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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-09-01 · No. 40 (September 1976) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 40 (September 1976)
Date
1976-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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DIE IM DUNKELN... (RANDGESTALTEN DER JUDENHEIT SCHLESIENS) Die im Hellen sieht man wandeln die im Dunkeln sieht man nicht. (Brecht) Der bedeutende hebräische Erzähler Hasas (1898—1973) lässt den Helden einer seiner berühmten Novellen eine heftige Attacke gegen die Jüdische Geschichte reiten, dabei legt er ihm folgende Worte in den Mund: “Wenn ich einmal dieses Fach unterrichten sollte, würde ich meinen Schülern sagen: Kinder, dies ist uninteressant — geht in der Zeit lieber Fussball spielen!” Diese Worte wurden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs niedergeschrieben. Sie spiegeln die “kanaanitischen”, antitraditionellen Strömungen wieder, die damals hoch im Kurse standen. Es spricht aus ihnen die Ablehnung einer Sicht, die in der jüdischen Geschichte nur die respektablen Figuren gelten liess, die Weisen, Rabbiner und Gelehrten und die zwielichtigen und zweifelhaften Gestalten nicht der Erwähnung würdig befand. Wie dem auch sei: Das Urteil von Hasas ist im allgemeinen gewiss schief und ungerecht, aber insbesondere, was die moderne Epoche angeht. Welch eine Fülle vor farbigen und interessanten Menschen, von dynamischen Schicksalen tritt uns entgegen, und das vor allem, je mehr wir uns vom Zentrum zur Peripherie des Volkslebens hinbewegen, was ja auch der Titel des Deutscherchen posthum erschienenen Buches “Der nichtjüdische Jude” zum Ausdruck bringen will. Lassen wir einige Bilder von in Schlesien geborenen Juden aus den letzten zwei Jahrhunderten geschwind Revue passieren. Da ist zuerst der in Breslau 1731 geborene Ephraim Kuh, den Graetz als den ersten deutschen Dichter aus jüdischem Stamme bezeichnet. Er war ein typisches Produkt einer in Gaerung befindlichen Übergangszeit. In seiner Brust rasten, wie der Historiker fortfährt, Dämonen des Zwiespalts. Seine Konflikte mit der äusseren Welt gestaltete er in Epigrammen und Satiren, schrieb aber auch Idyllen, die ja im 18. Jahrhundert eine der beliebtesten literarischen Formen waren. Seiner inneren Unruhe entsprach auch eine äussere Unstätigkeit. Jahre hindurch war er — oft ziellos — auf Reisen und schwankte zwischen seiner Berufung als Dichter und zwischen seinem Beruf als Kaufmann hin und her. “Dichter u. Kaufmann” ist auch der Titel eines Romans von Berthold Auerbach, in dem Kuh dichterisch porträtiert wird. In seinen späteren Jahren hatte er Anwandlungen des Trübsinns, die zur vorübergehenden geistigen Umnachtung führten. In einer jüngst (1971) erschienenen gross angelegten Studie des Italieners Claudio Magris, Lontano da dove — Torino 1971, wird die Romanfigur Ephraim Kuh, der zwischen Apoll (dem Gotte der Musen) und Merkur (dem Gott des Geldes) schwankt, und “Silben zählt wie Dukaten” geradezu zum Prototyp des modernen Menschen, des Romantikers vor der Romantik, der die Synthese zwischen Tradition und Vernunft nicht vollziehen kann. Die jüdischen Totengräber reissen ihm — symbolische Geste — den Ddchterlorbeer ab, bevor sie ihn in die Grube senken... In ruhigeren Bahnen verlief das Leben des eine Generation nach Ephraim Kuh geborenen Baruch Schottländer, der sich als deutscher Schriftsteller Benedict Schott nannte. Seine jüdische