Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2006
- Issue
- No. 80 (2006)
- Date
- 2006-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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( 19 Ganz normale Zuschauer Harald Pelzer-. Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder wurden. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, 323 Seiten. Von Horst Sassin Die alte Menschheitsfrage, wie aus "normalen" Menschen Mörder werden können, wird von dem Sozialpsychologen Harald Welzer in seiner lesbar, fast flott geschriebenen Studie "Täter" neu beantwortet. Nach den großen Kapiteln , über "Massenmorde und Moral“ und über I "Tödliche Situationen", die auf das "Dritte Reich" bezogen sind, zieht er einen Vergleich der nationalsozialistischen Massenmorde mit aktuelleren Mordaktionen weltweit (Vietnamkrieg, Bürgerkriege in Ruanda und Jugoslawien). Sein deprimierendes Ergebnis: "Alles ist möglich." Welzer greift die bisherigen Ergebnisse der Täterforschung auf (Hilberg, dem das Werk auch gewidmet ist, Browning, Mallmann, Paul u.a.) und führt sie in seinem Feld, der Sozialpsychologie, weiter, indem er die Welt der Täter - wie jede andere - als durch einen jeweils eigenen normativen Referenzrahmen konstruiert bestimmt. Damit stellt er den Werterelativismus der "nationalsozialistischen Moral" heraus, der es auch Schreibtischtätern wie Himmler (so Breitman) und Eichmann erlaubte, sich selbst bis zuletzt als moralisch integre Personen zu verstehen. Die "nationalsozialistische Moral" definierte im Widerspruch zu den der aufklärerischliberalen Tradition verdankten allgemeinen Menschenrechten die exklusiven Rechte der "arischen" Herrenrasse, die ihre Inhaber quasi nobilitierte. Welzer als Nichthistoriker leitet diese "Moral" historisch nur unzureichend aus dem deutschen Sonderweg im 19. Jahrhundert ab. Hier wäre unter anderem der Bogen zur Konservatismusforschung zu schlagen gewesen, die die traditionelle Standesbindung im Gegensatz zum Gleichheitsideal der französischen Revolution hervorhebt. Wie die (potenziellen) Täter mit dem Konflikt zwischen ihrer traditionellen, christlichen oder humanistisch geprägten Moral einerseits und der Loyalität zum nationalsozialistischen Konzept der Ungleichheit andererseits umgingen, ist gerade dann eine zentrale Frage, wenn man berücksichtigt, dass die übergroße Mehrheit der "normalen" Männer zu Tätern wurde. Nachdem Chr. Browning Pionierarbeit am Beispiel des Reserve- Polizeibataillons 101 geleistet hatte, rückt Welzer nun das in der Ukraine eingesetzte Reserve-Polizeibataillon 45 in den Mittelpunkt. Er betont hier auch die Prozesshaftigkeit der Verwandlung in Täter über die Stufenfolge Erwartung, Initiation, Ausführung und Anpassung, die zu einer zunehmenden Professionalisierung der Massenmorde und zum Ummünzen ihrer Tätigkeit als "Arbeit" geführt hätten. Die Frage ist zu stellen, inwieweit die verbreitete Untertanenmentalität, die in den berüchtigten Kadavergehorsam mündete, hinreichend berücksichtigt worden ist. Bekanntlich haben sich selbst Minister (im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess) und führende Schreibtischtäter wie Adolf Eichmann auf ihre bloß ausführende Rolle berufen. Der Autoritätsglaube schiebt die Verantwortlichkeit nach oben ab, weist damit allerdings indirekt die Verantwortungslosigkeit des eigenen Handelns aus. Ergänzend ist zu fragen, ob Welzer die spezifische Situation der als Täter angeklagten Personen vor Gericht hinreichend gewürdigt hat. Endlos ist die Legion der Beispiele, wie unter veränderten politischen Verhältnissen das eigene Verhalten so weit gerechtfertigt, beschönigt, zurecht gebogen wird, bis ein neuer Konformismus erzeugt ist. Dieser Selbstschutzmechanismus lässt die Täter auch nach dem letzten Strohhalm greifen, um ihr Tun oder ihr Unterlassen doch noch ins "rechte" Licht zu rücken. Welzer ist vorzuhalten, dass er hier äußerst einfühlsam die inneren Regungen der Täter nachzuvollziehen versucht, ohne immer plausibel begründen zu können, inwieweit diese Einfühlung die Zeit der Taten oder Zeugenaussagen während der Jahrzehnte später stattfindenden Prozessen betrifft. Welzer selbst muss eingestehen, dass sein sozialpsychologischer Erklärungsansatz im Falle amerikanischer Gräueltaten im Vietnamkrieg nicht greift, weil er offensichtlich die Probleme demokratischer Referenzrahmen vernachlässigt. Er lässt es allerdings damit bewenden, ohne nach einem anderen tragfähigen Erklärungsansatz zu suchen. Bisher ist nur partielle, verhaltene Kritik an Welzers Methodik geübt worden. Ich kann sie in einem Fall verschärfen. Denn Welzer befasst sich nicht nur mit den Tätern, sondern auch mit den Zuschauern, denen er eine affirmative Funktion im M o r d g e s c h e h e n , etwa bei Massenerschießungen, zuweist. Diese äußere Funktion hat durchaus Sinn, denn den Schützen und den anderen am