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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2006-01-01 · No. 80 (2006) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2006
Issue
No. 80 (2006)
Date
2006-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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kehrte nach der Oktoberrevolution in die Sowjetunion zurück. Desillusioniert ging sie bald darauf nach Berlin und 1928 ebenfalls nach Palästina. Zilla Feinberg dagegen musste nicht einwandern: Die Tochter zweier "Biluim" war 1895 in Jaffa geboren und hatte das Hebräische Gymnasium Herzlia in Tel Aviv besucht, bevor sie in Berlin Landwirtschaft studierte. Natürlich gab es auch Studentinnen, die den Zionismus für einen Irrweg hielten - so die Sozialistin Sara Rabinowitsch, Mitbegründerin der Münchner USPD und Weggefährtin Kurt Eisners. Angelica Balabanoff, die zwei Semester ihres Studiums in Deutschland verbrachte, ging ebenfalls nach der Oktoberrevolution in ihre russische Heimat zurück, wo sie zum inneren Kreis um Lenin gehörte. Enttäuscht floh bald auch sie und war bis zu ihrem Tod prominentes Mitglied der sozialistischen Partei Italiens. Nicht nur russische, auch deutsche Jüdinnen machten einen beträchtlichen Teil der ersten Studentinnen an deutschen Universitäten aus. Diese kamen nicht mehr aus einer Welt traditionell-rabbinischer Frauenerwerbstätigkeit, sondern überwiegend aus dem arrivierten städtischen Bürgertum. Ihre Herkunftsfamilien waren wohlhabend und säkular und betrachteten akademisch gebildete Kinder als Beweis des sozialen Aufstiegs. Der Drang der Töchter, zu studieren und in vielen Fällen auch einen akademischen Beruf auszuüben, speiste sich aus allgemein-bildungsbürgerlichen Idealen, die in vergleichbarer Weise auch Nichtjüdinnen, vor allem Protestantinnen, zum Studium inspirierten. Dies war bis vor einigen Jahren der Konsens der Forschung. Doch ist es wirklich so eindeutig? Therese Oppler z.B. war eine der ersten Ärztinnen in Deutschland überhaupt. Sie entstammte einer orthodoxen und bildungsfernen Kaufmannsfamilie in der Provinz Posen. Dennoch setzte sie mit Unterstützung diverser Onkel bei ihrem Vater durch, dass er sie studieren ließ - nicht zuletzt, indem sie ihm vorrechnete, dass ihn ihre Verheiratung mit entsprechender Mitgift viel teurer zu stehen kommen würde. Hedwig Jung-Danielewicz war die Tochter eines erfolglosen Geschäftsmannes, die in Armut aufwuchs. Ihr Medizinstudium wurde von einem reichen Onkel finanziert. Rahel Straus entstammte der "Austrittsorthodoxie". Ihre früh verwitwete Mutter hatte nichts gegen die Gymnasialausbildung ihrer Tochter einzuwenden; das war vielmehr ihre Idee. Rahels Medizinstudium finanzierte schließlich ebenfalls ein reicher Onkel. Das mögen Einzelfälle unter überwiegend wohlhabend-säkularen deutsch-jüdischen Studentinnen sein, doch zumindest zeigen sie zweierlei: Ein orthodoxes Elternhaus verhinderte das Studium nicht; bei den russischen Jüdinnen so wenig wie bei den deutschen. Und Armut der Eltern tat dies genauso wenig. Nicht nur bei den russischen Juden, sondern offenbar auch unter den vermeintlich so gründlich assimilierten deutschen Juden im Kaiserreich lebte die Tradition weiter, begabte Schüler in der Grossfamilie finanziell zu unterstützen, wenn die Eltern dazu nicht in der Lage waren. Auch das scheint russische und deutsche Kommilitoninnen verbunden zu haben. Die erste Generation der deutsch-jüdischen Studentinnen war von erstaunlicher Vielfalt. Ihre Biographen bilden gleichsam ein Lesebuch des deutschen Judentums im 20. Jahrhundert. Da gab es Lotte Eisner, zeitlebens rebellisch und betont antibürgerlich, die erste Filmjournalistin der Weimarer Republik und Mitbegründerin der Cinematheque Frangaise. Da gab es die schüchterne und melancholische Hedwig Jung-Danielewicz, eine Armenärztin, die Trost im Katholizismus fand und im Ghetto von Minsk als Jüdin erschossen wurde. Es gab orthodoxe Jüdinnen wie die Ökonomin Adelheid Levy und orthodoxe Kommunistinnen wie die Politikerin Recha Rothschild. Es gab Frauen, die immer gewusst hatten, dass sie Jüdinnen waren und solche, die erst 'von Hitler dazu gemacht' wurden. Alle gehörten zur "Erlebnisgeneration", deren Leben sich ab 1933 brutal veränderte. Da gab es Käthe Mende, Sozialarbeiterin und Begründerin der Jugendgerichtshilfe, die als alte Frau Theresienstadt überlebte, während die viel jüngere Cora Berliner dort umkam, eine der ersten Professorinnen Deutschlands bis zum Hinauswurf. Es gab überzeugte Junggesellinnen wie die Ärztin und Politikerin Käte Frankenthal, und Damen der Gesellschaft wie Margarete Sallis- Freudenthal, die erst in der Emigration in Palästina Erwerbstätigkeit suchte. Es finden sich Zionistinnen wie die Journalistin Gerda Luft, die schon 1924 nach Palästina ging, und solche, die "nicht aus Zionismus, sondern aus Deutschland kamen", wie Erna Meyer, Pionierin der rationellen Hauswirtschaft in der Weimarer Republik, die sich als Kochlehrerin durchschlug. Manche Frauen konnten erst in der Emigration beruflich aufblühen wie Eva Fiesel, Etruskologin, und Frieda Wunderlich, Wirtschaftswissenschaftlerin, die in den USA Professorinnen an renommierten Hochschulen wurden. Aber weit eher typisch waren Lebenswege wie der von Annemarie Bieber, die nach 35 Jahren ärztlicher Tätigkeit in der Emigration in Amerika von vorne anfangen musste - mit den medizinischen Examina, auf englisch. Oder der von Clara Davidson, die in Israel zwar als Ärztin arbeiten konnte, aber so wenig verdiente, dass sie auf Lebensmittelpakete von Freunden angewiesen war. Biographische Bruchstücke einer untergegangenen Zivilisation. Das kollektive Verdienst einer gesamten Generation - die Durchsetzung des Frauenstudiums und der Ausübung akademischer Berufe durch Frauen - ist ein weiteres Beispiel für eine zivilisatorische Leistung, die Juden (mit)erbrachten und die der gesamten deutschen Gesellschaft zugute kam. Wie aber antwortete diese Gesellschaft? Mit Anerkennung, gar mit Dankbarkeit? Mitnichten. Kalonymos, 8. Jahrgang 2005, Heft 2

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