Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-09-01 · No. 40 (September 1976) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 40 (September 1976)
Date
1976-09-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7411685-7412491-7497342--0617-7413408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Noch Immer kann es seine Familie, seine engen Freunde, Bekannte und sein grosser deutschsprachiger Leser- und Zuhörerkreis kaum fassen, dass Martin Bielski (M. Biel.) am 20.5.76 uns alle plötzlich und unwiderruflich für immer verlassen hat. Wer ihn kannte, hörte, las, weiss, auch ohne dass ich viel darüber erzähle, was für ein vorzüglicher Journalist er war und welch ein wunderbarer Redner, der besser redete als mancher Ministerpräsident, über alles das ist genug in der deutschsprachigen Zeitung in Israel geschrieben worden. Auch wussten Martin Bielski’s Freunde und Bekannte, dass er nicht nur ein Mensch sondern ein Mit-Mensch war, was in unserer heutigen rohen Zeit selten zu finden ist. Wer konnte so zuhören wie Martin, trösten, raten, helfen? Wie konnte er mit anderen Menschen mit-leiden und ebenso sich für andere freuen. Obwohl er mutig und offen Menschen und Dinge kritisierte, tat er es niemals mit Gehässigkeit, eher liebevoll kritisch er war von einem Charme, einer Liebenswürdigkeit, einem Humor gewürzt mit feiner Ironie und dabei von einer Schlagfertigkeit in seinen Entgegnungen, die man nur an Menschen mit grosser Intelligenz findet. Er hatte von früher Jugend an eine Würde an sich, deren er sich wahrscheinlich selbst nicht bewusst war, jede Veranstaltung, an der er sich beteiligte, und er war von seiner Jugend an immer aktiv gewesen, bekam durch ihn einen würdigen Rahmen. Das war sicher auch ein Grund, dass er mit führend in mehreren Gesellschaften war und ihn seine Loge mehrere Jahre hindurch zu ihrem Präsidenten wählte. Dass Martin Bielski, der Mitbegründer der Begegnung, der deutsch-israelischen Gesellschaft, in diesem Rahmen mehr Propaganda für das jüd. Volk und sein Land Israel machte, als die meisten Schlichim (Abgesandte aus Israel in andere Länder zwecks Propaganda) steht fest. Er, der in der Hitlerzeit genug gelitten hatte, fand, dass wir Jüngere Deutsche, die uns die Hand als Freunde reichen wollten, nicht wegstossen durften, besonders, da Israel so dringend Freunde in der Welt braucht. Durch seine Reden und Aufklärungsarbeit gewann er viele Freunde in Deutschland. Leider wurde das in Israel viel zu wenig anerkannt. Heute fahren grosse israelische Politiker nach Deutschland und die wenigen deutschen Juden wie Martin, die das angebahnt und ermöglicht haben, sind längst vergessen. — Man hat es ln Israel auch nicht genug gewürdigt, dass Martin Bielski mehrere Male im deutschen Fernsehen beim bekannten internationalen “Frühschoppen” von Werner Höf er mutig gegen arabische Politiker in Wortgefechten für sein Land Israel kämpfte. Mit der Waffe der Vernunft über die hitzköpfigen von Leidenschaften beherrschten Diskussionspartner siegte Bielski fast immer und die Araber zogen in einer Diskussion mit ihm den Kürzeren. In Deutschland war er durch das Fernsehen und seine Vorträge geschätzt, leider war dem nicht so in Israel. Dass man ihn in Deutschland schätzte ist auch aus dem Nachruf von Rolf Vogel, Dank an Martin Bielski, Herausgeber der Deutschlandberichte, zu ersehen. Und nun ein Bericht über M. Bielski’s Jugend, die er in Breslau verbracht hat. ’ Martin Bielski ist am 5. Juli 1921 ln Breslau geboren, er besuchte nach der Vorschule das Johannesgymnasium, eines der besten Gymnasien in Breslau. Dort gab es viele jüd. Schüler und auch mehrere jüd. Studienräte, die als Gelehrte und Lehrer einen vorzüglichen Ruf hatten. Die Schule stand auf besonders hohem Niveau. — Martin Blelski, der einen offenen, hellen Kopf hatte und sich besonders In humanistischen Fächern auszeichnete, fiel seinen Lehrern als begabter Schüler auf. Er war auch bei seinen Mitschülern sehr beliebt. Seine Eltern, deren einziges Kind er war, lebten in beengten Verhältnissen, trotzdem kamen viele Mit- DIESER ARTIKEL IST MEINEM FREUND Martin Bielski (Marolj s.A. GEWIDMET schillern, die in Villen wohnten, in die winzige Wohnung der Familie Bielski, denn mit Martin, ob man Dummheiten oder Ernstes redete, war es immer hochinteressant und das ist auch so bis zu seinem tragischen Ende geblieben. Er starb leider ganz plötzlich zwei Monate vor seinem 55. Geburtstage. Ich war mit Martin Bielski oder Matschke, wie er von seiner Mutter und uns genannt wurde, in der gleichen zionistischen Jugendgruppe “Habonim”. Damals im Jahre 1936 ging er schon in die jüdische liberale Schule am Anger neben der neuen Synagoge, leider mussten in der Hitler zeit die jüd. Schüler