Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2006
- Issue
- No. 80 (2006)
- Date
- 2006-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Wissens er/n er ran den rauen Von Luise Hirsch Im Jahr 1910 erschien in Berlin der zweite Band der Memoiren einer Großmutter. Pauline Wengeroff, 1833 in Weißrussland geboren, hatte 1850 in eine chassidische Familie in Wolhynien eingeheiratet und lebte in ihren ersten Ehejahren in der Großfamilie ihres Mannes. Der Schwiegervater war ein wohlhabender Konzessionär des staatlichen Branntwein- Monopols, doch wirkte die Schwiegergroßmutter aktiv in der Geschäftsleitung mit. Überdies war sie eine Art ehrenamtliche Hebamme und "Dorfärztin": ¥ Sie verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden. ...Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein Seiten fenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer gebärenden Frau unentbehrlich war. ...Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte. Nachdem sie so ihre Schwiegergroßmutter geschildert hat, fügt Pauline Wengeroff eine Betrachtung zur Gegenwart an: Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf. ...So sehe ich den Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an. ...Die Frau, deren Wesen und Leben ich hier geschildert habe, war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden viele solche Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen. Wer waren die "russisch-jüdischen Mädchen", von denen Wengeroff hier annimmt, ihre Leserschaft werde die Anspielung ohne weiteres verstehen? Hat sie Recht mit ihrer Behauptung, die Großmutter stelle einen "Typus" dar und sei gewissermaßen die geistige Urahnin jener jungen Frauen im Deutschland des Jahres 1910, die "zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen"? Die Anspielung gilt einer kleinen, aber in der Epoche durchaus Aufsehen erregenden Gruppe junger jüdischer Frauen aus dem Russischen Reich, die an Universitäten der Schweiz und Deutschlands studierten. Indem sie ihre individuelle Zulassung zum Studium erreichten, trugen sie wesentlich zur Öffnung dieser Hochschulen für alle Frauen bei. Und tatsächlich waren diese jungen Frauen nichts "Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben", sondern standen in einer langen Tradition von Frauenerwerbstätigkeit, die wiederum unmittelbar aus dem rabbinischen Judentum stammte. In abgeschwächter Form galt das auch für ihre deutsch-jüdischen Studienkolleginnen. Doch darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. In der Tat existierte keine andere Arena öffentlichen Lebens im Europa vor dem Ersten Weltkrieg, in der Jüdinnen und Juden aus solch unterschiedlichen Herkunftsmilieus aufeinander trafen, wie der Hörsaal der Universität. Dabei ergibt sich ein Mikrokosmos der jüdischen Sozialgeschichte Europas um 1900, der fast alle denkbaren Varianten umfasste - von Kleinbürgern im Schtetl bis zu quasiaristokratischen Kaufmannsfamilien, von Neo-Orthodoxen bis zu "Freidenkern", von Zionisten bis zu "deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens". In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gingen erstmals Frauen aus dem Russischen Reich zum Studium in die Schweiz, da sie in ihrer Heimat nicht studieren durften. Mit ihnen beginnt die Geschichte der Akademikerin in Europa. Den Jüdinnen aus dem Zarenreich waren die russischen Universitäten nicht nur wegen ihres Geschlechts verschlossen, sondern ab 1887 zusätzlich wegen des fast unüberwindlichen Numerus Clausus für Juden, der auch Tausende von jüdischen Männern zum Studium ins Ausland trieb. Russische Jüdinnen stellten die große Mehrheit sämtlicher in der Schweiz studierenden Frauen; die heute bekannteste war Rosa Luxemburg. Schweizerinnen und Deutsche gesellten sich erst später und in viel geringerer Zahl hinzu. Von der Schweiz aus verbreitete sich die neue soziale Erscheinung der studierenden Frau schließlich auch ins Deutsche Reich. Schritt für Schritt erkämpften Frauen sich Zutritt zu den Hörsälen; zunächst als Gasthörerinnen (in Berlin erstmals 1896), dann mit Ausnahmegenehmigungen auch als Promovendinnen. Zumindest ein ordentliches Studium und die Promotion waren ab 1909 in allen deutschen Ländern möglich. Jüdische Frauen, "Russinnen" wie Deutsche, spielten dabei eine tragende Rolle. Sie standen in zweierlei Hinsicht in ' (Fortsetzung auf Seite 15)