Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2006
- Issue
- No. 80 (2006)
- Date
- 2006-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 15) lj ah fr eich uncfwissenscfursiiq Nichtjüdinnen waren an dieser Pionierleistung selbstverständlich auch beteiligt, doch ihr Anteil entspricht nicht ihrer numerischen Stärke in der deutschen Gesellschaft. Die Initiative musste von Jüdinnen aus dem Russischen Reich ausgehen, deren kulturelles Erbe sich auf besondere Weise befähigte, ihren Wunsch nach einem Hochschulstudium zu entwickeln und dann gegen alle Widerstände auch durchzusetzen. Bei diesem Vorgang wechselte die vermeintliche "Einbahnstrasse Assimilation" die Richtung: Die jüdische Minderheit wurde zum Vorbild; sie schlug die Schneise, die die Angehörigen der gesellschaftlichen Mehrheit schließlich auch für sich nutzten. Die ethnische Minderheit der Juden bildete die Avantgarde der neuen sozialen Bewegung; sie führte, die christliche Mehrheit folgte nach. Dieser Prozess wurde von der Minderheit initiiert, indem sie aus ihrer eigenen spezifischen kulturellen Tradition heraus den neuen Standard für weibliche Bildung setzte. Die Übereinstimmung eines bestimmenden Elements dieser Tradition - Hochschätzung intellektuellen Lernens - mit der Kultur des deutschen (insbesondere protestantischen) Bildungsbürgertums machte es möglich, dass der Assimilationsprozess auf dynamische Weise in zwei Richtungen funktionierte: die jüdische Minderheit stand dem Bildungsbürgertum hinreichend nahe, um sich dessen formalem Bildungsideal und -weg anzuverwandeln; das Bildungsbürgertum umgekehrt erkannte im von Jüdinnen initiierten Frauenstudium einen Fortschritt, der seiner eigenen kulturellen Tradition ausreichend nahe stand, um nachahmenswert zu erscheinen. So wurden oft die jüdischen Studentinnen Vorbilder und Vorkämpferinnen für nichtjüdische Studentinnen; zuerst in der Schweiz: Das Bild der kleinen Russin, die mit der Mappe unter dem Arm, das Pelzmützchen auf dem oft kurzen Haar, die Augen wie von einem geheimen Schatz leuchtend, den Hörsälen zueilte, hat wohl doch mancher Schweizerin den Gedanken an ein Studium in die Nähe gerückt, wenn die Betreffende sich oft dessen auch nicht bewusst sein mag. Ohne diese Fremdlinge hätten wir den Weg in die Hochschule vielleicht noch später und noch seltener gefunden. Die Historikerin Daniela Neumann konstatierte, "dass es im universitären Bereich die Frauen aus dem Russischen Reich waren, die in der Schweiz die meisten Breschen für die Gleichberechtigung der Frau geschlagen haben." Von Deutschland galt das ebenso. Gerta Stücklen, die selbst zu der ersten Berliner Studentinnengeneration gehörte und ihre Dissertation darüber schrieb, resümierte 1915: Zuerst hielten Ausländerinnen ... Einzug in unsere Bildungsstätten, und ihr begeisterter Lerntrieb, ihre Freudigkeit hielt den Entsagungen und Leiden mannigfacher Art, die sich aus der allgemeinen Gegnerschaft ergaben, stand. Hier galt es für jede Einzelne, ihren Platz zu erwerben und zu behaupten, um das Verlangen nach Arbeit und nach Wissen befriedigen zu können. Dieser Anfang erforderte den ganzen Menschen, kraftvolle und begabte Frauen, die energisch für ihre Idee eintraten, denn die Verantwortung für den Verlauf der künftigen Entwicklung ruhte zum großen Teil auf ihren Schultern. Eine andere Zeitzeugin, Julie Ohr, beschrieb bereits 1909 den Mechanismus, der diese Studentinnen der ersten Stunde bewusst oder unbewusst zu Vorkämpferinnen für sämtliche Frauen machte: Wo aber eine Studentin eine Lücke durch eine anscheinend starre Satzung geschlagen hatte, da standen andere hinter ihr, um das Errungene zum dauernden Besitztum zu machen. Wie oft wurde das, was der Einzelnen als Privileg gewährt worden war, durch die hinter ihr Nachdrängenden in allgemein gültiges Recht verwandelt. Wer waren diese russisch-jüdischen Studentinnen? Leider gibt es über sie, anders als zu den deutschen, kaum biographisches Quellenmaterial. Das wenige Verfügbare aber zeigt, dass die große Mehrzahl der russisch-jüdischen Studierenden, Männer wie Frauen, aus kleinbürgerlichen Elternhäusern kamen, in denen keineswegs Wohlstand herrschte. Die meisten Eltern waren wohl Maskilim, die persönlich noch orthodox lebten, das aber nicht mehr von ihren Kindern erwarteten. Aber wir wissen auch von Töchtern aus strenggläubigen Elternhäusern, die regelrecht von zu Hause flohen, um studieren zu können. Die russisch-jüdischen Studentin lebten in großer Armut, was selbst den deutschen Kommilitonen auffiel. Ebenso sind sich aber die Quellen auch einig, dass das Leben in den "Kolonien", der russisch-jüdischen Subkultur in den Universitätsstädten, von großer Lebhaftigkeit und starkem sozialen Zusammenhalt gekennzeichnet war. Vor allem die politische Passion der "Russen" war ausgeprägt. Die meisten, so scheint es, waren Zionisten. Viele Lebenswege führten schliesslich nach Palästina/Israel - so machte z.B. die Ärztin Minna Weizmann, eine Schwester von Chaim Weizmann, gleich nach Abschluss ihres Studiums 1913 Alija. Pua Feiga Schargorodskaja, die 1914 zum Thema Die pädagogischen Grundlagen des pharisäischen Judentums des tannaitischen Zeitalters in Palästina promoviert hatte,