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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-09-01 · No. 40 (September 1976) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 40 (September 1976)
Date
1976-09-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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KRISTALLNACHT UND KZ Bevor ich erzähle, was sich vor zehn Jahren in Breslau zugetragen hat, muss ich kurz erklären, wie ich in die SS kam. Nachdem ich bereits vier Jahre in der sozialistischen Jugendbewegung tätig gewesen war, schloss ich mich im Frühjahr 1933 einer geheimen Widerstandsgruppe an. Diese schickte mich mit besonderen Aufträgen in die SS. Um diese Aufträge erfüllen zu können, musste ich fünf Jahre SS-Dienst machen. Im Herbst 1938 war es mir möglich, mit Hilfe der schwarzen Uniform einigen Opfern des Terrors, einen kleinen Dienst zu erweisen und einige Beobachtungen zu machen, die anders nicht möglich gewesen wären. Nun zur Sache. Am Abend des 8. November 1938, nach einer der üblichen Kundgebungen der NSDAP zur Erinnerung an den Bierkellerputsch von 1923, marschierte die SS zum Haus der Breslauer SS-Standarte auf der Sternstrasse. Die SS-Stürme traten im offenen Viereck an und hörten durch den Lautsprecher die Stimme von Rudolf Hess, der von München aus die neuen Parteianwärter und damit auch die Breslauer SS-Anwärter vereidigte. Als diese Zeremonie gegen Mitternacht vorüber war, hofften wir alle, nun endlich nach Hause gehen zu können. Wir durften aber das Grundstück nicht verlassen. Die Sturmführer waren im Hause verschwunden; wir standen fröstelnd herum, rauchten Zigaretten und murrten über die unverständliche Verzögerung. Es mochte gegen 1 Uhr sein, als die Sturmführer wieder erschienen. Sie riefen ihre Stürme im Kreis tun sich zusammen. “In dieser Nacht ist Herr vom Rath gestorben, den der Jude Grünspan niedergeschossen hat”, erklärte unser Sturmführer. “Die Partei hat eine Protestdemonstration beschlossen. Wir werden den Juden die Schaufensterscheiben einschlagen ”, Einige SS-Leute äusserten Zustimmung. Ich sah mich nach ihnen um, aber ich erblickte auch bestürzte u. besorgte Gesichter. “Die Stadt ist soeben in Bezirke aufgeteilt worden”, fuhr der Sturmführer fort. "Unser Sturm hat die Stadtmitte. Jeder besorge sich jetzt einen Knüppel oder eine Eisenstange, und dann geht’s los. Plündern ist verboten. Wer etwas mitnimmt, wird streng bestraft. Auch die Bevölkerung muss am Plündern verhindert werden. Wenn Sie jemanden dabei erwischen, übergeben Sie ihn der Polizei. Die Synagoge liegt in unserem Bereich, sie geht uns aber nichts an. Dafür ist schon ein Sonderkommando gebildet worden. Also los! Das Tor öffnete sich und die SS strömte in ungeordneten Haufen auf die Strasse. Es war erstaunlich, wie rasch manche Männer einen geeigneten Knüppel gefunden hatten. Andere zeigten weniger Eifer. Ich hielt mich weit im Hintergrund und beobachtete, dass sich eine ganze Anzahl von SS-Leuten unauffällig beiseite machte. Ehe wir bei dem ersten jüdischen Geschäft ankamen, mochte etwa ein Drittel der Angehörigen unseres Sturms verschwunden sein. Ich überlegte, ob ich es ebenso machen sollte, entschloss mich dann aber, dem randalierenden Haufen als Beobachter zu folgen. Da krachten vorn die ersten Scheiben. Klirrend fiel das Glas aufs Pflaster. Es war ein kleines Radiogeschäft. Ich war oft daran vorübergegangen und war nie auf den Gedanken verfallen, mich um die Rasse seines Besitzers zu kümmern. Woher wussten die SS-Leute, dass er jüdisch war? Einige nächtliche Passanten hörten den Lärm, eilten