Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 40 (September 1976)
- Date
- 1976-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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} ERINNERUNGEN Von HANS MARGOLIUS 2. VON KROTOSCHIN NACH WEIMAR — IM LOBE-THEATER IN BRESLAU — IN DEN GLATZER BERGEN Meine Eltern hatten eine grosse Liebe für Literatur und Wissenschaft. Die Namen der grossen Dichter und Philosophen waren mir von früher Kindheit an vertraut und ehrwürdig. Ich war zehn oder elf Jahre alt, als meine Mutter zum ersten Mal mit mir nach Weimar fuhr. Wir waren damals für die Ferienzeit in Bad Koesen im Thueringer Wald. Von da war es nur etwa eine Stunde Bahnfahrt nach Weimar. So setzten wir uns eines Tages auf die Bahn, um die Stadt Goethes und Schillers zu besuchen. Mit Entzücken und Andacht gingen wir durch das alte Goethe-Blaus. Um ein weniges wären wir danach nicht mehr ins Schillerhaus gekommen. Die Besuchsstunden waren vorüber, als wir am Eingang standen. Aber meine Mutter bat so lange, bis man uns doch noch herein-liess. Dann gingen wir zu dem Goethe-und- Schiller-Denkmal, das auf dem Platz vor dem National-Theater steht. Da standen wir eine lange Zeit. Ich weiss noch wohl, wie ich schliesslich ungeduldig wurde und zum Gehen mahnte. Als wir endlich gingen, hatte meine Mutter Tränen in den Augen. Sie war über alles glücklich, hier gewesen zu sein. Weimar war ein Stück Heiligtum für uns... Es war viele Jahre später, als ich mit meinem Vater von Berlin aus wieder einmal ln Weimar war. Erst da kam ich dazu, auch das Haus Nietzches in Weimar aufzusuchen... In meinen Erinnerungen stehen mir mein Vater und meine Grossmutter (die Mutter meiner Mutter, die mit uns zusammen im selben Hause lebte) als vielfache und leichtherzige “Verschwender” vor Augen. Meine Mutter dagegen war immer bedächtig im Geld-ausgeben. Um so mehr ist mir immer merkwürdig gewesen, wie sie oft aller Sparsamkeit Valet sagte, sobald es sich um literarische Dinge handelte. Einmal kam ich eines Nachmittags in grossem Eifer nach Hause gestürzt, um zu berichten, dass ich in unserer Schulbuchhandlung bei Rätzers am Markt ein Exemplar v. Gerhart Hauptmanns “Die Weber” entdeckt hatte. Es kostete drei Mark. Ich wagte eigentlich nicht zu hoffen, dass man mir erlauben würde es zu kaufen. Aber meine Mutter, die sonst überaus sparsam war, setzte sich sogleich dafür ein. Ich lief zurück und brachte das Buch. Immer, wenn es in späteren Jahren mir in die Hände kam, musste ich daran denken, dass ich es meiner Mutter zu danken hatte... Im Jahre 1918 kam Alexander Moissi zu einem Gastspiel an das alte Lobe-Theater nach Breslau. Da schickte meine Mutter meinen Vater und mich nach Breslau, damit wir einmal einen grossen Schauspieler sehen konnten. Das war keine kleine Sache. Breslau war gut vier Stunden mit dem Schnellzug von Krotoschin entfernt. Aber in Krotoschin gab es kein grosses Theater. Und so fuhren wir denn nach Breslau. Eine Freundin meiner Eltern, Grete Bayer war damals Sekretärin am Lobe- Theater. Ohne ihre Hilfe hätten wir in Breslau keine Karten mehr bekommen. Aber dank ihrer bekamen wir die besten Plätze im Haus. Wir sahen Moissi als Hamlet. Margarete Hopf spielte die Ophelia. Es war ein grosses Erlebnis für mich... In unserer Wohnung in Krotoschin stand unser Bücherschrank im Wohnzimmer. Der Bücherschrank war in der Obhut meines Vaters. Da standen nun neben Goethe