Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2009
- Issue
- No. 84 (2009)
- Date
- 2009-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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wieder, dass Grynszpan die wenige Tage zuvor aus Deutschland ausgewiesenen Juden - darunter Mitglieder seiner Familie - hatte rächen wollen. Am 9. November schon wurde das Verbot jüdischer Presseerzeugnisse in Deutschland gemeldet, ebenso ausführlich die antisemitischen Invektiven in der NS- Presse, aber auch die Debatten in der französischen Öffentlichkeit über die Verschärfung des Ausländerrechts in Frankreich. Nach einer besonderen Anteilnahme oder großem Verständnis für die Tat Grynszpans sucht man in den jüdischen Zeitungen jener Tage jedoch vergeblich. Vielmehr waren die Kommentare durchsetzt von der berechtigten Befürchtung, die Nationalsozialisten könnten kollektive Vergeltung an den Juden in Deutschland üben. Grynszpans Tat sei nicht nur moralisch zu verurteilen, sie könne auch niemals einem politischen Ziel dienen und führe vielmehr zu einer Verschärfung der Lage. Derlei Verzweiflungstaten seien nicht nur sinnlos, sondern schädlich, denn - so schrieb der Haynt am 9. November 1938 - "die blutrünstigen Judenfresser warten nur auf solche Dinge, um sich mit verdoppelter Brutalität auf die Juden stürzen zu können". Andererseits jedoch dürfe die Welt nicht tatenlos Zusehen, wenn Menschen "wie wilde Tiere" von einem Land in das nächste getrieben würden und antisemitische Repressionen gegen alle Juden mit der Tat eines Einzelnen gerechtfertigt würden. Die Pogromnacht und die Reaktionen in der jüdischen Presse in Polen Der polnische Nationalfeiertag am 11. November (zugleich auch der 20. Jahrestag der staatlichen Souveränität) hatte zur Folge, dass der Novemberpogrom in der Presse jenes Tages ungeachtet erstaunlich umfangreicher Informationen über seinen Verlauf erst auf den hinteren Zeitungsseiten erschien. Während der Nationalfeiertag in der jüdischen Presse für den Hinweis genutzt wurde, dass auch die Juden zu Polen gehörten: "Polen - das sind auch wir!", waren dann vor allem die Ausgaben vom 13. November 1938 - der 12. November fiel auf einen Schabat - voll mit Meldungen über die Gräuel des Pogroms. Angesichts des Schocks brachte man möglichst viele Details verschiedener Presseagenturen, wohingegen es zunächst noch zu früh für Wertungen und Interpretationen zu sein schien. Immerhin wurde bereits einen Tag nach dem Pogrom einhellig vermutet, dass es sich durchaus nicht um den Ausbruch des "Volkszornes", sondern um eine geplante Aktion gehandelt haben müsse. In den folgenden Tagen füllten die "Hiobsbotschaften" die Blätter und machten mitunter den überwiegenden Teil der gesamten Berichterstattung aus: "Görings Dekret beraubt Juden der Hälfte ihres Vermögens - Weitere Verhaftungen - Das Gespenst des Hungers - Massenhafte Selbstmorde - Jüdische Krankenhäuser ohne Ärzte - Kinder aus Waisenheimen geworfen." Starke Beachtung fanden hierbei auch die weniger offensichtlichen Schauplätze des Pogroms, namentlich in der unter Aufsicht des Völkerbundes stehenden, jedoch ebenfalls seit 1933 nationalsozialistisch dominierten Freien Stadt Danzig, im Memelgebiet sowie im kurz zuvor erst annektierten Sudetengebiet. Da die jüdischen Zeitungen in Polen aus naheliegenden Gründen keine eigenen Korrespondenten in Deutschland (mehr) besaßen und auch die Nachrichten der Jüdischen Telegraphen-Agentur (J. T. A.) spärlich blieben, speiste sich das Gros der Detailinformationen über "das Schicksal unserer Brüder im Dritten Reich" aus den Meldungen in der deutschen (!) und englischen, zum geringeren Teil der französischen bzw. US-amerikanischen Presse. Jedoch wurde ihre Verlässlichkeit in Einzelheiten stets kritisch hinterfragt. Einzig für Nasz Przeglad schrieb W1 odzimierz Lencki in den Wochen nach dem 10. November 1938 eine Reihe beklemmender Reportagen aus Deutschland. Bald folgten den zahlreichen Meldungen differenziertere Überlegungen zu den Absichten der Nationalsozialisten und die Journalisten versuchten, dem Novemberpogrom im Rahmen der deutschen "Judenpolitik" der vorangegangenen Jahre gleichsam einen Sinn zu verleihen, ein Ziel auszumachen, da sie den Pogrom als einen integralen Teil der antisemitischen Politik des Nationalsozialismus verstanden. Das Ausmaß der Gewalt überraschte und bestürzte, nicht so sehr mehr der Umstand, dass Pogrome im vermeintlich zivilisierten Mitteleuropa überhaupt stattfanden. Und so lag es nahe, den Pogrom (richtigerweise) in einenengen Zusammenhang mit den nachfolgenden Verordnungen zu bringen, die die letzten Reste wirtschaftlicher Selbstbestimmung der deutschen Juden endgültig zerschlugen - "Was der Pogrom nicht zerstört hat, wird die ,Arisierung' vernichten". Bereits unmittelbar nach dem Pogrom wurde angesichts dieser Maßnahmen vermutet, Deutschland wolle sich mit Hilfe der Ausräubung der Juden wirtschaftlich sanieren. Hierbei artikulierte sich wohl auch ein wenig Anerkennung für die ökonomische Bedeutung der deutschen Juden. In diesem Zusammenhang wurde aber auch auf den funktionalen Zusammenhang des nationalsozialistischen Antisemitismus hingewiesen, die "verführten deutschen Massen" von der "katastrophalen Wirtschaftslage" im "Dritten Reich" abzulenken. Zeitgleich setzte eine ausführliche Berichterstattung über die weltweiten Reaktionen auf den Novemberpogrom ein. Artikel über die Proteste des Erzbischofs von Canterbury, der Regierungen und der Öffentlichkeit in England, den USA und Frankreich besaßen zwischen den Zeilen allerdings noch eine zweite Facette: Dass ähnliche Reaktionen und Zeichen der Solidarität in Polen seitens der Regierung, der Parteien und der nichtjüdischen Bevölkerung mehrheitlich ausblieben. Mehr noch, das autoritäre Regime in Polen mochte im Pogrom "eine Ermutigung" gesehen haben, "einen härteren Kurs bezüglich der Judenfrage einzuschlagen". Bereits im Oktober 1938 kursierten Gerüchte, in Deutschland würden bald Gettos errichtet werden. Wie begründet diese Befürchtungen waren, beweist die am 12. November 1938 von Hermann Göring einberufene Arbeitssitzung im (Fortsetzung auf Seite 22)