Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 40 (September 1976)
- Date
- 1976-09-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ZUM 100. GEBUBTSTAG DES DICHTER¬ PHILOSOPHEN PAUL MÜHSAM Unter dem Druck der Erfahrung des ersten Weltkriegs rang Paul Mühsam darum, eine “Theodicee”, eine Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt zu finden. Das Wort Theodicee ist dem Vorwort zu seiner ersten Dichtung “Gespräche mit Gott” — es handelt sich um Gespräche des Satans mit Gott — entnommen, das 1918 erschien. Mühsam, damals in seinen 40er Jahren, Rechtsanwalt in Görlitz, wurde so zum Dichter und Philosophen. In der 1932 erschienen Dichtung “Der Ewige Jude” schrieb er: “So schüttle ich den Staub von meinen Füssen und gehe, wie ich kam, ganz unerkannt. / Ich grüsse dich mit meinen letzten Grüssen, / Mein armes, mein verirrtes Abendland”. Zehn Jahre später erlitt er selbst das Schicksal des "Ewigen Juden”. Seine Bücher wurden eingestampft und verbrannt. Er wanderte nach Palästina aus. Stefan Zweig schrieb ihm damals bewundernd: “...wie Sie sich mitten in dieser Zeit einen heute ungewöhnlichen Idealismus, eine Freudigkeit und Gläubigkeit zu bewahren vermochten... ” Stefan Zweig selbst, der in der “Welt von Gestern” lebte, zerbrach mit ihr. Dagegen bewahrte Paul Mühsam seine Gewissheit, die er in den Versen ausdrückte: "Ich bin ein Amboss, auf dem der Hammer der Ewigkeit / Gottes Gold schmiedet. Weh, wenn ein Goldblatt im Winde verweht”. In den schwierigen Anfangsjahren nach der Auswanderung hatte er weder die Müsse noch die Kraft, zu dichten. Erst später begann er wieder zu schreiben. In den bisher noch nicht veröffentlichten Lebenserinnerungen “Ich bin ein Mensch gewesen”, sah er sein Hauptwerk. In seinem Buch: “...seit der Schöpfung wurde gehämmert an deinem Haus” wendet er sich an den Menschen: “Ehe Du nicht den Himmel Deinen Vater und die Erde / Deine Mutter nennst, gehst Du gleich einem Fremdling / von Land zu Land... / Und brauchtest nur ja zu sagen — und wärest willkommen. / Und brauchtest nur die Arme zu breiten — und die Pforte / zum Garten stünde offen”. Die Konjunktivform der Worte “brauchtest”, “stünde offen” scheinen mir die Zweifel und zugleich die verborgene Gläubigkeit des modernen Menschen auszusprechen. Trotz seiner Andersartigkeit klingen Paul Miihsams Worte hier an Kafkas erschütternde gleichnishafte Erzählung: “Vor dem Gesetz” an, in der der Türhüter zu dem Sterbenden sagt: “Diese Tür war für Dich bestimmt. Ich schliesse sie jetzt”. Paul Miihsams Tochter Else Levi-Mühsam, die auch das moderne Gedicht und Lied: “Jerusalem von Gold” von Nomi Schemer vom Hebräischen ins Deutsche übersetzte, fragte: "Wie viel Rufer, Dichter edelsten Menschentums sind verschollen? Im Falle meines Vaters sind Kinder da, das fast vergessene Werk den Menschen wieder zuzuführen”. Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, durch Neudruck, Vorträge, Gedichtvorlesungen, Diskussionsabende sein Gedächtnis der Vergessenheit zu entreissen. Es gelang ihr, dass von den elf früheren Büchern bis jetzt drei in Neudruck erschienen: “Tao. Der Sinn des Lebens”. (Drei Eichen Verlag. München-Pasing), “...seit der Schöpfung wurde gehämmert an deinem Haus”, (Seekreis Verlag, Konstanz), “Der Ewige Jude” (Seekreis Verlag), so dass anlässlich d. 100. Geburtstags des Dichters in zahlreichen deutschen Zeitungen und literarischen Blättern seiner wieder gedacht wird. ANNI LOEWENSTEIN-PRIBATSCH OTHMAR HERBRICH: ROBERT STOLZ KÖNIG DER MELODIE AUFZEICHNUNGEN SEINES LEBENS Amalthea-Verlag — Wien—München Robert Stolz, dieser ungekrönte König der Wiener Musik, stammt gamicht aus Wien, sondern er ist in Graz geboren. Einst war die Wiener Operette totgesagt worden. Aber Robert Stolz hat sie zu neuem blühenden Leben erweckt. Er hat — als Dirigent und Komponist — einen Einfalls - reichtum gezeigt, wie nicht viele. Was er als Dirigent aus einem Walzer machte, was für Melodien er aus dem Aermel schüttelte, das ist fast unvorstellbar. Aber wir lesen es voller Spannung in diesem heuen Buch. Des Meisters Gedanken verwandelten sich in Musik, in reizende Lieder, in einschmeichelnde Operetten. Er gibt der Bühne sangbare Walzermärchen, die Theaterkünstler reissen sich um die Rollen seiner Bühnenwerke. Er erfindet Klänge, die sich einprägen, die man immer und immer wieder singt, tanzt und summt. Viele von ihnen werden richtige Volkslieder. Er schreibt quasi Portraits, die zu der Walzerstadt gehören. Er beschreibt den Prater, den Heurigen, die Wiener Frauen, die Wiener Athmosphäre im überseligen Dreivierteltakt. Aber Robert Stolz ist auch Mensch, ist eine grosse wertvolle Persönlichkeit, allem Schönen und Würdigen zugetan, alles Ungute ablehnend. So schildert es dieses Buch. Alle Abschnitte seines erfolgreichen Daseins werden lebendig, buntschillernd und voller interessanter Begebenheiten. Ein biographischer Querschnitt durch das Künstlerdasein eines Grossen der heiteren Musik ist hier geschrieben, wert zu lesen, wert zu erkennen, welche Beglückung dieser Meister der Welt gab. Nicht nur zwei Herzen wenden sich ihm im Dreivierteltakt zu, nein, die Herzen sehr vieler auf der ganzen Welt sind es, die er mit seinem Schaffen eingefangen hat. Das wäre die Quintessenz dieses Buches. JULIUS SACHS FARBIGES PARIS Test von Pierre Leprohon FA Herbig Verlagsbuchhandlung München/Berlln In der Einführung zu dem Buch heisst es u.a. “Paris ist eine Messe wert”, so Heinrich IV, der für Paris zum Katholizismus übertrat. Aber dieses Buch soll zeigen, dass Paris auch eine Reise wert ist. So selbstverständlich dies ist, so wenig selbstverständlich ist das Wissen um diese Weltstadt. Paris, das ist nicht nur die Stadt des Moulln Rouge, oder der Haute Couture, es ist auch die Stadt, deren Ursprung auf die Ansiedlung keltischer Galier, um 250 v. Ch. zurückgeht. Es wird schon erwähnt in Cäsars "Commentarii de bello gallico”. Bereits um 500 unserer Zeitrechnung macht der Frankenkönig Clovis Paris zur Hauptstadt des Frankenreiches. Die folgenden fast 1500 Jahre sind gekennzeichnet von Kriegen, Revolutionen und unablässigen Machtkämpfen auf der einen Seite, auf der andern aber bildete sich in diesen 1% Jahrtausenden die Stadt, die noch heute auf Schritt und Tritt an ihre Vergangenheit erinnert. Sie erinnert aber nicht nur an die Grossen der Geschichte, sondern auch an die unzähligen “kleinen Leute”, die die eigentlichen Baumeister von Paris waren und sind, die es wieder aufbauten, wenn es