Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2008
- Issue
- No. 83 (2008)
- Date
- 2008-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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13 Unsere Leser schreiben In Auseinandersetzung mit Hannah Arendt, die er mehrfach zitiert, hebt Ascher jedoch darauf ab, wie couragiert und flexibel die Breslauer Gemeinde in ihrem Belagerungszustand auf jede neue Herausforderung reagierte und damit im Rahmen des ihr Möglichen Widerstand leistete. Zu offenem Widerstand fehlten freilich alle Voraussetzungen. Man reagierte mit geschmeidiger Anpassung an die Lage, ohne sich je unterwerfen zu wollen, so eine Kernthese des Buches. Daher nehmen bei Ascher die lange aufrechterhaltenen Leistungen der Gemeinde auf dem Gebiet des Kulturlebens und des Schulwesens, die Improvisationskunst der ärztlichen Versorgung und die bewundernswerten Fürsorgemaßnahmen einen gebührenden Raum ein, während das Elend der neun aufeinanderfolgenden großen Deportationen seit November 1941 beinahe zurücktritt. Aber im Sommer 1943, direkt nach dem Ende der Breslauer Deportationen, erreichte den Breslauer Kardinal Bertram ein anonymer Brief. Der Verfasser bekannte sich als Jude, und er schwor bei Gott dem Allmächtigen, dass er nichts als die Wahrheit berichte. Er müsse den Kardinal und seine Mitbischöfe über die Verbrechen des deutschen Volkes an den Juden unterrichten. Sodann folgte ein detaillierter Bericht über die Massaker in Polen von 1939 an: Inzwischen dürften um die vier Millionen Juden ermordet sein. Ob ihm das wohl bewusst sei? Gott werde es nicht zulassen, dass dieses Volk der Deutschen ungestraft davonkomme. Bertram nahm das Schreiben zu den Akten, heute liegt es in Washington. Für die sicher bald zu erwartende deutsche Ausgabe des Buches wünschte man sich, dass dieses Schriftstück und anderes im Wortlaut abgedruckt würde. Man sollte diese Gelegenheit auch nutzen, um kleinere Ungenauigkeiten in der Beschreibung Breslaus oder einzelner Personen zu beheben. NORBERT CONRADS Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 9 ... Die 'Mitteilungen' las ich mit großem Interesse und ich kann nun Herrn Prof. Norbert Conrads zustimmen, der auf die hohe Qualität der Artikel verwies. Dazu kommt, soweit ich das entnehmen kann, dass es keine institutionelle Förderung gibt und alles aus eigener Kraft heraus geleistet wird. Das finde ich großartig und ich wünsche Ilinen, dass es Ihnen noch einige Jahre gelingen möge, die 'Mitteilungen' herauszubringen. Der immer kleiner werdende Kreis Ihrer Mitglieder wird sicher immer wieder erfreut sein, ein neues Exemplar der 'Mitteilungen' zu erhalten. Es ist ja das einigende Band. Und für die Zeit danach ist es zu wünschen, dass das Interesse an der Geschichte des jüdischen Lebens sowohl in Breslau als auch in anderen Städten Deutschlands nicht abreißt und auch bei der normalen Bevölkerung ankommt. Ich bin u.a. Geschichtslehrer an einer Realschule in Berlin-Spandau (ich unterrichte außerdem Deutsch und Ethik) und bemühe mich, die Aspekte jüdischen Lebens und des Zusammenlebens mit einer nichtjüdischen Umgebung mit allen Kontinuitäten und Brüchen zu berücksichtigen, mich nicht nur auf den Holocaust zu beschränken. Schließlich bewirkt ein Zuviel des Guten genau das Gegenteil dessen, was man erreichen möchte. Ich möchte ja nicht, dass meine Schüler ablehnend reagieren. Sie haben keinerlei Bezug zur jüngeren Geschichte mehr, eine Erzähltradition in den Familien existiert eigentlich gar nicht. Dazu kommt, dass der Anteil von Schülern aus anderen Kulturtraditionen immer mehr zufiimmt. Diese haben wegen ihrer Herkunft eine häufig kritische Haltung zum Judentum insgesamt. Da ist es nicht immer leicht, gegen entsprechende Sterotype anzukämpfen. Andererseits bin ich sehr froh, dass ich fast nie Schüler mit rechtslastigen Meinungen vor mir sitzen habe, was im nahen Brandenburg oder auch in anderen ostdeutschen Bundesländern recht häufig ist. Die Auseinandersetzung mit diesen Jugendlichen ist sehr schwer, zumeist liegt die Ursache schon bei deren Eltern. Da ich selbst im Osten aufgewachsen bin, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass in der früheren DDR eine latente Fremdenfeindlichkeit und ein latenter Antisemitismus vorhanden waren. Mit jüdischer Geschichte hat man sich kaum beschäftigt, nur der Holocaust tauchte in den Geschichtsbüchern auf. Die entscheidenden Fragen, nämlich warum ein Großteil der Bevölkerung Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Mitbürger toleriert bis begrüßt hat, wurden nicht gestellt, weder von offizieller Seite noch in den Familien. Ich bin mit so vielen Erzählungen älterer Männer von ihren Kriegserlebnissen aufgewachsen, dass ich manche Verwerfungen in meinem Geschichtsbild erst später durch intensive Beschäftigung beseitigen konnte. Mitbeteiligung des Einzelnen an Verbrechen bzw. deren Duldung waren nie ein Thema und als ich später intensiver nachfragte, kam bestenfalls die Erklärung, dass man ja gar nichts gewußt habe, manchmal auch heftige Reaktionen. Die fehlende Aufarbeitung von Verstrickung und Schuld der gewöhnlichen Menschen ist ein grundsätzliches Problem in Ost und West. Ich denke aber, es ist immer wieder notwendig, sich die Frage zu stellen, warum es möglich war, dass Mitmenschen gezielt ausgegrenzt, verfolgt und vernichtet wurden und die übergroße Mehrheit dies wohlwollend gebilligt bzw. klar begrüßt hat. Fragen dieser Art zu stellen und darauf Antworten zu finden, das ist für mich und meinen Unterricht sehr wichtig, schließlich sollte ja aus der Geschichte gelernt werden. Und für meine privaten Forschungen nehme ich mir vor, bei meinen Untersuchungen zur Migration im Kreis Brieg besondere Aufmerksamkeit auf die jüdischen Brieger zu legen. Andreas Rösler