Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2009
- Issue
- No. 84 (2009)
- Date
- 2009-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Reaktionen auf den Novemberpogrom in der jüdischen Presse in Polen 1938/39 Die Auseinandersetzung mit dem Novemberpogrom im nationalsozialistischen Deutschland 1938 wirft immer wieder die Frage auf, ob man diesen Gewaltexzess im Ausland als einen entscheidenden Wendepunkt hätte verstehen und Maßnahmen ergreifen können, um die weitere Eskalation zu verhindern, die nur wenige Jahre später im Holocaust kulminierte. Die Reaktionen der "Zuschauerstaaten", wie die französische Historikerin Rita Thalmann das internationale Echo auf den Novemberpogrom bezeichnete, können als recht gut erforscht gelten. Demgegenüber hat die Wahrnehmung des Pogroms durch die größte jüdische Bevölkerungsgruppe in Europa, die polnischen Juden, bislang kaum Interesse gefunden. Das polnische Judentum besaß durch die unmittelbar vorangegangene so genannte "Polen- Aktion" einen sehr direkten Bezug zum Novemberpogrom. Ende Oktober 1938 waren 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit von Deutschland über die Grenze nach Polen getrieben worden. Zudem empfanden viele Juden in Polen ihre eigene prekäre Lage zumindest bis zum 9. November als durchaus vergleichbar mit dem Schicksal der deutschen Juden. Schon deshalb verdienen die Meinungen, Ängste und Hoffnungen von drei Millionen Juden im November 1938 größte Aufmerksamkeit. Die wichtigste Informationsquelle ist hierbei zweifellos die umfängliche jüdische, das heißt polnisch-, jiddisch- und hebräisch-sprachige Presse. In welcher Weise wurde über den Novemberpogrom und sein zeitliches Umfeld berichtet? In welchen übergeordneten Zusammenhang wurde er internationalen Dimension der "Judenfrage" gestellt und welche Parallelen oder Schlussfolgerungen wurden aus dem Novemberpogrom für die Situation der Juden in Polen gezogen? Die gegenseitige Wahrnehmung deutscher und polnischer Juden 1933 bis 1938 In den 1930er Jahren kam es in Polen zu einem signifikanten Anstieg von latenter und handfester Gewalt gegen Juden. Sie lässt sich am deutlichsten an einer Reihe von Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung ablesen: etwa im zentralpolnischen, in der Nähe von Radom gelegenen Przytyk im März 1936 mit mehreren Todesopfern und zahlreichen Verletzten, vor allem aber ab 1935, als sich der Antisemitismus nach Jözef Pitsudskis Tod zunehmend zu einem verbindenden Glied zwischen der Opposition und der Regierung entwickelte. Die Unterschiede zu Deutschland lagen darin, dass es in der Zweiten Polnischen Republik keinen offiziell von Staatswegen verordneten Antisemitismus gab, dass Juden mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Prozent - in Warschau und Lodz sogar von dreißig Prozent - alles andere als eine quantite negligeable waren und, dass sie nicht zuletzt auch in den politischen Gremien wie dem Sejm und den Bezirksparlamenten vertreten waren. Es mutet aus heutiger Sicht paradox an, dass die polnischen Juden die deutschen und gleichermaßen umgekehrt die deutschen Juden ihre polnischen Glaubensbrüder wegen des Antisemitismus im jeweiligen Lande bedauerten, wobei man in Polen wegen der 40.000-45.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die Mitte Oktober 1938 noch immer im nationalsozialistischen Deutschland lebten, über die Lage im NS- Staat gut informiert war. Ein Ende März 1938 in Polen erlassenes Gesetz, durch das den meisten dieser in Deutschland lebenden Juden der Verlust ihrer polnischen Staatsbürgerschaft drohte, nahm die Gestapo zum Vorwand und begann am 27. Oktober 1938 mit ihrer Deportation über die deutsch-polnische Grenze bzw. ins Niemandsland. In den folgenden zwei Tagen wurden 17.000 Menschen nach Polen ausgewiesen. Da Polen seinerseits mit der Ausweisung von Deutschen reagierte, wurde die Aktion wieder eingestellt. Auch wenn diese so genannte "Polen-Aktion" nicht unbemerkt verlief, so blieb es in der polnischen jüdischen Presse doch überwiegend bei kleinen Meldungen darüber. Das Ausmaß der humanitären Katastrophe, die sich in Zbaszyn und andernorts in der deutschpolnischen Grenzregion abspielte, drang erst mit einigen Tagen Verspätung nach Warschau. Dann jedoch zeigte sich eine überwältigende Solidarität mit den Deportierten aus Deutschland. Praktisch jede Zeitung initiierte ihre eigene Hilfsaktion; beispielsweise sammelte allein Nasz Przeglad bis Januar 1939 knapp 200.000 Zloty (entsprechend etwa 94.000 Reichsmark) von seiner Leserschaft. Demgegenüber hielten sich die Aktivitäten der offiziellen polnischen Stellen in engen Grenzen und die finanziellen sowie die humanitären Belange der Deportierten waren überwiegend den jüdischen Institutionen und Hilfskomitees aufgegeben. Über das von der "Polen-Aktion" maßgeblich motivierte Attentat von Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris wurde einen Tag später als "Attentat eines verzweifelten jungen Juden" berichtet, allerdings erst hinter den Ergebnissen der jüdischen Kandidaten bei den Sejmwahlen zwei Tage zuvor. Bis auf die Kennzeichnung der Schüsse als Verzweiflungstat enthielten sich Nasz Przeglad und die übrigen Zeitungen zunächst jeglicher Kommentare und übernahmen neutral die Informationen verschiedener Nachfichtenbüros. 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