und Schüler viele Bände von Herder und Lessing und Shakespeare, die “Studien” von Adalbert Stifter, die meinem Vater besonders ans Herz gewachsen waren, die Werke Heines, zwei Bände mit den Schriften Spinozas und ein Band mit den Werken Schopenhauers. Unter allen Büchern in der Bibliothek meiner Eltern aber war unsere drei-bändige Ausgabe der Komödien von Molifere gewiss am meisten beachtlich. Sie bestand erstaunlicher Weise aus vier Bänden. Das hatte seinen Grund und seine eigene Geschichte. Meipe Mutter hatte als junges Mädchen unter ihren Büchern drei Bände Moliere. Von diesen drei Bänden lieh mein Vater einen, kurz nachdem er meine Mutter kennen gelernt hatte. Als er das Buch aus den Händen des jungen Mädchens, das er liebte, in seinem Zimmer hatte, dachte er sich, dass es doch schön wäre, dies Buch für immer zu behalten. So setzte er sich an seinen Tisch und bestellte sich ein zweites Exemplar dieses einen Bandes des Moliere. Als der Band kam, trug er den neuen Band zu meiner Mutter zurück und behielt den Band, den er von ihr entliehen hatte. Und so kam es, dass wir in unserer Bibliothek einen drei-bändigen Moliere in vier Bänden besassen... Es war noch vor dem Erlebnis des “Hamlet” in Breslau, dass meine Mutter einmal mit mir in Bad Altheide in den Glatzer Bergen war. Da entdeckten wir, dass es hier ein hübsches kleines Kurtheater gab, in dem eine Truppe von Breslauer Schauspielern allabendlich zu spielen pflegte. Es kostete mich keine grosse überredungskust, meine Mutter zu einem Besuch dieses Theaters zu bewegen. Hier sah ich die erste Operette in meinem Leben. Sie war von Walter Kollo und hiess “Das Glücksmädel”. Das Glücksmädel wurde von Mizzi WU1 gespielt. Ich war aufs höchste begeistert von ihr. Zwei Jahre danach, als wir in Bad Kudowa waren, trafen wir die Schauspieler wieder, die wir damals in Altheide gesehen hatten. Auch Mizzi Will war wieder da. Jetzt sahen wir sie in "Wie einst im Mai”. Ich wünschte mir nichts so sehr wie ein BUd von ihr. Aber in den Foyers der Theater und in den Buchhandlungen gab es damals noch keine Schauspieler-bilder zu kaufen... Als ich dann von den Ferien schon wieder zurück in Krotoschin war, da schrieb mir meine Mutter, die noch eine Woche länger in Kudowa geblieben war als ich und mein Vater: dass sie am Morgen Mizzi Will auf der Kurpromenade getroffen hatte. Sie hatte sie angesprochen und sie um ein Bild von sich gebeten. Mizzi Will hatte sich lange mit ihr unterhalten. Aber ein Bild hatte sie ihr nicht geben können sie hatte keines... Dass meine Mutter mit Mizzi Will gesprochen und dass sie um ein Bild für mich gebeten hatte — das machte mir eine grosse Freude, die ich nie vergessen habe... 1916 gab es in Bad Altheide nicht nur ein Kurthater, in dem eifrig Theater gespielt wurde, sondern auch nicht weit vom Kurplatz in einer Lichtung mitten im Wald eine kleine etwas verfallene Freilichtbühne mit ein paar hölzernen Bänken davor. Es war offenbar, dass keiner mehr daran dachte, hier Theater zu spielen. Mich aber erfasste sogleich ein Feuereifer, als ich dieses einzigartige Theater zu Gesicht bekam. Ich beschloss mit aller Energie meiner Jugend, grosse Dinge zu tun. In der Villa Gerda, in der meine Mutter mit mir logierte, wohnten zwei Jungen in meinem Alter. Mit diesen setzte ich mich zusammen. Ich verfasste ein Drama vom Schicksal zweier Freunde. Dies Stück probten wir eifrig. Dann beschlossen wir