abgebrannt war, und die in ihrer jeweiligen Epoche Zeichen setzten für das Denken ihrer Zeit. Was ist geblieben? Steine und Bilder, deren Sprache dieses Buch zu verstehen mithelfen will”. Das Buch vergegenwärtigt vieles dieser wundersamen Stadt in ihrem architektonischen Reichtum, aber auch in ihrer geistigen Atmosphäre. Die sorgsam ausgewählten Bilder, und nicht nur schon allgemein bekannte, zeigen charakteristisches Air und Flair von Paris, ihren Charme, ihr Panorama, ihren kulturellen Lebensnerv. Dem Leser wird so manches dieser Stadt in Schönheit, Grazie und Erhabenheit vor Augen geführt. Blättert man in diesem Werk, so ist es als ob man Pariser Luft atme, als ob man in Pariser Strassen spazierte. Dass viel von Charakteristischem vorhanden ist, von Grösse, von Glanz, dass ein liebenswertes Abbild dieser einmaligen Stadt in diesem Buche porträtiert ist, das sei hervorgehoben. Die Eigenart, die Besonderheit der Stadt ist hier eingefangen, sie wird interpretiert durch eine Schau schöner Bilder, in denen Paris glänzt, jene Stadt, die Geschichte machte für die Welt. Das Buch ist ein schöner Beitrag zum Kennenlernen von Paris. JULIUS SACHS Vortragsreise von Prof. Ernst Jokl Universität, Lexington, Kentucky USA Der oben Genannte hat in der Bundes-Republik einen sehr beachtlichen Vortrag “über menschliche Haltung” vor einem Gremium von Gelehrten und Intelektuellen, gehalten. Die Höhe des Vortrages lässt es nicht zu, in einem volkstümlich gehaltenen Blatt das Original zu bringen. In ihm erscheinen Namen wie Thomas Mann über “Versuch über Schiller”, Goethe über “Epilog zu Schillers Glocke”, aus dem ein Mass der Liebe und Bewunderung für den toten Dichter spricht. Es wollte ihm nicht einleuchten, wie es möglich war, dass Schillers Bühnenstück 1791 in Breslau vor einem Parkett von Fürsten aufgeführt wurde. Thomas Mann meint, dass das Zusammentreffen mit Goethe von Schiller aus, sorgfältig geplant war. Im Laufe des Vortrags ersehen wir die grosse Begabung von Johann Sebastian Bach und erleben tiefe Einblicke in die Welt der Musik, wie z.B. der 12jährige Felix Mendelsohn am 6. November 1812 dem 72jährigen Goethe in Weimar vorspielte. Als Felix M. mit der Berliner Singakademie die Mathäus-Passion im Alter von 20 Jahren aufführte, waren anwesend: Der preuss. Kronprinz mit seinem Hofstaat, Hegel, Schleiermacher, Heine und Droysen. Prof. Jokl war viele Jahrzehnte mit dem vor 5 Jahren im Alter von 87 heimgegangenen Otto Warburg befreundet. Warburgs einzigartige Stellung in der Geschichte der modernen Natur-Wissenschaften, ist gekennzeichnet durch die erstaunliche Tatsache, dass er selbst 2 Nobel-Preise erhielt, und dass 5 seiner Schüler durch Verleihung von Nobelpreisen ausgezeichnet wurden: Otto Meyerhof, Hans Krebs, Fritz Lippmann, Hugo Theorell und Severo Ochoa. Ungeachtet ihrer individuellen Verschiedenheiten weisen die Persönlichkeiten über die der Vortragende gesprochen hat, gemeinsame Züge auf. Sie sind gekennzeichnet durch hohe Begabung, unermüdlichen Fleiss und charakterliche Integrität, unverkennbare Merkmale exemplarischer menschlicher Haltung. Schiller und Goethe, Bach und Mendelsohn, Emil Fischer und Otto Warburg, sie alle sollen unserer Jugend als Vorbilder dienen. 20