Erziehung hatte er auf den Jeschiwoth von Glogau und Breslau erhalten, später ging er nach Berlin und am Anfang des 19. Jahrhunderts nach der neugegründeten Schule von Seesen, in der er 33 Jahre wirkte. Schott war radikaler Aufklärer geworden, der in dem Judentum eine Vernunft-Religion sah. Er nahm tätigen Anteil an der Schaffung d. Konslstorialverfassung im Königreich Westfalen und in Frankreich, die auf die Initiative Napoleons zurückging. Sein “Memorandum an die Juden Westfalens” erschien deutsch und hebräisch in der Zeitschrift "Hameassef”, und es zeichnet sich durch Klarheit des Stils und durch ein starkes pädagogisches Pathos aus. Es schliesst mit den zuversichtlichen Worten: "Die göttliche Gnade wird uns instand setzen, die Ehre der Juden wieder herzustellen, die Tausende Jahre erniedrigt und unterdrückt gewesen sind...” Schlesien wurde im frühen 19. Jahrhundert zu einer Pflegestätte der Schachkunst, wie es schon im frühen 17. Jahrhundert eines der ersten Zentren der Literatur gewesen war. (Opitz, Angelus Silesius). Um den ersten (nichtjüdischen) Weltmeister Anderssen entstand ein Kreis erstrangiger Schachmeister im Tumierspiel und Problemkoposition. In diesem Kreis nimmt der in Breslau 1823 geborene Daniel Harrwitz eine hervorragende Stellung ein. Auch er lebte später fern von seiner Heimat in England, wo er die angesehene Schachzeitschrift “Britisch Chess Review” herausgab, und in Paris, wo er 1858 in einem viel beachteten Wettkampf mit dem genialen Amerikaner Paul Morphy zwar unterlag, aber von allen europäischen Spielern mit d. knappsten Ergebnis. Morphy gewann fünf Partieen, Harrwitz drei — und das gegen einen Spieler, der zu seiner Zeit als unschlagbar galt. (Der Weltmeister Anderssen unterlag mit dem Ergebnis 7 :2). In späteren Jahren hat sich Harrwitz aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Schachbetrieb zurückgezogen. Heute bringen nur noch wenige Schachgeschichten seinen Namen... Umsomehr wird heute noch über eine Gestalt geschrieben, die um die Mitte des Jahrhunderts zu den dramatischsten Akteuren der Weltbühne gehörte: Der Marquise de Paiva, die als Sara Lachmann 1828 (so nehmen manche an) im schlesischen Neisse geboren war. Für den französischen Schriftsteller Pierre Dominique ist sie: "die Abenteurerin der galanten Welt” schlechthin. Sie war zuerst in Moskau (aber nicht im Moskauer Ghetto, von dem der Franzose fabuliert, das es damals ja garnicht gab), später in Paris mit vielen Künstlern, Pianisten, Schriftstellern und Diplomaten liiert, gelangte zu phantastischem Reichtum, liess sich ein Palais auf dem Champs Elysees bauen, das "Palais in rosa Marmor”, auf die grossartige zu ihm führende Freitreppe soll der- Schriftsteller Augier das — aus dem 4. Akt des Racineschen Phädra stammende — Wort gemünzt haben: “Gleich wie die Tugend hat das Laster seine Stufen”. Die Paiva heiratete später den schlesischen “Kohlengrafen” Henckel von Donnersmarck, bemühte sich — so Dominique — nach dem Kriege von 1870/71 um eine deutsch-französische Verständigung, die durch ein “Gipfeltreffen” (das Wort gab es damals freilich noch nicht) zwischen Gambetta und Bismarck herbeigeführt werden sollte. Diese Pläne zerschlugen sich, sie wurde als “preussische Spionin” des Landes verwiesen und starb auf einem der schlesischen Güter des Grafen. Sara Lachmann — die französische Biographie nennt sie Therese — soll den Schriftsteller der Boheme Murger zu der Gestalt der Mimi angeregt haben, die dann in der Vertonung von