Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2009
- Issue
- No. 84 (2009)
- Date
- 2009-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Entschädigungen« von Gerichten mit der Begründung abgelehnt wurden, dass die jüdischen Antragsteller, die bis 1939 aus Schlesien vertrieben worden waren, dieses Gebiet spätestens 1945 ohnehin hätten verlassen müssen - eine völlig ahistorische und morbide Unlogik, die in Israel nur auf Verärgerung und Unverständnis stoßen konnte. Nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem galt das ungeteilte Interesse dann auch der Strafverfolgung nationalsozialistischer Täter in der Bundesrepublik. Vor allem die Person von Regierungsrat Ernst Gerke, dem Leiter der Gestapo in Breslau, der zwischen 1939 und 1942 maßgeblich für die Drangsalierung, Deportation und Ermordung Tausender Breslauer Juden verantwortlich gewesen war, wurde immer wieder erwähnt. Einen weiteren großen Stellenwert nahmen seit Erscheinungsbeginn die Berichte über Reisen nach Breslau bzw. Wroclaw und allgemein nach Schlesien ein, wobei man sich selbstredend auch für die Situation der in Wroclaw ansässigen Juden interessierte. Wegen der Reisestrapazen, die durch die Problematik des Kalten Krieges noch zusätzlich vergrößert wurden, entschlossen sich jedoch nur wenige zu einem Besuch in der >alten Heimat<. Wer dabei vielleicht hoffte, »das jüdische Breslau wiederzusehen und festzustellen, ob noch Reste der alten Kehilla vorhanden« seien, sah sich »schmerzlich enttäuscht«. Anfang der 1960er Jahre lebten in Wroclaw gerade einmal drei Juden, die bereits vor der Shoah hier gelebt hatten - drei Menschen von ursprünglich einmal 23.000 Mitte der 1920er Jahre. Kontakte mit der nun mehr polnischsprachigen Jüdischen Gemeinde in Wroclaw beschränkten sich daher auf den Besuch der Storchensynagoge und die Einsichtnahme in das Friedhofsbuch für die Friedhöfe an der Lohestraße und in Cosel. Vergleicht man jedoch über die Jahre die Berichte von Reisen jüdischer Breslauer in ihre Heimat, aber zugleich eben auch zurück an den Ort ihrer Vertreibung und der Ermordung ihrer Angehörigen, dann deutet sich ein interessanter Wandel in den Berichten an. Die frühen Reiseberichte waren noch geprägt von der Suche nach dem Vergangenen, Verlorenen, sie waren ein Hineinhorchen, welche Empfindungen sich bei der Konfrontation mit diesem Ort einstellen würden, und sie waren ein Schock über die schweren Zerstörungen der >Festung Breslau<. In den 1970er Jahren fand auch in stärkerem Maße eine Art Versöhnung der jüdischen Breslauer mit dem polnischen Wroclaw statt; man zollte den polnischen Behörden nicht zuletzt für den Wiederaufbau der Stadt viel Anerkennung. Kurioserweise fand das alles nach dem Sechstagekrieg und der nachfolgenden stark antiisraelischen und antisemitischen Propaganda im gesamten Ostblock statt, auch nachdem in den stark antisemitisch gefärbten Märzereignissen von 1968 in Polen ca. 15 000 Juden das Land verlassen hatten und auf diese Weise auch die Jüdische Gemeinde in Wroclaw an den Rand des Ruins gebracht worden war. Von den geographischen Reisen zurück nach Breslau war es nur ein vergleichsweise kurzer, naheliegender Schritt zu Reisen in die Vergangenheit des schlesischen Judentums, zum einen mit religionsgeschichtlichen, zum anderen mit kulturpolitischen Fragen. Die historischen Artikel und die persönlichen Erinnerungen an das schlesische Judentum, als dessen verantwortungsbewusste Erben man sich mit Recht verstand, nehmen denn auch den größten Platz auf den Spalten der Mitteilungen ein. Da ist zunächst die stolze Erinnerung an den Beitrag, den das Breslauer Judentum für die Entwicklung der jüdischen Erziehung, der Religion und allgemein der Juden in Deutschland geleistet hat. Bekanntlich steht die Wiege des liberalen Judentums zur einen Hälfte in Hamburg und zur anderen in Breslau. Eine herausragende Besonderheit der Breslauer Synagogengemeinde war nämlich ihre Einheit im Gegensatz zur Separierung der Orthodoxen wie beispielsweise in Frankfurt am Main. Diese.Einheit (mit je einer orthodoxen und liberalen Kultuskommission) war in der Folge des Streites zweier Rabbiner, des sog. Geiger- Tiktin-Streites Anfang der 1840er Jahre, mit dem Statut von 1856 errungen und bis zur Auslöschung der Breslauer Gemeinde durch die Nationalsozialisten erhalten und verteidigt worden. Zum Stolz auf die religiöse Tradition gehörten auch zahlreiche Nachrufe und Erinnerungen an rabbinische Persönlichkeiten, die den Ruf Breslaus als eines der wichtigsten Zentren des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert gefestigt hatten. Viel verdankte man dabei dem 1854 gegründeten Rabbinerseminar, das heißt dem Jüdisch- Theologischen Seminar FraenckeTscher Stiftung, das in den Anfangsjahren von Dresdner Oberrabbiner Zacharias Frankel (1801-1875) geleitet und zum Vorbild anderer Rabbinerseminare in Berlin, Budapest und Wien wurde. Auch die von Frankel bereits seit 1851 herausgegebene >Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums«, die bis 1939 erschien, war das Werk der Gelehrten dieses Seminars. In Breslau wirkte als Stiftrabbiner der große Gelehrte Rabbiner Dr. Moses Samuel Zuckermandel (1836-1917), der Herausgeber der Tosefta nach der Erfurter Handschrift. Anderseits amtierte als liberaler Gemeinderabbiner Dr. Hermann Vogelstein (1870-1942 New York). Das alles fand seinen Niederschlag in den Mitteilungen. Liberal heißt nun nicht etwa säkularisiert, und so finden sich in den Mitteilungen, die in den Anfangsjahren zweimal jährlich - zu Pessach und zu Rosch Haschanah - erschienen, immer auch Worte des lebendigen Glaubens. Für den historisch interessierten Leser der Gegenwart sind daneben die Glückwünsche und Nachrufe auf verstorbene jüdische Persönlichkeiten aus Schlesien besonders beeindruckend: Sie lesen sich wie ein >Who is who< nieder- (Fortsetzung auf Seite 12)