Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 40 (September 1976)
- Date
- 1976-09-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Briete aus dem Breslauer Rabbinerseminar VORWORT ZU DEN BRIEFEN DES HÖRERS DES BRESLAUER RABBINERSEMINARS ISAAK PRAGER In Nr. 39 auf Seite 17 brachten wir Briefe aus dem Breslauer Seminar vor ICO Jahren. Heute setzen wir diese Briefe fort. Isaak Prager war der spätere Ober-Rabbiner von Kassel und Vater unseres hochverehrten und hochbetagten Mitgliedes, Dr. JOSEPH PRAGER, Haifa. * Breslau, 3. September 1875 Geliebte Eltern, Schon vorige Woche sollte mein Brief in Euren Händen sein, aber da ich am Freitag im Schreiben unterbrochen wurde, der Brief also Sonnabend nicht mehr bei Euch eintreffen konnte, habe ich es auf diese Woche verschoben bis heute. Für die mir dargebrachten Wünsche und für Dein liebes Schreiben, geliebter Vater, sage ich besten Dank. Möge mir G”tt mein Streben gelingen und meine Ziele erreichen lassen, damit es Euch zur Freude und zum Lohne werde für das, was Ihr an uns getan habt. Hier geht es mir ziemlich gleichmässig. Jetzt wo am Seminar Ferien sind, habe ich für mich Zeit und Gelegenheit, mehrere Schiurlm täglich zu lernen. In meiner Schule bin ich gebunden, sodass ich wohl nicht einen Tag frei bin, um wie ich ursprünglich wollte, irgendwelche Reisen zu unternehmen. In etwa 14 Tagen soll der neue Direktor, Dr. Lazarus herkommen. Man hat manche Hoffnungen, aber auch manche Befürchtungen, die sich an die Person des künftigen Direktors knüpfen. Inzwischen haben wir, wie Ihr wohl aus der Zeitung erfahren habt, leider wieder einen Lamdan hier verloren, und zwar durch den Tod des R. Schmuei Ehrenfeld. Die allgemeine Teilnahme bei seiner Levajah bewies, dass er die Achtung und Verehrung eines grossen Teils der hiesigen Juden genoss. Nächste Woche wird der Kaiser hier erwartet, es werden grosse Vorbereitungen zu seinem Empfang getroffen... * Breslau, den 5. August 1875 Geliebte Eltern, Gestern fand die öffentliche Erklärung meiner Doktorwürde in der Universität statt. Dies ist nur eine leere Formsache, und doch pflegt man diesen Akt als bedeutend darzustellen weil man ihn als Abschluss der Studienzeit ansieht. Ich hatte hierbei meine Doktorarbeit zu verteidigen, was ebenfalls nur leere Form ist. Wichtiger war für mich der Gedanke, dass ich bei dieser Gelegenheit Veranlassung nehmen konnte, Euch geliebte Eltern ein Zeichen meiner innigsten Dankbarkeit zu geben. Es liegt sehr nahe, dass ich hierbei mir noch einmal vergegenwärtigen konnte, alles was Ihr an mir getan und was ich Euch zu danken habe. Darum habe ich meine Doktorarbeit vor allem Euch gewidmet, als Zeichen dieser innigsten Dankbarkeit. Dass ich auch Arnold (der älteste Bruder) vieles schulde, wird ja Euch gewiss ebenso gut bekannt sein. Ich hielt es daher für meine Pflicht, auch seinen Namen meiner Arbeit voranzusetzen. Anbei übersende ich Euch diese Arbeit. Nehmt sie mit der Liebe, mit der ich sie Euch gewidmet habe. Mit den herzlichsten Grüssen, in inniger Liebe und Dankbarkeit Euer Euchliebender ISAAC Reuschestrasse 63 * Lieber Markus, (ein jüngerer Bruder) Ich übersende Dir ebenfalls ein Exemplar zur Erinnerung und zum Andenken und dazu die besten Grüsse. Dein ISAAC Breslau, 20. November 1875 Liebe Eltern, Zunächst kann ich Euch die Versicherung meiner ganz wiederhergestellten Gesundheit geben, und befinde mich jetzt ganz wohl und munter. — Dienstag war ich verreist und ist mir die Reise gut bekommen. Ich war in dem 3 Meilen von hier gelegenen Ort Trebnitz, wo ich auf Empfehlung unseres Direktors eine Trauung zu vollziehen hatte. Die mir, nebenbei bemerkt, 10 Reichstaler einbrachte. Das Lernen bei unserem neuen Direktor hat das Gute, dass man recht viel Neues bei ihm lernt. Nur besitzt er den Nachteil, dass er ganz die polnische Methode des Lernenns befolgt, das heisst, dass er den ganz ausgedehnten Pilpul wieder einführt, und Immerfort nur mit den Acharonim zu tun hat. Dass er sich viel lieber mit “Noda be Jehuda”, Akiba Elger und noch Späteren befasst, als mit den Rischonim. Es erregt das den Unwillen der meisten Hörer, zumal da wir von Sechariah Frankel, s.A. eine ganz andere Art des Lernenes gewöhnt waren. Hoffentlich