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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2005-01-01 · No. 79 (2005) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2005
Issue
No. 79 (2005)
Date
2005-01-01
Page
Seite 17 (sequence 367)
Language
German
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17 agsssasssssssssssssssass Die Bedeutung der jüdischen Schule für die Gegenwart von Direktor Max Feuchtwanger Der Aufsatz ist die gekürzte Wiedergabe eines Referats auf der Generalversammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien am 24. März 1934. Viele Juden sehen heute noch den Sinn unseres Schulwerks darin, daß es den jüdischen Schülern die öffentlichen Schulen, zu denen ihnen der Zugang versperrt ist, ersetzt. Eine wirkliche Antwort auf die Frage nach der Bedeutung der jüdischen Schule für die Gegenwart muß von einer Betrachtung dieser Gegenwart ausgehen. Die religiöse und geistige Situation im Judentum war 1933 im wesentlichen von außerjüdischen Einflüssen bestimmt. Die Entjudung war als Preis für die Emanzipation gefordert und gezahlt worden. Gerade eine Generation, die nicht aus einer jüdischen Mitte heraus lebte, sollte weite, neue Gebiete dem Judentum erschließen, auf der anderen Seite erstarkte bald als Reaktion auf das Schicksal von 1933 eine gewisse Renaissance, ein neuer Wille zum Judentum. Die Stabilität der wirtschaftlichen Aussichten ist seit einigen Jahren in völlige Unsicherheit umgeschlagen. Es bleibt heute gänzlich offen, in welchem Ausmaß unsere Jugend hier einen Beruf ausüben kann, um ihr Dasein zu fristen. Eine plötzlich beschleunigte Auswanderung bedeutet für die Schule geringe Aussicht auf Schülernachwuchs und eine völlige Verrückung des Erziehungszieles. Nicht mehr der am Schulort beheimatete Bürger, sondern der Auswanderer muß herangebildet werden. Beachtet man den Geburtenrückgang - in Breslau beispielsweise beträgt die vorjährige Geburtenziffer etwa 40 Prozent derjenigen von 1930 - so wird klar, daß die jüdische Schule in Deutschland eine Brücke in eine unsichere Zukunft darstellt. Wann sie abgeschlagen wird oder ob sie gar Dauer hat, weiß heute niemand. Schließlich gehört in die Betrachtung der Gegenwart ein Blick auf die Rechtslage der jüdischen Schule im Dritten Reich. Der numerus clausus drängt die jüdischen Schüler von den allgemeinen höheren und mittleren Schulen ab. Der Neugründung und dem Ausbau jüdischer Volksschulen wird vom Staat nichts in den Weg gelegt. Auch der Fortbestand der jüdischen höheren Schulen ist nunmehr gesichert, nachdem in den letzten Wochen festgelegt wurde, daß für sie jährlich die Aufnahmezahlen festgesetzt werden. Wo höhere jüdische Schulen bereits bestehen, werden sie für die nächsten Jahre, wie die vorliegenden Zahlen ergeben haben, vernünftigen Ansprüchen hinsichtlich der Zahl der aufzunehmenden Schüler durchaus genügen. In Breslau z.B. kann das Jüdische Reformrealgymnasium in diesem Jahr voraussichtlich alle angemeldeten Sextaner, eventuell sogar noch einige Nachzügler, aufnehmen. Nach der Bedeutung der jüdischen Schule für die hier geschilderte Gegenwart fragen wir. Aber kann die Schule überhaupt einer Zeit etwas bedeuten? Ist sie nicht umgekehrt von der Umwelt gerade bedingt? An derZurückdrängung des humanistischen Gymnasiums zugunsten der Realschulen um die Jahrhundertwende können wir beispielsweise die Macht der Zeitumstände über die bildenden Kräfte der Schule erkennen. Ist also die Schule nur der Ausdruck gesellschaftlicher Kräfte, wie kann da die jüdische Schule, selbst nur ein Spiegelbild der jüdischen Gesellschaft, diese grundlegend umformen? Ein Blick auf unsere Gegenwart, wie wir sie begreifen, zeigt aber: unsere Jugend steht vor ganz neuen wirtschaftlichen Aufgaben. Sie wird in anderen Berufen, in anderen Gesellschaftsklassen, ja in anderen Ländern und in einem anderen, d.h. in einem viel kräftigeren Judentum leben. Da wird die jüdische Schule welchen Zielen sie sich auch verschreiben mag, notwendig auch einen anderen Charakter haben, als die Gesellschaft der Erwachsenen. Um so brennender aber wird die Frage: kann diese jüdische Schule sich gegenüber der Gegenwart, die doch von den Kräften der Vergangenheit gespeist wird, durchsetzen. Wenn die Jugendbünde, die die Kräfte der Jugendlichkeit entfesseln, und die eine Auswahl aus den Erziehungszielen nach dem Sinne ihrer Jugend treffen, dioe noch dazu den Vorzug einer gewissen Gleichartigkeit ihrer Gruppen genießen, dieses Problem scheinbar leichter lösen, so bleibt es für die Schule, die niemals ganz den Charakter eines gesellschaftlichen, ja staatlichen und vor allem ökonomischen Zwanges verliert, in seiner ganzen Schärfe bestehen. Angesichts des Wiedererwachens des jüdischen Bewußtseins im deutschen Judentum, unter dem Eindruck der vollen Synagogen, der gutbesuchten jüdischen Versammlungen, der vielen Neuerscheinu ngen auf dem jüdischen Büchermarkt und der erstarkenden jüdischen Solidarität mag manchem unsere Fragestellung überspitzt erscheinen. Aber hat diese Renaissance, deren großer Wert wahrlich nicht gering geschätzt werden soll, es vermocht, unser Leben