herbei, fragten, was geschehen sei, und gingen kopfschüttelnd weiter. Der nächste Laden war eine Schnapsdestille. Die grossen Schaufensterscheiben fielen splitternd zusammen, die Tür wurde erbrochen. Jemand fand den Lichtschalter. Innen standen auf langen Borden die Flaschen mit Weinbrand, Likör und Cognac. Sie wurden mit Stangen heruntergeschlagen und zerbrachen. Ein stisslicher, starker Dunst von verschüttetem Alkohol stieg auf. Gestalten der Breslauer Unterwelt folgten johlend dem Haufen der SS. Eine Drogerie wurde demoliert, ein Tuchgeschäft folgte. Die Leute gerieten in Ekstase. Es genügte ihnen nicht mehr, das Schaufenster zu zerstriimmern. Sie drangen durch das Fenster in den Laden ein. Einer wurde durch herabfallendes Glas schwer verletzt. Man brachte ihn zur Unfallstation. In dem Tuchgeschäft wurden die Stoffballen von den Regalen gerissen und auf die Strasse geworfen. Eine dunkle Gestalt in Zivil wollte sich mit einem Ballen davonmachen. Der Sturmführer lief hinterher, entriss dem Mann seine Beute und ohrfeigte ihn. Dann stellte er eine Wache vor den Laden. Als die Scheiben des nächsten Geschäfts zusammengeschlagen wurden, öffnete sich im Stockwerk darüber ein Fenster, und ein Mann, offenbar der Besitzer, fragte erregt und schimpfend, was da los sei. “Halts Maul, du Judenschwein”, bekam er zur Antwart, “Wir holen dich gleich runter!” Steine flogen in sein Fenster. Der Mann zog sich zurück. Ein Versuch ins Haus einzudringen, wurde dann doch wieder aufgegeben. In der inneren Stadt, wo besonders schöne jüdische Geschäfte lagen, war uns anscheinend schon ein anderer Sturm zuvorgekommen. Es sah wüst aus. Ab und zu hörte ich Stimmen von Vorübergehenden, die leise, aber mit tiefer Empörung von Kulturschande sprachen. Wir näherten uns dem Stadtgraben. Neben dem Polizeipräsidium leuchtete ein Feuerschein auf. Dort war die grosse Synagoge. Ich liess meinen Sturm aus dem Auge und ging zum Polizeipräsidium. Die Synagoge stand in hellen Flammen. Polizisten sperrten die Strasse und hielten Neugierige zurück. Einige Feuerwehrmänner waren offenbar auch nur gekommen, um zuzuschauen und hier und da einen herausfliegenden Feuerbrand abzutöten. Das hohe Gebäude brannte prasselnd aus. Schliesslich stürzte die Kuppel ein. Ich wusste, dass in der Nähe noch eine Synagoge war, die sogenannte “alte Synagoge”. Ich ging dorthin, um nachzusehen, was ihr geschehen war. Als ich ankam, hatte man gerade das eiserne Tor gesprengt, das in einen Vorhof führte. Dann drang die Meute in das Gebäude ein. Einer brüllte, man dürfe kein Feuer anlegen, weil das Gebäude mitten in einem dicht bebauten Häuserblock stehe. Doch bemühten sich die uniformierten Rowdies auch ohne Feuer um gründliche Zerstörung. Hohe Leuchter wurden umgeworfen, Geräte zerschlagen, die Bundeslade umgestürzt, und eine auf Rollen geschriebene Thora lag zerfetzt zwischen Möbeltrümmern. Von Ekel gepackt ging ich nach Hause. Am Nachmittag des nächsten Tages traf ich Miss MacCarthy, eine junge Engländerin, mit der ich seit einiger Zeit befreundet war, und erzählte ihr genau, was ich in der vergangenen Nacht beobachtet hatte. Sie versprach, dass sie meine Nachrichten nach England bringen wollte. Ausserdem wollte sie versuchen, die Ruine der abgebrannten Synagoge zu fotografieren. Aber sie hatte keinen Erfolg. Während sie den Apparat auf die Ruine einstellte, legte ihr plötzlich ein Polizist die Hand auf die Schulter und nahm sie mit aufs Polizeipräsidium. Dort wurde der Film entwickelt. Er war noch unbelichtet. Man verwarnte sie, gab ihr den Apparat zurück und entliess sie. Am Abend des 9. November war