Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 40 (September 1976)
- Date
- 1976-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erste Ansiedlung in Merchavia 1911 Mein Vater, Heinrich Salomon, fuhr im. Jahre 1911 nach Palästina, um für seinen Sohn in Merchavia Böden zu kaufen. Die Verhandlungen über den Ankauf hatte er bereits in Berlin begonnen. Aus Idealismus und politischer Weitsicht heraus hatte er auch seinen Sohn Walter dahingehend beeinflusst, seine Zukunft nicht in Deutschland und im Handel sondern in Palästina und in der Landwirtschaft zu sehen. Mit Hilfe von Arthur Ruppin kaufte er in Merchavia 350 Dunam, zu denen ein Jahr später weitere 100 Dunam hinzukamen, die mein Schwiegervater Simon Kaminsky kaufte, um sie seinem Sohn Hugo und mir als Hochzeitsgeschenk zu übergeben. Im Januar 1913 kamen wir nach Haifa und fanden auch eine kleine Wohnung. Meine Hochzeit fand Pessach 1913 in Haifa statt, an der sich auch mein Schwager, Nathan Kaminsky, der sich gerade mit einer Bar Kochba Gruppe in Palästina befand, beteiligte. Während der kurzen Zeit, die wir in Haifa verbrachten, befanden wir uns in einem sehr interessanten Kreis junger und wie wir begeisterter Menschen, zu denen auch Elias Auerbach gehörte. In Merchavia wohnten bereits in sehr primitiven Gehöften ein Schuster, der aus Russland gekommen war, ein Bäcker aus England und ein junger Jude aus Russland, der einen Wagen nebst Pferd hatte, um auf diese Weise uns mit der Aussenwelt zu verbinden, und uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Wir waren die ersten Siedler aus Deutschland. Mein Mann und mein Bruder bauten ein Haus, das aus 4 Zimmern nebst Hall, Küche und Nebengelass bestand — allerdings ohne Wasserleitung und Elektrizität für Haus und Wirtschaft. Rings um das Haus musste aus Gründen der Sicherheit eine zwei Meter hohe Mauer gezogen werden. Wir bauten unseren Meshek auf und nach einiger Zeit bestand er aus 8 Kühen, 4 Pferden, Hühnern und Kälbern. Zur damaligen Zeit kannte man noch keine Orangenpflanzungen im Norden. Unser Meschek baute sich daher auf Mandeln u. Oliven auf. Ausserdem pflanzten wir Weizen und Gerste. Zur gleichen Zeit bekam mein Mann eine Sendung Samen von Besenhirse, die er mit grossem Erfolg anbaute. Die Besenhirse wuchs derartig hoch, dass ein Reiter auf dem Pferd nicht mehr zu sehen war, wenn er durch das Feld ritt. Damit man sich eine Vorstellung machen kann, mit welchen Schwierigkeiten die ersten Siedler zu kämpfen hatten, möchte ich nur erwähnen, dass mein Mann zweimal täglich mit zwei Fuhrwerken nach Afula an den arabischen Brunnen fuhr, um in jeweils 8 Fässern das Wasser für unseren Meshek und unser Haus heranzuschaffen. Das Wasser für meine Küche habe ich mir dann mit Eimern herangetragen. Was das Kochen anbetrifft, so habe ich es bald lernen müssen auf Holzkohle zu kochen, auf kleinen eisernen Öfen. Das Brot habe ich in einem selbstgemachten kleinen arabischen Ofen, wie er in damaliger Zeit allgemein üblich war, selbst gebacken. Im Allgemeinen habe ich 3 Mal in jeder Woche gehacken. Brot, Chalot und zu Schabbat gab es etwas Kuchen. Unser Leben war mehr als einfach, um nicht zu sagen primitiv. Die Arbeit begann mit Sonnenaufgang und wurde erst bei Dunkelheit beendet. Im Haus und in der Küche ging sie auch nach Einbruch der Dunkelheit weiter. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz der unaufhörlichen Arbeit und der schweren Umstände blicke ich auf diese unsere erste Zeit mit Genugtuung u. Stolz zurück, denn wir sahen jeden Tag, was wir geleistet und was wir geschafft hatten. Einen sehr grossen Rückschlag in unserer Arbeit erlitten wir durch den Einbruch von Heuschrecken. Eines schönen Tages verfinsterte sich d. Himmel und ein Heuschreckenschwarm liess sich auf unsere Felder nieder. In kürzester Zeit frassen sie alles ab, was erreichbar war. Sie kamen in alle Gebäude, in die Ställe, in die Wohnung und frassen und knabberten alles an, was ihnen erreichbar war. Nach kurzer Zeit zogen sie weiter, hinterliessen Eier, die uns nach weniger Wochen die nächste Generation Heuschrecken bescherten, die dann ihrerseits alles abfrassen, was ihre Eltern ihnen übriggelassen hatten, oder in der Zwischenzeit wieder gewachsen war. In besonderer Erinnerung ist mir auch ein Besuch von Edmond de Rothschild, der Erez Israel bereiste und uns die Ehre gab, uns in unserem Hause zu besuchen. Im April 1914 wurde zu unserer grössten Freude unser erster Sohn Elijahu geboren. Zur Entbindung fuhr ich 4 Tage vor der Geburt nach Haifa, die Fahrt dauerte 6 Stunden und mein Mann brachte mich in unserem Pferdefuhrwerk, das er vorher sorgfältigst mit Decken und Stroh ausgelegt hatte, in die Klinik von Dr. Elias Auerbach. Wenn ich an diese Fahrt, trotz aller Sorgfalt und Vorsicht, mit der mein Mann unseren Wagen lenkte, zurückdenke, muss ich gestehen, dass Wehen und Geburt mir leicht und einfach vorkamen gegenüber dieser Fahrt auf unserem Pferdewagen, und auf Wegen, die noch keine Wege waren. Nach dem Brith fuhren wir auf demselben Pferdewagen, aber dieses Mal zu dritt, nach Merchavia zurück und meine Arbeit in der Küche und in der Wirtschaft, zusammen mit der Sorge um Elijahu ging sofort weiter, denn eine Hilfe im Haushalt hatte ich nicht. Im August 1914 brach der erste Weltkrieg aus und mein Vater und mein Bruder fuhren mit dem letzten Schiff, das von Haifa abging, nach Deutschland zurück. Mein Mann, unser Kind u. ich blieben in Merchavia zurück und es begann eine sehr schwere Zeit für uns, da die Lebensmittelversorgung sehr schlecht war. Anfang 1915 bekamen wir in unser Haus Einquartierung eines türkischen Generals und seines Bediensteten und den grössten Teil unserer Wohnung mussten wir diesen zur Verfügung stellen. Damit nicht genug nahmen sie uns alles, was nicht niet- und nagelfest war, fort und assen noch das Wenige, was uns geblieben war. Auch unsere Kühe schlachteten sie ohne uns zu fragen und ohne uns dafür zu entschädigen. So wurde die Lage immer unerträglicher. Mitte August bekam mein Mann vom Deutschen Konsulat in Haifa die Aufforderung sich zum Militär zu stellen. Er fuhr nach Haifa, um dem Konsul zu erklären, dass er seiner Militärpflicht nachkommen wolle. Er bat nur um Aufschub, da wir inzwischen unser zweites Kind erwarteten. Unser zweiter Sohn, Yaakov, kam in Merchavia zur Welt mit Hilfe einer russischen Apothekerin, die auch gleichzeitig Hebamme war und zur Siedlung von Prof. Franz Oppenheimer gehörte. Als Yaakov vier Wochen alt war und ich mich notdürftig erholt hatte, traten wir am Anfang Oktober 1915 unsere Rückreise nach Deutschland an. Schon Wochen vorher hatten wir begonnen uns alle nur möglichen Lebensmittel buchstäblich vom Munde abzusparen, um unsere Reise überhaupt ermöglichen zu können. Ich hatte etwas Mehl zur Seite gelegt, um daraus Brot zu backen und ausserdem hatten wir etwas Sardinen