umzustellen, ist sie eine echte Volksbewegung? Man wird sich keiner Täuschung hingeben dürfen: Wo heute gelernt wird, da geschieht es nicht selten allein aus praktischer Notwendigkeit im Gedanken an die bevorstehende Auswanderung. Anregungen, die heute in erfreulicher Weise von zentralen jüdischen Stgeilen ausgegeben werden, wie die Feier des Maimonidesjahres oder die Wiedergewinnung des Schabbath, finden zwar ein dankbares Echo in der deutschen Judenheit, aber eine wirkliche innere, das Leben durchgreifend gestaltende Beziehung zu diesen jüdischen Werten haben nur ganz wenige sich errungen. Und so droht dieser jüdischen Bewegung unserer Tage die Gefahr, auf halbem Wege stehen zu bleiben, bis zu einer wirklichen Rückkehr ins Judentum nicht vorzustoßen. Diese Gefahr droht auch der Jugend, die jetzt die öffentlichen Schulen mehr oder minder freiwillig verlassen hat und zu den jüdischen Schulen und auch zu den jüdischen Jugendbünden hinfinden. Auch der Weg ins Judentum, den man ihr hier weist, ist manchmal zu leicht und zu populär, führt vorzeitig zu einer inneren Sicherheit, die keine Weiterentwicklung zuläßt. Versucht die Schule, den Jugendlichen vor den ganzen Ernst des Judentums zu stellen, so versperrt ihm die fertige Lösung der Judenfrage, die er im Bund vielleicht schon angenommen hat, den Weg zu einer tiefinnerlichen und aufwühlenden Auseinandersetzung mit dem Judentum. Es entsteht die große Gefahr, daß der Schüler diese Konfrontation gar nicht mehr ernst nimmt und ihr wie anderen Schulanforderungen nur äußerlich Rechnung trägt. Wir erkennen so, daß auch das allgemein wachsende jüdische Interesse weiter Kreise noch nicht dazu ausreicht, um der Schule den Rückhalt in ihrem Milieu zu bieten, den sie haben müßte, um auf die Gegenwart tiefgreifend zu wirken. Eine wirklich neue Chance aber bietet die Tatsache, daß die äußeren Verhältnisse, unter denen wir leben, und gar erst die, unter denen unsere heutige Schuljugend leben wird, eine umstürzende Umwandlung erfahren haben. Ein Beispiel soll das veranschaulichen. Wieviel jüdisches Streben mußte früher daran scheitern, daß die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen unsere Jugend aufwuchs und in die sie hineinwuchs, seine Verwirklichung einfach nicht erlauben wollten. Dieses gesellschaftliche Gefüge ist heute aber ganz und gar gelockert. Niemand kann im vorhinein sagen, was es erlauben wird und was nicht, und jeder kräftige jüdische Wille hat sogar die Chance, es neu zusammenzubauen. Diese Chance auszunützen, aus der Scheinrenaissance unserer Tage einen echten Willen zur Heimkehr ins Judentum zu gestalten, das ist die Bedeutung der jüdischen Schule für die Gegenwart. Sie hat einen Menschen heranzubilden, dem die äußeren Sicherungen in Staat, Wirtschaft und Kultur verloren gegangen sind, der in das Judentum wieder eingegliedert werden soll. Das aber heißt: der einen tiefen ujnd ernsten Anspruch des Judentums auf sein Leben erfährt und verwirklicht. Es ist hier nicht der Ort, die praktischen Forderungen, die sich aus dem bisher Gesagten ergeben, im einzelnen auszuführen, wie etwa die Vermehrung und die Vertiefung des jüdischen Bildungsstoffes, das Beispiel eines jüdischen Lebens in der Schule, die Konzentration der Fächer, die Bekämpfung unserer Galuthfehler, die Schulung der Hand und die Erziehung zu einem ästhetischen Lebensstil. Aber auf die Bedeutung der jüdischen Schule als Gemeinschaftseinrichtung soll noch kurz hingewiesen werden. Je mehr Menschen die jüdische Gemeinschaft durch die Auswanderung hier verlieren, um so stärker wird die jüdische Schule auch Bildungszentrum für die schulentlassene Jugend und die Gemeinde der Eltern. Auch die Menschen, denen die Verantwortung für das äußere Schicksal jüdischer Schulen obliegt, gewinnen damit eine neue jüdische Erfahrung. Sie erleben - fernab aller Diskussion - über das Wesen der jüdischen Gemeinde, wie deren Basis ungeahnt verbreitert wird, wie allmählich Lebensbezirke dem Judentum erobert werden, von denen man es früher nicht glaubte oder nicht wahrhaben wollte, daß sie vom Judentum mit einbegriffen werden. Zweifellos wird die Volksschule für die jüdische Jugend eine größere Bedeutung gewinnen als früher, aber gerade der höheren jüdischen Schule wächst eine neue Verantwortung zu. Sie hat Gelegenheit, ihre Schüler in den entscheidenden Jugendjahren eine ganze Zeit länger als die Volksschule erziehen zu können. Sie kann am ehesten der Gefahr entgegenarbeiten, von der unsere Kinder heute am meisten bedroht sind, der Verkürzung ihrer Jugendjahre, der Verkürzung ihrer Entwicklungszeit und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Denn der schulentlassenen Jugend hilft heute längst nicht mehr wie frührer der bewahrende Einfluß eines heimischen Milieus, und jedes Jahr, das dem Berufsleben abgetrotzt wird, bucht die Erziehung als Gewinn. Der Talmud sagt, groß ist das Lernen, denn es führt zum Tun. Wenn unsere Schulen wieder zum jüdischen Tun führen, dann werden sie auch der Gegenwart etwas bedeuten. “Jüdische Zeitung” Breslau, den 24. Adar II5695 - 29. März 1935

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