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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2010-01-01 · No. 85 (2010) · p. Seite 21

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2010
Issue
No. 85 (2010)
Date
2010-01-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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21 Aus dem Leben des Michael Schacht-Dolgoruky Vorbemerkung Als meine Frau und ich Herrn Schacht und seine Begleiterin, die Filmproduzentin Frau Katrin Filenius in Tiberias kennenlernten (November 2009), feierte er gerade seinen 90ten Geburtstag. Er hielt uns stundenlang mit seiner Geschichte im Bann. Frau Filenius bietet unseren Lesern hier eine kurze Zusammenfassung seines langen, reichen und abendteuerlichen Lebens. Ferner hat sie Ihnen, in der Form eines Interview mit Herrn Schacht, seine Erinnerungen als halbjüdischer Junge in Breslau hervorgehoben. Wir haben uns erlaubt, gewisse Familienangelegenheiten weg zulassen, ohne auf das Breslauerische zu verzichten. Wenn man auch mit irgend einer Aussage nicht völlig übereinstimmen könnte, haben wir ein seltenes und lebhaftes Zeitbild einer Schicht der Breslauer jüdischen Gesellschaft geschenkt bekommen. Wir danken Herrn Schacht und Fr. Filenius für diesen aussergewöhnlichen Beitrag zu unseren Mitteilungen. BS Die Internetverbindung http://www.youtube.com watch?v=W72 U11U keok führt Sie zu einem kurzen Film von Fr. Filenius, in dem sie Herrn Schacht präsentiert. Michael Schacht Dolgoruky behauptet, am 26.11.1919 in Petrograd als Sohn von Prinz Simeon Michailovitsch Dolgoruky und Prinzessin Irina Golitzin geboren zu sein. Verfolgt von der russischen Revolution, fürchteten sie um das Leben ihres neu geborenen Kindes. In Irkutsk begegneten sie dem deutschen Offizier Schacht und dessen jüdischer Frau. Ihnen vertrauten sie das hochgefährdete Baby an. In Deutschland gaben die Schachts es als das eigene aus und ließen eine Geburtsurkunde auf den 26.11.1921 ausstellen. Das alles erfuhr Michael Schacht-Dolgoruky erst durch einen „Zufall" oder eine Fügung, wie er es nennt. Da war er ein Mann von 51 Jahren, der ein bewegtes Leben mit einer „falschen" Identität gelebt hatte. In der Folge überwirft er sich mit der Familie, in der er aufwuchs. Sein mittlerweile fünfundachtzigjähriger Bruder Franz, der seit dem Kriegsende in Kalifornien lebt, bezweifelt die „wahre" Identität seines Bruders bis heute und ist der Meinung, daß jener sich einen „Rettungsring" für die vom Krieg und privaten Verletzungen geschundene Seele gesucht hat. Die Eltern ließen sich scheiden, beide Jungen kamen zu den jüdischen Großeltern nach Breslau, wo Michael ins Johannesgymnasium ging. Nach der Arisierung, wanderten viele jüdische Mitschüler aus, u. A. nach Palästina, oder wurden umgeschult. Die Mutter floh einen Tag nach der Reichskristallnacht nach England, ohne ihre Söhne. Michael versuchte ihr zu folgen, scheiterte jedoch an der Schweizer Grenze, als er seine jüdische Herkunft offenbarte. Seine geliebte Großmutter starb in Majdanek. Insgesamt wurden zweiundsiebzig Mitglieder seiner Familie in Konzentrationslagern ermordet. Michael, der im Unterschied zu seinem Bruder tanzen, reiten und russisch lernen mußte, versucht am Schillertheater bei Heinrich George und später am Wiener Burgtheater bei Prof. Niederführ seine Talente zu vervollkommnen. Auch das endete abrupt, als seine jüdische Herkunft nicht mehr tragbar war. Seinem Vater gelingt es, den Jungen bei der Marine unterzubringen, die dieser 1943 nach Offenbarung der jüdischen Mutter innerhalb von vierundzwanzig Stunden verlassen muß. Wieder hilft ihm der Vater und vermittelt ihn als Arbeitskraft auf das Gut des Baron von Schlüter in Landsberg an der Warthe. Er versorgt Feldmarschall von Witzleben und später Carl Stülpnagel in Paris mit Post. Er war, ohne das es ihm bewußt wurde, ein Bote der Stauffenberggruppe. 1944 wird er in Berlin auf dem Schwarzmarkt verhaftet, später nach München- Stadelheim überführt. In der Bombennacht vom 17. Dezember gelingt ihm die Flucht. In der gleichen Nacht rettet er Tiere im Zirkus Krone, der ebenfalls bombardiert wurde. Aus Dankbarkeit nahmen ihn die Artisten in ihre Vaulting Riders Group auf und besorgten ihm einen argentinischen Paß. Kurz vor Weihnachten fuhr er nach Dresden, um die Feiertage mit seiner Frau Eva, die Hochzeit fand im Januar 1942 in Pillau statt, undden mittlerweiledrei Kindern zu verbringen. Er feierte Weihnachten und Chanukka mit der Familie (Schwiegervater war Medizinalrat und Ehrenjude EK 1 I. Weltkrieg). Am 5. Januar fuhr er nach München zurück. Am 13.Februar wurde Dresden bombardiert und seine Familie ausgelöscht. Eine Verwechselung auf Grund der Namensgleichheit mit Hjalmar Schacht und sein argentinischer Paß führten zu einer Verhaftung durch die Amerikaner. Man schlug dem Sechsundzwanzigjährigen sämtliche Zähne aus dem Kiefer und ihn selbst halbtot. Bis hierhin bestätigt sein Bruder Franz sämtliche Ereignisse, wenn sie auch noch so unglaublich oder unwahrscheinlich klingen. Dann trennen sich die Wege der Brüder. Nach der Entlassung aus dem Lager studiert Michael einige Semester Ökonomie und Finanzen an der Sorbonne. Das finanziert er sich mit Synchronjobs, kleinen Filmrollen oder Arbeit als Stuntman. Eine Karteikarte im Filmmuseum Potsdam gibt darüber Auskunft. 1951 wird er Supervisor bei der World Banking Corporation, später Troubleshooter bei Mannesmann. Aus seiner zweiten Ehe gehen drei Kinder hervor. Ab 1963 bereist er als Vertreter für Zement und Holz Argentinien, Brasilien und die Elfenbeinküste. Später baut er Brücken im Dschungel. Seine Ehe scheitert, ebenso die dritte und vierte. In jene Zeit fällt auch die Begegnung mit seinen „wahren" Eltern in London, sein Leben wendet sich komplett. Für ihn klären sich alle Ungereimtheiten der Kindheit mit einem Schlag. Er nimmt den Namen Dolgoruky an und löst sich erst einmal von der Schacht Familie. Er heiratet noch einmal in Venezuela, eine Rechtsanwältin mit der er acht Bände einer Enzyklopädie der kommerziellen Korrespondenz herausgibt, die später in mehrere Sprachen übersetzt wird. Als er versucht das Buch in Nordamerika zu vermarkten, folgt seine Frau ihm nicht und 1989 wird auch diese Ehe geschieden. Michael Schacht-Dolgoruky lebt noch zwanzig Jahre in Florida, wo er eine private Tierrettungsstation aufbaut. Einen Großteil seiner Erinnerungsstücke werden von einem Hurrikan vernichtet, bevor er im Jahr 2000 als über 80-jähriger in Deutschland eintrifft, um seine Verfolgtenrente in Anspruch zu nehmen. Katrin Filenius, Berlin, 2009

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