noch eine Anzahl von Deklamationen dazu zu geben. Meine Mutter schrieb uns schliesslich noch einen Prolog, der unser Unternehmen einleiten und rechtfertigen sollte. Wie wir es fertig brachten, für unser junges Unternehmen dann eine recht stattliche Anzahl von Zuschauern anzulocken, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls waren viele gekommen, als die Klingelzeichen ertönten, und unsere Aufführung war ein voller Erfolg. Umso weniger wollte ich mich nun mit dieser einen, ersten Darbietung .zufrieden geben. Ich plante mehr und Grösseres. Nach unserem ersten Erfolg war ich ja nun auch kein Unbekannter mehr. Aus den Nachbarhäusern schlugen sich viele junge Theater- Begeisterte zu mir. Wir waren nun bald eine stattliche Schar von Schauspielern. Aber mit der Anzahl der Schauspieler schienen auch die Probleme und die Schwierigkeiten zu wachsen. Wir probten oft und eifrig im Garten hinter unserm Hause. Aber es kam doch nie wieder zu einer regelrechten Aufführung auf der alten Bühne im Walde. Freilich, ganz erfolgreich blieben doch auch diese Proben im Garten nicht, — jedenfalls nicht für mich persönlich: Kurz vor unserer Vorstellung im Freilichttheater war ich einmal mit meiner Mutter die Strasse am Kurplatz entlang gegangen. Da war uns eine offene Pferdedroschke begegnet, die langsam uns entgegen die Strasse heraufgerollt kam. Darin sass eine Dame mit einem jungen Mädchen von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren. Das Mädchen trug ein helles Sommerkleid. Sie hatte dunkelbraune Haare und sehr dunkle Augen. Mir erschien sie ein Bild vollendeter Schönheit. So oft meine Arbeit mit dem Theater in den folgenden Tagen mir Zeit dazu Hess, dachte ich an sie und wünschte mir, ihr bald einmal wieder zu begegnen. Und nun war sie in der Tat eines Tages unter denen, die zu mir kamen, um sich unserer jungen Schauspieltruppe anzuschliessen. Sie hiess Hertha Homburger und war aus Nauen bei Spandau. Als die Ferienzeit zu Ende war und als wir dann beide wieder nach Hause zurückgekehrt waren, schrieben wir uns von Zeit zu Zeit. Aber dann nach einigen Monaten hörte ich nichts mehr von ihr... Als ich, viele Jahre danach, mit meinem Vater in Berlin lebte und an der Berliner Universität Philosophie und Literaturgeschichte studierte — da pflegten wir zuweilen grössere oder kleinere Ausflüge in die Mark zu unternehmen. Eines Tages fuhren wir damals über Spandau auch nach Nauen. Da suchten wir die Mittelstrasse auf, in der im Jahre 1916 meine Freundin gewohnt hatte. Ich hatte ihre Hausnummer vergessen. So gingen wir die ganze Mittelstrasse entlang und schauten nach den Namen der Bewohner. Aber wir haben kein Türschild mit dem Namen Homburger gefunden. Ich hätte mich gefreut, wenn ich Hertha Homburger damals wieder gefunden hätte. Es wäre schön gewesen, mit ihr zusammen die Tage in Altheide wieder ins Gedächtnis zurück zu rufen... Es war mir immer in meinem Leben daran gelegen, vom Grössten bis zum Allerkleinsten, alles zu bewahren und festzuhalten, was immer mir einmal an Freundschaft, an Liebe, an Gutem, an Schönem, an Frohem zuteil geworden war. Freilich, das gelingt uns nur recht selten in Wirklichkeit. Aber es ist doch, wenn wir nur wirklich wollen, uns jederzeit möglich: in Gedanken. Und vielleicht beruht eben auf diesem Verlangen, zu bewahren und festzuhalten, ein nicht unwesentliches Stück aller Kunst, aller Dichtung, aller Philosophie...