Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2008
- Issue
- No. 83 (2008)
- Date
- 2008-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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Reagieren, statt sich zu unterwerfen (Abraham Ascher: A Community ander Siege. The fews of Breslau ander Nazism. Stanford University Press, Stanford California 2007. 324 S.) Ende des Jahres 1938 kamen die Eltern von Norbert Elias nach London: um zu sehen, wie sich ihr Sohn in der Emigration eingerichtet habe. Dessen größere Sorge galt aber ihnen selbst und ihrer Gefährdung im heimatlichen Breslau. Soeben hatte dort der Terror der sogenannten Reichskristallnacht gewütet wie überall in Deutschland. Aber nichts vermochte die Eltern von der Rückkehr nach Breslau abzuhalten. "Warum sollen wir Weggehen", fragte der Vater, "ich habe nie etwas Unrechtes getan. Was können sie mir tun?" Dabei blieb es, und Norbert Elias sollte seine Eltern nie Wiedersehen. Zur selben Zeit riskierte in Breslau die Familie Ascher alles, nur um aus Deutschland herauszukommen. Es war die realistischere Einschätzung der Gefahrenlage, denn wenige Jahre später waren 22 Familienangehörige' dem Holocaust zum Opfer gefallen. Vom eigenen Familienschicksal, daneben auch dem der Familie Elias, berichtet das neue Buch von Abraham Ascher. Der 2003 emeritierte Historiker der City University New York und ausgewiesene Kenner Osteuropas weiß, in welchen Archiven zwischen Warschau, Jerusalem und Washington man sich heute über die jüdische Gemeinde Breslaus informieren kann. Er befragte Zeitzeugen und studierte eine umfangreiche Literatur. So entstand ein umfassend informiertes, gut lesbares Buch über das Breslauer Judentum unter dem Nationalsozialismus. Mehr noch, hier wird erstmals und überzeugend ein Bild dieser Gemeinde in ihrer dunkelsten Zeit vermittelt. Was Ascher zu berichten weiß, ist freilich unsagbar traurig und beschämend. Das Buch beginnt als Erinnerungswerk, und dieser persönliche Bezug zieht sich durch fast alle Kapitel. Die Familie Ascher war 1920 aus Galizien nach Breslau gekommen, wo man sich bald wohl fühlte und ein Auskommen hatte. Aber man blieb in doppelter Weise Außenseiter, einerseits als streng religiöse Ostjuden, andererseits als polnische Staatsangehörige. Der wirtschaftliche Boykott der Nationalsozialisten und die ständige Drohung der Ausweisung ließen die Aschers 1938 den schwersten Entschluss ihres Lebens fassen: die Zerreißung der Familie, sofern sich nur einem von ihnen die Möglichkeit zur Flucht bot. Sie gelang zunächst nur dem Vater. Warum aber der amerikanische Vizekonsul in Breslau für ein Besuchervisum in die Vereinigten Staaten 500 Mark verlangte, offenbaren heute die Akten. Der Diplomat war wegen seiner Alkoholprobleme nach Breslau versetzt worden, wo er sich verleiten ließ, die Notlage der jüdischen Bittsteller auszunutzen. Ascher hält ihm jedoch zugute, er habe mindestens 106 Visa für die Philippinen ausgestellt und damit Menschenleben gerettet. Als Letzter der großen Familie Ascher konnte im Juli 1939 der elfjährige Abraham mit seiner Mutter nach England fliehen. Vor jedem Einzelnen sollten unglaublich entbehrungsreiche Jahre liegen, aber man lebte. Die Breslauer jüdische Gemeinde, die ihnen bis dahin eine Heimat geboten hatte, befand sich schon seit 1933 im Belagerungszustand. So nennt Ascher die Zwangslage dieser drittgrößten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Dabei konnte gerade sie auf eine große Vergangenheit zurückblicken, deren bedeutende Leistungen und Persönlichkeiten einleitend in Erinnerung gerufen werden. In vielen Bereichen der Wirtschaft, des akademischen Lebens, der sozialen Einrichtungen und nicht zuletzt der Kultur hatten die Breslauer Juden weit mehr geleistet, als man es von einer Bevölkerungsgruppe von maximal 23 000 Personen oder 5 Prozent der Einwohner Breslaus erwarten konnte. Der Wohlstand vieler Juden machte sich bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus bemerkbar, wenn ihr Stimmgewicht in den beiden oberen Wahlklassen weit überproportional ausfiel, wovon die Liberalen profitierten. Seit der Weimarer Republik wählten Juden hier eher sozialdemokratisch. Breslau verfügte über ein hochentwickeltes jüdisches Bildungswesen, angeführt vom 1854 gestifteten Jüdisch-Theologischen Seminar, das halb Europa mit Rabbinern versorgte. So wurde es zum Vorbild für die Rabbinerseminare von Budapest (1877) und New York (1886). Indirekt wirkt dieser Breslauer Einfluss bis heute im jüdischen Leben Amerikas nach. Innerhalb der Breslauer Einheitsgemeinde sammelte sich der größere liberale Teil unter der Kuppel der Neuen Synagoge, während die orthodoxen Juden in der historischen Storch-Synagoge beteten. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Juden in Breslau ein selbstverständlicher, kaum angefochtener Bestandteil der Gesellschaft. Breslau war die erste deutsche Großstadt, in der 1897 ein Jude (Ferdinand Julius Cohn) Ehrenbürger wurde. Man war stolz auf die Nobelpreisträger jüdischer Herkunft. Bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, so Ascher, gab es hier weniger Äußerungen des Antisemitismus als sonst in Deutschland. Das alles schlug danach in unbegreiflicher Weise um, wie es sich wieder an den politischen Wahlen ablesen lässt. Mit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten begannen in Breslau zwei Jahre einer "schleichenden Verfolgung", danach eine Phase der Ruhe vor dem Sturm, bis nach der "Kristallnacht" alle Rücksicht fallen gelassen wurde und die Marterschrauben angezogen wurden. Fast die Hälfte aller Breslauer Juden musste nun den Weg in die Vernichtungslager antreten. Das ist eine Abfolge der Ereignisse, wie sie auch anderenorts galt, die aber hier immer wieder durch Fakten und Namen belegt wird.