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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-09-01 · No. 40 (September 1976) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 40 (September 1976)
Date
1976-09-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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(Vorsetzung von Seite 14) anmarschiert. Sie sahen erschöpft, unrasiert und verängstigt aus. Unter kasernenmässige Schnauzen, aber ohne Gewalttätigkeiten wurden sie in die Wagen getrieben. Ich versuchte, Herrn Tischler zu erkennen, aber es gelang nicht. Ich musste nun bei meinen sieben Gefangenen bleiben. Der Zug fuhr an und rollte in die Nacht hinaus. Im trüben Licht der Deckenlampe sah ich mir die Männer an, die gegenüber und neben mir sassen. Zwei oder drei von ihnen hatten hohe Stiefel an und breite Gürtel um, waren jung und kräftig und gehörten wohl zu den Zionisten, die sich in landwirtschaftlichen Schulen auf das Leben in Palästina vorbereiteten. Schräg gegenüber sass in der Ecke ein junger Mann von anderem Typ. Er hatte einen hellen Kamelhaarmantel an. Sein Ausdruck war weich, furchtsam und verstört. Neben mir sass ein dicker, grosser, grauhaariger Mann, der wohl ein Vieh- oder Getreidehändler sein mochte. Alle diese Männer musterten mich ihrerseits, die jungen Zionisten finster und entschlossen, die anderen ängstlich oder scheinbar gleichgültig. Nachdem der Zug eine Weile dahingefahren war, fragte ich meinen Nachbarn, um ein Gespräch in Gang zu bringen und die Atmosphäre zu entspannen, wann er verhaftet worden sei. Er sagte es mir, und ich erbot mich, seiner Familie Nachricht zu geben. Er sah mich sehr erstaunt an. Ich gab ihm einen Zettel, auf den er seinen Namen, seine Adresse und ein paar Worte an seine Angehörigen schrieb. Dann schob ich den Zettel in den Stiefelschaft. Der Mann war ganz erleichtert und wurde gesprächig. Von nebenan tönte die Stimme des Polizisten: "Sagen Sie d. Leuten, dass Unterhaltung verboten ist”. Ich gab ein Zeichen mit den Augen und sagte laut: “Sie dürfen sich nicht unterhalten!” Dann gab ich dem Manne neben mir eine Zigarette. Der junge Mann mit dem Kamelhaarmantel blickte so voll Verlangen nach diesem Genuss, dass ich meinen Nebenmann bat, mit jenem den Platz zu tauschen. Er fing ebenfalls an zu rauchen und begann dann leise ein Gespräch, aus dem ich erfuhr, dass er auf dem Bahnhof in Breslau verhaftet worden war, gerade als er von einer Reise nach Hause zurückkehrte. Seine Mutter und seine Braut wüssten nicht, wo er sei. “Sie wissen doch wenigstens, wofür Sie eintreten”, sagte er fast schluchzend, “aber für uns ist alles verloren. Was soll aus uns werden? Wir haben doch nichts verbrochen”. Er wurde von einem der jungen Zionisten leise und barsch unterbrochen: “Seien Sie nicht so weinerlich!”. Ich bot meinem Nachharn an, für ihn ebenfalls einen Brief zu bestellen. Er schrieb, und nach einer Weile gab er mir noch sein Sparkassenbuch über rund 10.000 Mark samt dem Kontrollschein. Ich versprach, es seiner Mutter zu übermitteln. Der Zug lief in Liegnitz ein. Ich nahm die Gelegenheit wahr, noch mehr Zigaretten zu kaufen. Als wir weiterfuhren, fragte mich der junge Mann, wohin es ginge. Aber das wusste ich auch nicht. Was sie erwarte, fragte er weiter, sie hätten doch nichts getan, es müsse doch eine Gerechtigkeit geben. Was sollte ich sagen? Es schnürte mir fast die Kehle ab. “Erwarten Sie keine Gerechtigkeit”, sagte icji mühsam, “Wappnen Sie sich innerlich gegen das Schlimmste. Nehmen Sie alles, was