die stätdtischen Gymnasien verlassen und mit der hohen Bildung selbst %>$$>, mmm mmm ilÄlf P»S bei den Begabtesten war es vorbei. Die jüdischen Lehrer wurden aus den Gymnasien entlassen und waren froh, wenn sie eine Anstellung in den beiden jüd. Schulen fanden. Als ich Martin kennenlernte, ich war damals 16 Jahre alt, fiel mir sein grosses Wissen In Deutsch, Erdkunde und besonders in Geschichte auf. Da er sehr jüdisch aussah, hatte er in der Hitlerzeit in Breslau mehr zu leiden als ich, die kein Jüd. Aussehen hatte. Es tat mir manchmal weh zu sehen, dass man ihn anrempelte, aber er selbst blieb immer ganz ruhig dabei. Nach der Schule ging er auf “Mittleren Hachseharah” nach Urfeld am Rhein, körperliche Vorbereitung für Palästina. Er ging mit einem Teil unserer Jugendgruppe dahin, erkrankte aber bald und musste zu seinen Eltern nach Breslau zurückkehren. Er war schon in seiner Jugend ziemlich nervös und körperlich gar nicht stark und konnte, obwohl er zionistisch sehr aktiv war, kein Arbeiterzertifikat nach Palästina erhalten, da diese sehr rar waren u. nur an ganz gesunde junge Menschen gegeben wurden. Immer mehr junge Menschen aus unserem Jugendbund wanderten aus und wir hatten Mangel an guten Jugendführern. So musste Martin Bielski zwei jüngere Gruppen zugleich führen und auch in unserer eigenen Gruppe, die nicht älter war als er, für interessante» Material und Diskussionen sorgen. Ich, die ich mit ihm befreundet war, lernte durch ihn, unsere Heimatstadt Breslau kennen und lieben. Wir liefen durch ganz Breslau, vom Sauerbrunnen bis nach Scheitnig, bewunderten die Jahrhunderthalle mit ihren schönen Anlagen, wandelten die Promenaden entlang, schauten uns in der Altstadt um, besuchten die Dominsel und die Museen, ruderten auf der Oder oder im Südpark, waren begeistert von der Bauart schöner Kirchen. Wir lasen gemeinsam Tenach und mit Dr. Willy Cohn den Faust, sprachen über Romain Rolland und Demian von Hesse, lasen Gedichte von Hesse oder von Heine — und immer gab es Aussprüche grosser Dichter oder Schriftsteller, über die wir diskutierten oder deren Schönheit wir gemeinsam genossen. Wie waren wir jung und idealistisch und glaubten an das Gute im Menschen. Leider wurde später Martin, wie so oft, von Menschen und Kollegen bitter enttäuscht. Aber nun zurück zum Jahre 1938 in Breslau. Martin konnte wunderschöne Gedichte schreiben, leider musste ich die Gedichte, die mir gewidmet waren, In der Illegalität auf der Flucht um mein Leben zu retten, vernichten. Er schrieb mir auch in einem Heftchen “die Geschichte Deutschlands von 1918 bis zum Jahre 1938”, so Interessant und gründlich, wie es nur jemand, der sich für Geschichte und Politik sehr interessiert hat, schreiben konnte. ■ Wir versuchten alles um Martin Bielski ein Studentenzertifikat zu verschaffen, schrieben an Martin Buber, bestürmten zusammen mit seinem Lehrer die Leitung des Palästinaamtes — aber alles ohne Erfolg. In der Kristallnacht 10. November 1938 gelang es Martin und seinem Vater sich zu verstecken und so blieb ihnen das Konzentrationslager erspart. Martin Bielski wurde dann noch in Breslau Erzieher im Jüd. Waisenhaus, er hatte Geduld und Einfühlungsvermögen für die Kinder, machte jeden Freitag abend Kiddusch mit ihnen und versuchte ihnen eine jüdische und zionistische Erziehung zu geben. Die Familie Bielski bekam durch die Hilfe einer Tante, die in der Schweiz lebte, die Einwanderungserlaubnis nach Bolivien. Martin hatte sich als guter und einziger Sohn entschlossen, mit seinen nicht mehr jungen Eltern mitzugehen, um ihnen im fremden Land beistehen zu können. Erst im Jahre 1940, mitten im Krieg gelang es der Familie Bielski nach Bolivien einzuwandern. Auch dort betätigte sich Martin Bielski stets als Zionist, schrieb in Zeitungen über Jüdisches und Zionistisches, brachte junge Menschen zum Zionismus. Im März 1946 heiratete er, seine Frau stammt aus einer Rabbinerfamilie in Deutschland u. Martin bemühte sich schon seiner Frau zuliebe ein jüd. rituelles Haus zu führen. Auch die Kinder, der ältere Sohn Rüben wurde am 29. Dezember 1951 in Bolivien geboren, der jüngere im Jahre 1956 in Israel, wurden von den Eltern religiös erzogen. Im Jahre 1953 wanderten Martin und Elisabeth Bielski mit ihrem noch nicht zweijährigen Sohn in Israel ein. Es ging ihnen in Bolivien recht gut, aber sie fanden, dass sie als wahre Juden und Zionisten nach Israel gehörten. Martin Bielski’s weiterer Weg hier ist bekannt. Seine Frau und seine Söhne und wir, die ihm nahe standen, die ihn geliebt und geachtet haben, werden ihn nie vergessen und nichts und niemand kann uns über seinen Verlust trösten. Möge er in Frieden ruhen. ALICE PEREZ — TICHAUER 16

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.