sparen können. Das waren unsere einzigen Nahrungsmittel. Da die Schiffsverbindung unterbrochen war, mussten wir die Reise über Land machen und dazu noch im Winter und mit zwei kleinen Kindern, das eine 1% Jahre, das andere 1 Monat alt. Wir fuhren zunächst von Merchavia, Merchavia war damals Eisenbahnstation der Bagdadbahn, nach Damaskus. Ich entsinne mich, dass wir bei grosser Kälte abfuhren und sehr froren. Die Reise dauerte ungefähr 24 Stunden. In Damascus gab es natürlich lange Aufenthalte bis es uns gelang, einen Wagen mit zwei Pferden aufzutreiben, der uns zunächst über das Amandusgebirge und dann über das Taurusgebirge nach Konstantinopel brachte. Die Reise dauerte mit Unterbrechungen eine Woche und war mit mannigfaltigen Aufregungen und Abenteuern verknüpft. Zeitweise sass mein Mann im Wagen, die Beine nach aussen hängend und in den Händen zwei Revolver haltend um auf diese Weise etwaige Fahrgäste, die es auf unsere geringe Habe abgesehen hatten, abzuhalten. Ich selbst sass mit meinen beiden Kindern im Innern des Wagens und hielt sie so ruhig wie möglich, was bei den schlechten Wegen, dem schlechten Wagen und der starken Kälte nicht immer ganz leicht war. Der kleine Jaacov konnte sogar alle 4 Stunden seine gewohnte Nahrung von mir erhalten. Noch heute wundere ich mich, wie das möglich war. Wir gelangten aber wohlbehalten nach Konstantinopel. Nun bestand für uns die Frage, wie wir nach Berlin weiterfahren können da selbstverständlich alle Züge von Soldaten besetzt waren. Durch Bestechung eines türkischen Bahnbamten gelang es uns ein Abteil zu bekommen in dem so bekannten Orientexpress, der dem Fahrplan entsprechend in 24 Stunden in Berlin sein sollte. Infolge der politischen Verbindung von Deutschland und der Türkei und den damit zusammenhängenden Truppenverschiebungen wurden aus den 24 Stunden volle 8 Tage. Die Fenster des Abteils, in dem wir reisten, waren verklebt, sodass wir die Gegenden, durch die wir kamen, nicht erkennen konnten. Es wor uns auch verboten, das Abteil zu verlassen und nur durch Bestechung gelang es uns hin und wieder die Toilette benützen zu dürfen. Dazu kam die furchtbare Kälte, die uns und den Kindern, besonders bei nacht, sehr zusetzte. Oftmals mussten wir den Zug wechseln, was bei dem Reisegepäck, das sage und schreibe, aus 10 Körben bestand, denn Koffer gab es in Merchavia, oder Afula, oder in Haifa nicht zu kaufen, garnicht einfach war. Wir fuhren durch Bulgarien, Rumänien und natürlich durch Österreich-Ungarn. Etwas behilflich die Schwierigkeiten zu überwinden, war uns ein Reisepass, den uns der Deutsche Konsul in Haifa ausgestellt hatte, der heute noch bei mir existiert und in welchem er “hiermit sämtliche Zivil- und Militärbehörden ersucht den preussischen Staatsangehörigen Landwirt Hugo Kaminsky welcher sich in Begleitung seiner Ehefrau Leonie, geb. Salomon, und seiner beiden Kinder Elia und Rudolf zur Ableistung seiner Militärpflicht nach Deutschland über Konstantinopel begibt, frei und ungehindert reisen, auch nötigenfalls ihm Schutz und Beistand angedeihen zu lassen”. Aber glücklicherweise nahmen auch diese 8 Tage ein Ende, länger hätte ich unsere geringen Lebensmittel auch nicht strecken können, und wir gelangten nach Dresden. Mein Mann hatte wieder einmal einen Malariaanfall und 41° Fieber und die beiden Kleinen Brechdurchfälle. In Dresden gab uns ein mitfühlender Bahnbeamter, der un- (Fortsetzung auf Seite 6) 5