wieder SS- Dienst. Mir ist davon nur in Erinnerung geblieben, dass kaum ein Wort über die Ereignisse der vorigen Nacht gesprochen wurde. Es mag sein, dass ein gewisses Schamgefühl die Leute zurückhielt. Später hörte ich von einem SS-Mann, dass der höchste SS-Führer Schlesiens weniger Zurückhaltung übte. Dieser, SS-Mann von dem Bach-Zelewsky, sagte damals in einer Versammlung zu den SS-Männern von Breslau etwa folgendes: “In der Nacht zum 9. November haben wir in München noch lange mit dem Führer zusammengesessen, ich war stolz, ihm um vier Uhr morgens melden zu können, dass in Schlesien 80 Synagogen brennen”. Für meine weiteren Erlebnisse wurde es wichtig, dass wir am 9. November gefragt wurden, ob jemand am folgenden Abend Zeit habe und zwei Tage wegbleiben könne. Es gelte, einen Transport zu begleiten. Nur zwei oder drei Männer meldeten sich. Sie wurden für den nächsten Abend in den Hof des Polizeipräsidiums bestellt. Ich hatte mich nicht gemeldet. Am 10. November traf ich wiederum Miss Mac Carthy. Sie war sehr aufgeregt, nicht wegen der missglückten Fotografie, sondern weil man ihren Wirt, einen jüdischen Architekten, verhaftet hatte. Sie schilderte die Verzweiflung der Frau und den Schmerz der beiden Kinder. Keiner von ihren Wirt, einen jüdischen Architekten, verhaftet te und ob sie ihn je Wiedersehen würden. So wie Herrn Tischler war es in jenen Tagen fast allen Jüdischen Männern zwischen 16 und 60 Jahren ergangen. Ich überlegte krampfhaft, was ich für die Armen tun könne, und entsann mich der Aufforderung, einen Transport zu begleiten. Darauf fasste ich den Entschluss, bei diesem Transport mitzufahren, um wenigstens Botschaften übermitteln zu können und etwas über die Zukunft der Verhafteten zu erfahren. Da ich Herrn Tischler nicht persönlich kannte, bat ich Miss MacCarthy, mir ein Bild von ihm zu besorgen und seine Frau zu fragen, was ich etwa ausrichten könnte”. Zu Hause zog ich mir die Uniform an und traf dann wieder die Engländerin. Sie brachte mir ein Bild und ein Zeugnis über Herrn Tischlers schlechte Gesundheit. Ich sollte sehen, dass ich es ihm zustecken könnte. Während sie nach Hause eilte, fuhr ich zu einer mir bekannten Dame, der Witwe eines jüdischen Rechtsanwalts, in deren Haus ich seit einigen Jahren verkehrte. Ich erzählte ihr von meinem Vorhaben und fragte sie, für wen ich noch etwas tun könne. Sie telefonierte mit dem Oberrabbiner und gab mir dann die Liste einer Reihe von Verhafteten mit. Dann ging ich zum Polizeipräsidium. Im düsteren Hof dieses hohen Gebäudes schnauzten ein paar SS-Führer herum und formierten Gruppen aus SS-Männern und regulären Polizisten. Ich stellte mich einfach zu einer dieser Gruppen. Wir wurden bald auf Lastwagen verladen und weit hinaus zum Güterbahnhof gefahren. Dort wurden wir von einer Gruppe von Polizeioffizieren und SS-Führern über unsere Pflichten aufgeklärt. In jedem Abteil würde abwechselnd ein SS-Mann oder ein Polizist sieben jüdische Männer zu bewachen haben. Die Fenster müssten geschlossen bleiben. Aborte dürften nicht verriegelt werden. Unterhaltung und Rauchen sei verboten. Bei jedem Halt müsse eine bewaffnete Polizeiabteilung auf beiden Seiten des Zuges Wache halten. Die SS- Männer waren übrigens unbewaffnet. Wohin es ging, wurde nicht verraten. Wir wurden dann sogleich auf die Abteile des Zuges verteilt. In mein Nachbarabteil kam ein junger Polizist. Zu weiteren Abteilen hatten wir keinen direkten Zugang. Etwa gegen 10 Uhr abends, kamen die jüdischen Verhafteten in Viererreihen (Fortsetzung auf Seite 15) 14

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