Fuccini ihren Siegeszug über alle Opernbühnen der Welt angetreten hat... Nach dem Zeugnis von Gautier soll auch des Urbild der Carmen weder Zigeunerin, noch Baskin, sondern eine polnische Jüdin gewesen sein. Schliessen will ich mit einer garnicht “historischen” Persönlichkeit, die lediglich in einer denkwürdigen Begegnung ihre Spuren hinterlassen hat. Im Jahre 1869 kommt der preussische Kronprinz — und spätere Kaiser Friedrich — nach Jerusalem, nach dem er als Vertreter Preussens die feierliche Einweihung des Suez-Kanals durch seine Gegenwart geehrt hatte. Im Jahre 1869 kommt der preussische Kron- Bitte, auch mit einigen seiner Untertanen zu sprechen. Eine kleine Delegation von preussischen Juden trifft sich mit dem Souverän, der sie über ihr Leben im heiligen Lande befragt. An der Spitze dieser Delegation steht Selig Hausdorf, er stammt aus dem oberschlesischen Myslowitz. Er ist der Gebildetste unter den Juden und weiss, wie man den hohen Herrn ansprechen soll. Wie er ihn aber zu seinen Siegen über Österreich beglückwünscht, (der Krieg von 1866 lag ja noch nicht lange zurück), meint Friedrich abwehrend: “Ach, meine Herren, lassen wir das, wir sind ja in der Stadt des Friedens”. Ja, Friede, Friede für die ganze Welt sollen seine beeindruckten Zurörer wiederholt haben... ABRAHAM TOBIAS, Natania LANDESTREFFEN DER EHEM. BRESLAUER UND SCHLESIER Anlässlich des 40. Todestages von Rabbiner Dr. Max Simonsohn s.A., Breslau, der in jungen Jahren starb, fanden sich ca. 150 Menschen, Schüler, Verehrer und Freunde aus allen Teilen des Landes zusammen. Oft war es ein Wiedersehen nach 40 und mehr Jahren. Viele erkannten sich nicht mehr. Der Abend bestand aus zwei Teilen: Wiedersehen mit Freunden in zwangsloser Art, mit Überreichung von Briefen, Dokumenten und Photos der verschiedenen Feiern in den Schulen Breslaus. Der 2. Teil war eine Gedenkstunde für den unvergesslichen Raw. Der General-Sekretär des Breslauer Verbandes, Erich Elieser Lewin, leitete den Abend. Nach dem Lernen von Mischnajoth durch Israel Jutkowski und dem Kadisch de Rabanan, durch Raw Chaim Friedländer aus Bne-Brak, sprachen: Dr. Ernst Markowitz, Ramat Chen, Prof. Schmarjahu Talmon, Jerusalem, David Even Pina (Eckstein), Ehrenbürger von Haifa, David Erichen (Theo Freyhahn, Kfar Maimon) sowie Arje Gradenwitz, Bne Brak. Aus allen Reden und Dokumenten, Zeitungsberichten etc. aus früheren Jahren, war ersichtlich, dass Rabb. Dr. Max Simonsohn noch heute unter uns weilt. Den Jiskor sprach in besonders würdiger Weise Israel Janal, Bne-Brak. Der Abend stand auf sehr hohem Niveau und wird allen, die an ihm teilnahmen, unvergesslich bleiben. Am Vorstandstisch sass die Witwe des grossen Heimgegangenen, Frau Hanna Baer-Simonsohn, sowie, als Vertreter der Familie, der Neffe, Rektor der Tel-Aviver Universität, Prof. Dr. Simonsohn. Der Leiter des Abends konnte Dr. Josef Prager, Haifa, der mit 91 Jahren es sich nicht nehmen liess zu kommen, und viele andere in hohem Alter, begrüssen. Aber auch viele ehemalige Schüler zwischen 40 und 50 Jahren waren aus den verschiedensten Teilen des Landes, aus religiösen und nichtreligiösen Kibbuzim erschienen und legten Zeugnis ab für die grosse Liebe zu diesem ausserordentlich befähigten Manne, dessen Ziel es war, Fernstehende d. religiösen Judentum u. der Liebe zu Eretz Israel zuzuführen. Sein Wirken wird auch noch nach 40 Jahren durch Herausgabe laufender Hefte seiner Arbeit in uns fortleben. 8

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