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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2006-01-01 · No. 81 (2006) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2006
Issue
No. 81 (2006)
Date
2006-01-01
Page
Seite 11 (sequence 403)
Language
German
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11 (Fortseirung von Seite 10) ehemaligen Konzentrationslager, den Stadtarchiven oder auch der Kontakt zu Yad Vashem, ist sehr wertvoll. Doch bei allzu vielen Opfern bleibt immer ein Rest an Ungewissheit. Hedy Epstein, eine Überlebende, schrieb mir neulich: "Ich habe wie Du auch so viele Fragen zu meiner Familie, aber niemanden, der sie mir beantworten kann." Im Vorfeld der Deportationen geschah - vor aller Augen - die Demütigung und Entrechtung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Freiburg. Es wurden Zwangsräumungen von Fläusern und Geschäften durchgesetzt. Das, was in der NS-Terminologie mit "Arisierung" bezeichnet wurde, geschah auch in Freiburg. Eines dieser Opfer war Ignaz Reichmann aus der Nußmannstraße 3, der sein Geschäft und sein Vermögen nach der KZ-Haft verlor. Bei seiner Verhaftung nach der Reichspogromnacht 1938 war er 56 Jahre alt, verheiratet mit Marie Reichmann, sie hatten vier Töchter. Ich zitiere aus der Geschichte der Stadt Freiburg: "Ignaz Reichmann, ehemaliger Inhaber eines Herrenkonfektionsgeschäftes in der Nußmannstrasse 3, war nach der Pogromnacht nach Dachau verschleppt worden. Als er mit kahl geschorenem Kopf, gehetzt und in ständiger Angst, zurückkehrte, drang er darauf, mit der Familie auszuwandern. Doch das Geld reichte nicht mehr. Schließlich erhielt seine Tochter Trudi immerhin ein Visum, das es ihr ermöglichte, am 26. August 1939 als Dienstmädchen nach Belgien zu gehen, wo bereits ihre verheiratete ältere Schwester lebte. Am 1. September gelangte sie weiter nach England. Dort fand sie Arbeit als Dienstmädchen, dann als Fabrikarbeiterin. Der Vater Ignaz Reichmann war inzwischen illegal in die Schweiz geflüchtet. Nach zwei Wochen wurde er dort "aufgegriffen" und, da er keine gültigen Papiere besaß, wieder nach Deutschland abgeschoben. Noch einmal konnte er fliehen, diesmal nach Belgien. Seine Frau Marie und die jüngste Tochter Hanna folgten ihm. Die Überfahrt nach England wurde organisiert. Das Schiff stand bereit, die älteste Tochter befand sich mit ihrem Mann, einem polnischen Juden, bereits an Bord. Doch die Eltern kamen nicht: Eine Gehbehinderung von Ignaz Reichmann (wohl eine Folge der erlittenen KZ-Haft) hatte sie länger aufgehalten als gedacht. Tochter und Schwiegersohn gingen wieder an Land, um sich um sie zu kümmern. Das Schiff fuhr ohne sie alle ab. Dann besetzten die Nazis auch Belgien. Während sich die ältere Tochter mit ihrem Mann nach Frankreich retten konnte, schrieb Hanna eines Tages ihrem Cousin in der Schweiz: "Leider muss ich Dir mitteilen, dass man meine lieben Eltern Donnerstag früh, während ich bei der Arbeit war, weggenommen hat . (...). Sie sind G.s,D. gesund, fahren weiter, wissen aber noch nicht wohin (...). Ganz allein bin ich jetzt." Am 10. Oktober 1942 wurden Ignaz und Marie Reichmann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hanna entging dem Schicksal der Verschleppung ebenfalls nicht. Vermutlich kam sie wie ihre Eltern nach Auschwitz und fand dort den Tod." Hanna Reichmann wurde nur 18 Jahre alt. Dieser Bericht stammt von ihrer Schwester Trude Boyar, geborene Reichmann. Erinnern wir uns: Die über 350 aus Freiburg am 22. Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs Verschleppten hatten - im Gegensatz zu Deportierten aus anderen deutschen Städten - nur eine Stunde Zeit, die nötigen Sachen für die Reise ins Ungewisse einzupacken. Es blieb alles zurück, was einst die Umgebung, das Leben der deportierten Menschen war: Bilder, Bücher, Betten, kleine und große Möbel, Kommoden, Kleider, Mäntel, Wäsche, Handtücher, Wolldecken, Küchengerät, Geschirr, aber auch Familienbücher, Dokumentenmappen, Fotoalben, Briefe, Tagebücher, Geburtsurkunden, Stammbäume, Liebgewordenes. Schon wenige Wochen nach der Deportation drängten sich die Freiburgerinnen und Freiburger, die Nachbarn und andere Kaufinteressenten in den Räumen, um bei den angesetzten Versteigerungen ein sogenanntes Schnäppchen zu machen. Mir fällt dabei die Geschichte ein, die von einem auf dem Schlachtfeld sterbenden französischen Offizier in den napoleonischen Kriegen berichtet wird: "Kameraden", sagte er, "lasst mich erst sterben, bevor ihr mir die Stiefel auszieht." Auch im Falle der Deportierten aus Freiburg wurde ihr Hab und Gut verteilt, bevor sie entweder in Gurs durch Hunger und Krankheit gestorben, in Auschwitz ermordet waren bzw. in den wenigsten Fällen sich durch Flucht ins Ausland doch noch hatten retten können. Freiwillig wurde später nichts zurückgegeben. Einige Zeit nach der Deportation schrieb Leo Herborn, der mit seiner Frau Hannchen und ihren zwei Söhnen in der Scheffelstraße 19 gewohnt hatte, aus dem Camp Gurs an Fritz Geismar in Freiburg: "Lieber Fritz, schau bitte einmal in meinem Hause nach, ob die Wohnung schon besetzt ist. Herzliche Grüße, Leo Herborn." Was Leo Herborn wohl noch sah, war, dass sein Haus nach der Verhaftung versiegelt wurde. Was Leo Herborn nicht wusste, als er den Brief schrieb: seine Wohnung war - wie die aller anderen Deportierten - kurz darauf ausgeräumt, alle seine Sachen versteigert, verkauft oder anderweitig "verwertet" worden. So bleibt außer diesem letzten Lebenszeichen von der Familie Herborn nichts weiter als die Stolpersteine zurück. Alle vier Familienmitglieder sind über das Konzentrationslager Drancy mit dem Deportationszug Nr. 19 vom (Fortsetzung auf Seite 12)

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