ehrlich. Und ihr Vater war der größte Kohlenhändler in Breslau. Der hat also ganz Breslau mit Kohlen versorgt. Soviel ich weiß, hat er acht Gespanne gehabt, er hat alles mit Pferden gemacht. Ja und dann hat er Kartoffeln dazugenommen, daran kann ich mich auch noch erinnern. Nathan Dombrowski ist G.s.D. in seinem Bett gestorben, aber der Onkel Salo, sein Bruder, ist ins Konzentrationslager gekommen, seine Frau, Tante WalIi ist ins KZ gekommen, Tante Trude ist ins KZ gekommen, die ganze Familie.... Menschen, von denen ich vier oder fünf gekannt habe. Mein Bruder hat mir von einer Liste der Holocaustopfer erzählt aus der hervorgeht, daß die Familie Ehrlich 72 Menschen verloren hat. Meine Großmutter ist in Majdanek oder Treblinka ums Leben gekommen. Und da hat mein Bruder eine gute Haltung bewiesen, der hat ihren Koffer getragen bis sie an die SS-Grenze kamen. Sie ist zuerst nach Theresienstadt gekommen und einen