kommt, als einen Kampf, in dem sich entscheiden muss, ob Ihr Herz stärker ist als das Ihrer Peiniger”. Gegen Morgen fuhr der Zug in Weimar ein. Die Wachen durften auf den Bahnsteig gehen. Dort standen, Gewehr bei Fuss, in Abständen von 20 Metern feldgrau gekleidete SS-Männer. Ich kam mit einem von ihnen, ins Gespräch. “Wir sind die Mannschaften von Buchenwald”, erklärte der untersetzte kleine Mann in seinem thüringisch-sächsischen Dialekt. “Davon haste noch gar nichts gehört? Na, weesste!” Und dann entwarf er mir ein Bild von der Grösse jenes Lagers und von den Methoden, die dort herrschten. "Weeste, wenn die Judenschweine ankommen, dann bleiben sie erst mal eine Nacht im Freien. Das macht sie schon kirre. Und dann missen sie sich die Hosen runterziehn und sich gegenseitig mit der Wurzelbürschte abschruppen. Die machen sich nämlich de Hosen voll. Du weesst gar nicht, was man jetzt im November alles mit kaltem Wasser machen kann. Die sollen nur eingehn, die Schweine”. Ich wandte mich ab und machte einen letzten Versuch, Herrn Tischler oder einen der andern Bekannten zu erreichen, indem ich durch die Wagen ging. Einmal glaubte ich ihn zu sehen, aber ich konnte ihn nicht sprechen, weil ein SS-Mann neben mir stand, der sich damit beschäftigte, den jüdischen Männern die Frontkämpferabzeichen abzureissen, die sie etwa angesteckt hatten. Dann begann das Ausladen. Die Männer aus je einem Abteil mussten im Laufschritt den Bahnsteig entlang laufen und sich unten in dem Gang sammeln, der die Bahnsteige miteinander verband. Dieses Ausladen wurde zu einer Orgie d. Gemeinheit. Die Wachleute von Buchenwald trieben die Leute durch gellende Zurufe an, stiessen sie mit den Gewehrkolben und stellten ihnen ein Bein, so dass sie stolperten und fielen. Einer der Rowdies hatte oben an der Treppe Posten gefasst, und wenn ihm einer der jüdischen Männer nicht gefiel, so stellte er ihm ein Bein, und der Arme kollerte die Stufen hinunter. Unten mussten sich die Juden dicht gedrängt mit dem Gesicht zur Wand aufstellen. Ein Sturmführer, der aus Breslau mitgekommen war, entriss einem der Verhafteten ein schwarzes Stückchen, fasste es an der Zwinge und schlug den Leuten mit der silbernen Krücke über den Kopf. Während das alles vor sich ging, fuhr ein Fern-D-Zug auf dem benachbarten Gleis ein. “Vorhänge runter! Fenster zu!” brüllten einige SS-Männer denen zu, die erstaunt und entsetzt herausschauen. Der Zug fuhr bald weiter. Aus dem Gang, wo die Verhafteten gesammelt wurden, drang Klagen und Stöhnen. “Ach, meine Frau und meine Kinder!” rief immer wieder laut ein älterer Mann. Einer der SS-Leute kam auf die Idee, ihn von oben her “abzukühlen”. Eine alte Frau war auf dem Bahnsteig erschienen, um mit Wasser und Besen an die tägliche Reinigungsarbeit zu gehen. Der SS-Mann verlangte von ihr den Eimer mit Wasser. Sie wollte ihn nicht hergeben. Ja, sie nahm ihn auf und rannte damit davon. Der SS- Mann lief ihr nach, riss ihr den Eimer aus der Hand und schüttete seinen Inhalt von oben über die Juden. Langsam winde der Gang unten leer. Zum Schluss lag noch ein Mann in der Wasserlache. Ein Herzschlag hatte ihn getroffen. Zwei andere mussten ihn forttragen. Dann waren die 900 Juden aus Breslau auf Lastwagen verladen, die draussen gewartet hatten und fuhren nach Buchenwald. Der Breslauer Sturmführer rief uns zusammen und führte uns in ein Gasthaus. Dort hielt er etwa folgende Rede: “Dass mir keiner von ihnen ein Wort von dem weitererzählt, was er hier gesehen hat! Wer es tut, dem geht es so wie den Juden. Im übrigen