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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2006-01-01 · No. 81 (2006) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2006
Issue
No. 81 (2006)
Date
2006-01-01
Page
Seite 5 (sequence 397)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 4) 1933 konkret aussahen, liegt angesichts des heutigen Forschungsstandes noch weitestgehend im Dunkeln, ebenso das Zahlenverhältnis liquidierter zu verkauften Betrieben. Die Liquidation war die häufigere Form der Geschäftsaufgabe. Für das Handwerk stellte sie sicherlich den Regelfall dar, im Einzelhandel war sie ebenfalls häufig, lediglich im Großhandel und der Industrie dürften Verkäufe häufiger gewesen sein, d.h. hier hatte man es am ehesten mit 'Arisierungen' im herkömmlichen Wortgebrauch zu tun. Bis 1938 dürfte die überwiegende Mehrheit jüdischer Unternehmen in Breslau bzw. Schlesien bereits in der einen oder anderen Form 'abgewickelt' worden, d.h. in Liquidation gegangen sein. Darauf deuten die wenigen bislang verfügbaren Zahlen hin. So lagen der Industrie- und Handelskammer Breslau für das Jahr 1938 im Bereich des Einzelhandels gerade einmal 77 'Anträge auf Arisierung' vor, denen 670 Anträge auf Neueröffnung und weitere 670 Anträge auf Übernahme nichtjüdischer Einzelhandelsgeschäfte gegenüberstanden. Insgesamt bestanden zum Zeitpunkt des Novemberpogroms in Breslau noch '288 jüdische Einzelhandelsgeschäfte' von denen bis zum Jahresende 280 liquidiert und lediglich acht 'arisiert' wurden. Ein von Juden angeblich dominierter Handelssektor, wie ihn Julius Streichers antisemitisches Hetzblatt "Der Stürmer" in einer regelmäßigen Rubrik 'Brief aus Breslau' beschwor, sieht zweifellos anders aus. Noch im Mai 1937 hatte der zuständige Breslauer Gauamtsleiter von Streitschwerdt im "Stürmer" von 2000 jüdischen Geschäften in Breslau gesprochen. Wäre diese Angabe auch nur einigermaßen korrekt, dann wäre der Schwerpunkt der Verdrängung jüdischer Unternehmer in der zweiten Jahreshälfte 1937 bzw. ersten Jahreshälfte 1938 zu suchen. Ein vielfach beklagtes Desiderat der gegenwärtigen Forschung stellt die bereits erwähnte Änderung der Perspektive dar. In den letzten Jahren ist eine Abwendung von einer zu einseitigen Täter-Opfer-Dichotomie mehrfach angemahnt, aber nur selten verwirklicht worden. Die Juden waren nicht nur Opfer, sondern auch aktiv Handelnde, sie reagierten auf die Entwicklung und Ereignisse, sie verteidigten sich und hatten hin und wieder sogar (wenn auch nur einen vorübergehenden) Erfolg. Dies gilt in besonderer Weise für jüdische Unternehmer, die durchaus nicht nur passiv und hilflos waren. Sie entwarfen Verteidigungsstrategien und versuchten sich zu behaupten, wobei sie zum Teil erhebliche Erfolge erzielten. Es wäre wichtig, dies insbesondere auch für die mittleren und kleinen jüdischen Unternehmer zu zeigen, die bei dem üblichen Fokus auf Großunternehmen in der Regel unbeachtet bleiben. Auch sie entwickelten Überlebensstrategien für ihre Unternehmen, die in nicht wenigen Fällen bis 1938 funktionierten. Selbst wenn sie vor 1938 emigrierten, versuchten sie, Verkaufs- oder Liquidationsstrategien zu praktizieren, die sie als aktiv Handelnde zeigen. Auf diese Weise wird ihre Geschichte in eine Perspektive gerückt, die sie nicht nur als eine Vorgeschichte der Shoah deutet, sondern den Versuch unternimmt, ein Stück jüdischer Identität in der deutschen Geschichte zu bewahren. Dies scheint um so wichtiger, als mit jeder Firma, mit jedem Geschäft stets mehrere, mitunter sogar viele menschliche Schicksale verbunden waren. Ob der Begriff 'Arisierung' hierbei als adäquat anzusehen ist, mag man für problematisch halten. 'Arisierung' ist als zeitgenössischer NS-Begriff mit rassisch-rassistischer Definitionsgrundlage nicht nur höchst vorbelastet, er bezeichnet auch in der Forschung unterschiedliche Konzepte. Besonders problematisch sind zwei Aspekte, nämlich dass 1.) der Begriff der 'Arisierung' implizit davon ausgeht, dass die jüdische Bevölkerung nicht eigentlich integraler Bestandteil der deutschen Bevölkerung gewesen sei, dass 2.) das Konzept 'Arisierung' in der Regel einzig den Prozess als nationalsozialistische Maßnahme von Behörden und Einzelpersonen fokussiert. Bei dieser Sichtweise fehlt die jüdische Perspektive völlig, was dazu führt, dass die Optionen und Handlungsspielräume jüdischer Unternehmer überhaupt nicht erst ins Blickfeld geraten. Die Juden hatten aller Anstrengungen zum Trotz letztlich keine Chance. Mit dem Novemberpogrom sowie mit der zeitgleichen 'Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben' vom 12. November 1938 und mit der 'Verordnung überden Einsatz jüdischen Vermögens' vom 3. Dezember 1938 wurden die letzten Reste jüdischer Unternehmertätigkeit gewaltsam beendet. Das bedeutet aber nicht, dass es sich gar nicht .erst lohnt, diese Anstrengungen in ihrer beachtlichen Vielfalt und ihrem betriebswirtschaftlichen Kalkül zu untersuchen. Mit Blick auf den schwierigen und lange Zeit recht einseitigen Weg der Forschung zum jüdischen Widerstand wäre hier ein Forschungsfeld, das noch seiner Bearbeiter harrt. (Fortsetzung auf Seite 6)

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