wird er mit der Zeit auch hier einen anderen Weg einschlagen. Im Übrigen besitzt er ein sehr bedeutendes Wissen und ist ein anerkannter Lamdan erster Grösse. Wie geht es Euch?.... Einen guten Schabbat wünschend, bestens grUssend, Euer Euchliebender ISAAC * ABSCHIED VON BRESLAU Hannover, 5. September 1877 Geliebte Eltern, * Zum ersten Mal werde ich diesen Rosch hasch,anah in meiner praktischen Lebensstellung begrüssen und von dieser aus meine Wünsche für das kommende Jahr für Euch, für uns alle zu uns Gehörigen und für mich selbst zu Gott emporsenden. Was das für Wünsche sein sollen, kann ich selbst kaum sagen. Es ist mir eigentümlich zu Mute, dass ich nicht einmal etwas Bestimmtes für mich wünschen kann. So ganz anders habe ich mir meinen Beruf und meine einstige Tätigkeit gedacht, und wie ganz anders ist es gekommen. Ich bin hier in einer Stellung, Leiter der Religionsschule, Referent) von der ich nicht weiss, ob ich von ganzem Herzen zufrieden sein kann oder ob ich mir eine andere wünschen soll oder nicht. Über den ersten Eindruck welchen Hannover auf mich gemacht hat, habe ich schon geschrieben, wenn auch nur eine allgemeine Mitteilung. Aber diese Mitteilung war wohl etwas übereilt und in einer Stimmung des Unmuts geschrieben. Ich habe in Breslau sehr angenehm gelebt und es ist mir recht lieb geworden. Das habe ich erst im letzten Augenblick so recht empfunden. In den letzten Tagen haben die Festlichkeiten, welche man in befreundeten Familien und bei Kollegen mir zu Ehren gegeben hat, gar nicht aufgehört, und ich habe erst da gesehen, wieviele Freunde ich mir erworben hatte. Noch am letzten Tage kamen die Schüler aus den einzelnen Klassen, um mir zum Abschied ganz kostbare Geschenke im Namen der Schule zu überreichen. Ich gestehe, dass ich recht bewegt war, ich hätte nie geglaubt, dass der Abschied von Breslau mir so schwer werden würde. Ich hielt mich dann noch einige Tage in Berlin auf und kam endlich hier in Hannover an. Mein Vorgänger an der Schule hat mich erwartet, sonst niemand... * Dr. Prager hatte im August 1885 eine Stelle als Leiter der “Religionsschule” angetreten, (s. Brief 8). Aber man kommt mir überall sehr schön' und vertrauensvoll entgegen und am Montag wurde ich im Beisein des Gemeindevorstandes und Schulvorstandes in die Schule eingeführt, wobei der Rabbiner Dr. Mayer eine Rede hielt, auf die ich bald antwortete. Gegenwärtig bin ich schon tätig,, und ich hoffe ich kann die Arbeit hier ganz gut gestalten. Zum Freitag abend bin ich beim Rabbiner Dr. Mayer eingeladen und habe bereits mehrere Einladungen zu Rosch haschanah, unter anderem auch bei einer Familie Hirsch, dem Sohne des Rabbiner Hirsch in Frankfurt, die ich auch gerne angenommen habe. Hirsch ist ein höchst gebildeter Mann, der auch gut lernen kann und der auf mich den besten Eindruck gemacht hat... Na, wie gehts denn? Die Nase tropft, die Augen tränen — Wenn Du Dich von der Couch erhebst, Fängst Du erst richtig an zu stöhnen, Du zitterst mit der Hand und bebst Dein Kreislauf der hat seine Mucken, Das eine Ohr hört nicht mehr gut Du leidest an nervösem Zucken, Zum Doktor gehn, fehlt Dir der Mut! Nicht wohl ist Dir im Grossen-Ganzen, Denn auch Dein Bein — es ist nicht fit Du brauchst Erholung, Du brauchst Ferien, Schon von und wegen der Arterien. Dein Blutdruck — nicht normal zu nennen, und Zucker — alles darfst Du nicht — Und in der Nacht kannst Du kaum pennen Es pisackt und es sticht die Gicht Dein Ruh ist hin, Dein Herz ist schwer — Du schluckst Tabletten mehr und mehr — Die einzige Rettung, die beste Kur, Tatsächlich wäre Akkupunktur! Und ob du hustest, ob Du messt, Du schlecht Dich fühlst, noch schlechter siehst, Das brauchst Du nicht nach allen Seiten, Erzählen vor anderen in Einzelheiten. Und fragt Dich jemand, wie es geht, Und Du erzählst ihm frisch und frank, Wie fürchterlich es um Dich steht, Dann meint er: O, wie sind, Sie krank! So lass das Klagen, lass den Jammer, Behalts für Dich in Deiner Kammer, Der andere will, lass Dir erklären, nicht auch noch dein Weh-Wehchen hören. Drum lasst’s gesagt sein es, Ihr Leute, Ich sag es laut und deutlich heute! Was Ihr auch habt, glaubt immer es, Es gibt noch weitaus Schlimmeres! JULIUS SACHS 22