war das Ganze nur eine Aktion, um die Burschen vor dem gerechten Zorn des Volkes zu schützen! Das Begleitkommando hat jetzt den ganzen Tag frei. Um 20 Uhr fahren wir mit dem Leerzug nach Breslau zurück”. Ich ging in die Stadt, die ich schon kannte. Ich wollte niemanden sehen und flüchtete in den Park. Da stand Goethes Gartenhaus. Doch was war das alles jetzt? Ich konnte keinen Trost aus der Schönheit des sonnigen Tages und aus der Erinnerung an vergangene Grösse ziehen. Ich irrte ruhelos umher und fragte mich immer wieder, ob so etwas denn möglich sei. Ich hatte uns Deutschen alle Arten von Dummheit zugetraut, aber niemals solche abgründige, gemeine Grausamkeit. Gegen Abend schlich ich zum Bahnhof zurück. Da wurde gerade wieder ein Transport ausgeladen. Vor der Sperre stand ein Lastwagen, und die Juden stürzten zu zwei und zwei auf ihn zu. SS-Männer hatten eine Doppellinie gebildet und Hessen die armen gehetzten Menschen Spiessruten laufen, feuerten sie an, beschimpften sie, stellten ihnen ein Bein. Nach einiger Zeit kam ein höherer SS-Führer dazu, und es muss zu seiner Ehre gesagt werden, dass er mit einem gewaltigen Donnerwetter dazwischenfuhr und es durchsetzte, dass wenigstens diese Verladung ohne Quälereien vor sich ging. Im Zug suchte ich mir ein ganz leeres Abteil, legte mich in das Gepäcknetz, und als der Zug in die Dunkelheit hinausfuhr, löste sich die ungeheure Spannung In Tränen auf. Morgens kamen wir in Breslau an. Ich ging nach Hause, zog die Uniform aus, schleuderte sie mit einem Fusstritt davon und gelobte mir, sie niemals wieder anzuziehen. Die Widerstandsgruppe, die mich in die SS geschickt hatte, hat für diesen Entschluss Verständnis gehabt. Ich berichtete den beiden Frauen, was ich erlebt hatte. Miss MacCarthy half mir, die Briefe und das Sparkassenbuch an die Familien der Verhafteten zu leiten. Meine Eindrücke konnte ich lange nicht überwinden. Beruf und Zukunft in Deutschland erschienen mir unerträglich. Die junge Engländerin besorgte mir eine Einladung nach London. Vor der Abreise erklärte ich meinen Austritt aus der SS. Die nächsten acht Monate verbrachte ich in England. Noch vor Weihnachten erfuhr ich, dass Herr Tischler als todkranker Mann aus Buchenwald heimgekommen war und bald darauf starb. WERNER PUSCH - WETZLAR RICHTIGSTELLUNG Ich habe In der Zeitung Ihres Verbandes Nr. 39 über Prof. Ernst Cohn, gelesen. Ich möchte folgendes ergänzen: Bereits mit 28 Jahren war er ordentlicher Professor an der Breslauer Universität. Die Folge waren ernste, schwere Krawalle, Schliessung und Einmischung des Kultus-Ministers etc. Als der Lehrbetrieb wieder aufgenommen wurde, hielt Prof. Cohn seine Vorlesungen im untersten Raum des juristischen Seminars ab, und nur mit einer besonderen Erlaubniskarte wurde man hineingelassen. Diese Karte habe ich viele Jahre lang aufbewahrt. Das waren die ersten Anzeichen des herannahenden Endes. NOCH EINIGE BEMERKUNGEN ZU DEM KAPITEL GERHART HAUPTMANN: Als die Russen Im Jahre 1945 sein Haus im Riesengebirge besetzten, soll er als einsamer Mensch gesagt haben: “Bin ich noch bei mir zu Hause?” — Im Jahre 1933 hat er g4nau gewusst, wo er zu Hause ist und ist nicht ins Exil gegangen, wie Thomas Mann, oder in Untergrund wie Riccarda Huch. Er hat den “Sonnenaufgang” der Nazis miterlebt, wollte mit ihnen das Friedensfest feiern und hat dann nur noch den Sonnen-Untergang gesehen. Mit freundlichen Grüssen Elieser Bartuw, früher Emst Guttmann, Kwuzath Jawne, 79233, Israel 15

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