Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2008
- Issue
- No. 83 (2008)
- Date
- 2008-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Boxmannschaft zwei Tage nach dem Pogrom nach Breslau kam und kurz darauf in der Warschauer jiddischen Tageszeitung „Unser Express" über seine Erlebnisse berichtete. Schon am Breslauer Hauptbahnhof war der Anblick zerstörter und geplünderter jüdischer Geschäfte unübersehbar. Bei einem für die Besucher organisierten Stadtrundgang kamen sie auch an der Ruine der zerstörten Neuen Synagoge am Schweidnitzer Stadtgraben vorbei: Während die deutschen Begleiter so taten, als sähen sie nichts, war es keineswegs nur der intensive Brandgeruch, der den Gästen aus Polen die Tränen in die Augen trieb: Kein Dach, keine Fenster, keine unbeschädigte Wand, auf dem Boden Reste der verkohlten Inneneinrichtung. Für viele Juden in Mittel- und Osteuropa waren die deutschen Juden seit dem 19. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht ein Vorbild gewesen. Nun jedoch wurde allen bewusst, dass mit dem Pogrom eine Epoche ihr grausames Ende gefunden hatte: „Das war einmal... die jüdische Glanzepoche in Deutschland" titelte eine in Riga erscheinende jüdische Illustrierte Anfang Dezember 1938. Der Novemberpogrom in der schlesischen Provinz Auch in der gesamten schlesischen Provinz wurden Synagogen zerstört, jüdische Friedhöfe entweiht, Eigentum geraubt und Menschen arrestiert. Dies betraf nicht nur Niederschlesien, sondern auch Westoberschlesien, dessen geschützter Sonderstatus durch das Genfer Oberschlesienabkommen bereits im Sommer 1937 erloschen war. Schon damals war es zu einer Reihe von pogromartigen Übergriffen in Gleiwitz, Oppeln, Beuthen und andernorts gekommen. Vielfach war es jedoch so, dass viele erst durch den Novemberpogrom erfuhren, dass das eine oder andere Geschäft sich in jüdischem Eigentum befunden hatte. In Gleiwitz erzwang die Gestapo die Herausgabe der Schlüssel zur Synagoge, um diese anschließend in Brand zu stecken. Praktisch alle jüdischen Männer wurden verhaftet, zwei Tage im Gebäude der Gemeinde festgehalten, von SS-Männern geprügelt, um anschließend ebenfalls in das KZ Buchenwald deportiert zu werden. Einige Juden starben dort unter den schweren Haftbedingungen, viele wurden erst nach Monaten wieder entlassen. Unterdessen mussten die in Gleiwitz zurückgebliebenen Jüdinnen Zwangsarbeit verrichten, vor allem bei der Straßenreinigung und anderen schmutzigen Tätigkeiten. Die Folgen Ungeachtet der vorangegangenen fünf Jahre mit Drangsalierungen und Verfolgung stellte der Pogrom alles bis dahin Denkbare in den Schatten und sorgte auch bei den Juden in Breslau für einen tiefen Schock. Bereits im Oktober 1938 hatten Gerüchte kursiert, in Deutschland würden bald wieder Ghettos errichtet werden. Wie begründet diese Befürchtungen waren, beweist die am 12. November 1938 von Hermann G ör ing einb er uf ene Arbeitssitzung im Reichsluftfahrtministerium, auf der die Einrichtung von Ghettos intensiv diskutiert wurde. Auch in Breslau wurden die verbliebenen Juden bald aus ihren Wohnungen in immer kleineren Behausungen zusammengedrängt. Wenn es auch (noch) zu keiner Ghettobildung kam, so war die soziale Isolation der deutschen Juden praktisch abgeschlossen; sie wurde nur noch vervollständigt durch den ab 1. Januar 1939 verbindlich vorgeschriebenen Zwangszusatz Israel bzw. Sara zum jeweiligen Vornamen. Der Novemberpogrom brachte auch das endgültige Aus der wirtschaftlichen Tätigkeit der Breslauer Juden. Wie erwähnt, hatten diese ungeachtet des auf die lastenden Druckes bis zum Jahr 1938 ihre Geschäfte und Firmen in einer erstaunlichen Anzahl erhalten können. Schon im Frühjahr des Jahres hatte mit der „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" eine Entwicklung begonnen, die zur vollständig Zerstörung jüdischer Gewerbetätigkeit und zur „Arisierung" ihrer Betriebe führte. Der Pogrom beschleunigte diesen Prozess, indem er die „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben", wie es in der entsprechenden Anweisung heißt, bis zum Ende des Jahres einleitete. Dariiberhinaus wurde den deutschen Juden eine zynisch als „Sühneleistung" bezeichnete Kontribution in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auferlegt, die bis August 1939 aufzubringen war und den Nazis letztlich eine deutlich höhere Summe einbrachte. Für die entstandenen Sachschäden zahlten die Versicherungen zwar, aber nicht an die betroffenen jüdischen Geschäftsinhaber und Hausbesitzer, sondern - an die Reichskasse. Das den Breslauer Juden geraubte Vermögen war keine Petitesse: Der Sicherheitsdienstes der SS (SD) schätzte es auf 185 Mio. Reichsmark, von dem den rechtmäßigen Eigentümern einige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges praktisch nichts mehr geblieben war. Im Gegenteil: Die Verarmung hatte in der Zwischenzeit schon so sehr um sich gegriffen, dass bei der Wiedereröffnung des gemeindeeigenen Wohlfahrtsamtes im Dezember weit über 8000 G e m ein d e mit g 1 i e d e r auf Wohlfahrtsunterstützungen angewiesen waren. Auch wenn von den „Zwangsarisierungen" viele profitierten und vor allem die führenden Nazis in der Provinz sich die Taschen füllten, war der Novemberpogrom kein Propagandaerfolg der Nationalsozialisten. Die Stimmungsberichte des SD belegen, dass viele Deutsche die nackte Gewalt des Novemberpogroms als abstoßend empfanden. Der eigentliche Erfolg der Nazis bestand vielmehr darin, dass die deutsche Bevölkerung praktisch widerspruchslos hingenommen hatte, dass allerorts Gotteshäuser verbrannt, Geschäfte und Wohnungen tausendfach zerstört und geplündert und Menschen zehntausendfach verhaftet und gefoltert wurden. Der Novemberpogrom und die Reaktionen auf ihn in Deutschland waren für diejenigen unter den Nationalsozialisten, die schon die nächsten Schritte der sogenannten „Judenpolitik" ersannen, ein klares Signal dafür, dass jegliche Rücksichtnahme auf die Bevölkerung schon nicht mehr erforderlich war. Schließlich führte der Novemberpogrom auch zu einem Verbot des Breslauer Gemeindeblattes - einer der wichtigsten Quellen für die Geschichte der Breslauer Juden im Nationalsozialismus überhaupt. Das Gemeindeblatt teilte damit das Schicksal der wenigen anderen jüdischen Periodika, die nicht schon vor 1938 verboten worden waren. Die Emigration nahm nach dem Pogrom ungemein stark zu. „An einen Neuaufbau der jüdischen Existenzen in Deutschland glaube ich nicht mehr", schrieb Willy Cohn am 11. November 1938 in sein Tagebuch, (Fortsetzung auf Seite 4)