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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2006-01-01 · No. 80 (2006) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2006
Issue
No. 80 (2006)
Date
2006-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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mmmsmmsm (Fortsetzung von Seite 14) der jüdischen Tradition: Erstens waren sie - in säkularisierter Form - Teil der Kultur des "Lernens", die spätestens seit der Zerstörung des Zweiten Tempels tragendes Element jüdischer Frömmigkeit ist. Zweitens waren sie eine Weiterentwicklung der im aschkenasischen Judentum verwurzelten Tradition von Frauenerwerbstätigkeit, die, wenn auch indirekt, ebenfalls Teil der Kultur des "Lernens" ist. Je ungebrochener diese Traditionen noch waren - nämlich in den Schtetlach Osteuropas - desto ausgeprägter zeigt sich die Studienneigung jüdischer Frauen. Ohne sie, die hartnäckig und letztlich erfolgreich um die Öffnnung der Universitäten für Frauen kämpften, wäre das Frauenstudium in Deutschland nicht oder nur später erst möglich geworden. In Aschkenas waren erwerbstätige Frauen eine Selbstverständlichkeit, eine Folge der spezifischen Wertehierarchie des rabbinischen Judentums: Nicht das physische Überleben des Einzelnen ist der höchste Wert, sondern das spirituelle Überleben des Ganzen, der Juden als Volk - ein Ziel, das nur durch "Lernen und Beten" zu erreichen war. Der Logik des Patriarchats folgend, widmeten sich ausschließlich Männer dieser wichtigsten Aufgabe. Die kulturell als zweitranging geltende Erwerbsarbeit wurde damit (auch) Domäne der Frau. In Westeuropa kam diese Tradition schon Anfang des 19. Jahrhunderts allmählich zum Erliegen; in Osteuropa hingegen war sie noch am Ende des Jahrhunderts lebendig und ging bis zur Auslöschung des osteuropäischen Judentums nicht unter. Auch unter den späteren Akademikerinnen gab es Frauen mit handeltreibenden Müttern oder Großmüttern. "Die Eltern meiner Mutter hatten ein Stoffgeschäft besessen. Es wurde ausschließlich von meiner Großmutter und einem jungen Gehilfen geführt; mein Großvater rührte kaum einen Finger für das Geschäft", erinnert sich die Ärztin und Psychoanalytikerin Helene Deutsch, geboren 1884 im galizischen Przemysl. Der Vater der Medizinerin Charlotte Woilff war Lebensmittelgroßhändler in Danzig, aber "meine Mutter arbeitete ebenfalls im Geschäft, zusammen mit Recha, der Frau ihres Bruders. Die beiden hatten mehr Geschäftssinn als ihre Männer, und diese gaben zu, dass die guten Umsätze den Ideen und der Initiative der Frauen zu verdanken waren." In Osteuropa erwies sich die Haskala als notwendiges Bindeglied zwischen der traditionellen, rabbinisch begründeten Frauenerwerbstätigkeit und dem Eintritt der (ost)jüdischen Frau in die akademischen Berufe. Die russische Regierung hatte ein in ganz Europa einzigartiges, flächendeckendes Netz von Mädchengymnasien eingerichtet, die ein erschwingliches Schuldgeld kosteten und vor allem Jüdinnen uneingeschränkt zugänglich waren. Wenn also entweder bereits die Eltern sich weltlicher Bildung geöffnet hatten oder aber eine junge Frau selbst sich zu diesem Schritt entschloss, war es zur jüdischen Gymnasiastin und schließlich Akademikerin nur noch ein kleiner Schritt. Was innerhalb der geschlossenen Welt des aschkenasischen Judentums ein Nachteil gewesen war - ihnen waren die "zweitrangigen" Aufgaben zugeteilt - verwandelte sich im Verlauf der Säkularisierung in einen Vorteil: Da das aschkenasische Judentum die Frau nie "ins Haus" verwiesen, sondern ihr, im Gegenteil, den "Marktplatz" als Wirkungsbereich zugeordnet hatte, ließen sich das öffentliche Auftreten und die notwendige Interaktion mit Fremden, die ein Universitätsstudium mit sich bringt, sehr viel eher mit dem Rollenleitbild der aschkenasischen Frau vereinen als mit dem der "behüteten höheren Tochter" westlich-bürgerlicher Prägung, die von den Realitäten des Lebens in hohem Maße abgeschirmt war. Das bewährte sich insbesondere in den zahllosen Kämpfen, die studierwillige junge Frauen zu bestehen hatten, um sich in einer ihnen feindliche gesonnenen Institution zu behaupten. Die idealtypischen Persönlichkeitsmerkmale - Tatkraft, Mut, Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit, manchmal bis zur Rücksichtslosigkeit - die die Kultur des Ostjudentums von Frauen erwartete, während jene Werte in der zeitgenössischen westeuropäischen Kultur als dezidiert männlich betrachtet wurden, befähigten besonders die Ostjüdinnen, sich Zugang zu der exklusiv männlichen Welt der Universitäten zu verschaffen. Die Pionierfunktion jüdischer Frauen bei der Durchsetzung des Frauenstudiums ist das paradoxe indirekte Resultat der besonderen rabbinischen Variante einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung und Arbeitsteilung. Die wichtige Rolle von Jüdinnen bei der Durchsetzung des Frauenstudiums muss auch unsere Vorstellung vom Wesen der Assimilation modifizieren. Dieser komplexe soziologische Vorgang wurde bislang stets nur als einseitige Anpassung einer gesellschaftlichen Minderheit an die Mehrheit betrachtet. Obwohl dies sicher die hauptsächliche Stossrichtung von Assimilation ist, kann aber in Einzelfällen auch die Minderheit die Avantgarde einer neuen Bewegung bilden, der die Mehrheit mit zeitlicher Verzögerung folgt. Elemente solcher Avantgardeleistung einer Minderheit sind im Kampf um die Zulassung von Frauen zum Studium erkennbar: Jüdische Frauen aus dem Zarenbereich, die zum Studium in die Schweiz und später auch nach Deutschland kamen, haben sich an der zeitgenössischen Debatte um das Für und Wider des Frauenstudiums nicht beteiligt; kannten sie vermutlich nicht einmal. Durch ihre praktische Pionierleistung haben sie der bis dahin lediglich imaginierten studierenden Frau Realität verliehen; sie haben die Ausnahmegenehmigungen erkämpft, dank denen das Studium für ihre Nachfolgerinnen zum Regelfall werden konnte. Und sie haben durch ihre Leistungen die Behauptung der Gegner des Frauenstudiums widerlegt, die Frau eigne sich nicht zu akademischer Arbeit. (Fortsetzung auf Seite 16)

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