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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2005-01-01 · No. 79 (2005) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2005
Issue
No. 79 (2005)
Date
2005-01-01
Page
Seite 15 (sequence 365)
Language
German
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Gekommen, um zu bleiben Polen: Die Jüdische Gemeinde Breslau blickt auf eine reiche und schwierige Geschichte zurück Der Synagoge 'Zum Weißen Storch' im polnischen Breslau (Wroclaw) hat das Oder- Hochwasser vor acht Jahren mehr zugesetzt als Pogrome, Krieg und Sozialismus. Daß das Gotteshaus auf einem Hintergrundstück liegt, hat es offenbar vor antisemitischen Ausschreitungen abgeschirmt. Erst als alles vorbei war, kam die Gefahr - von unten. Gefahren kennzeichnen die wechselvolle Geschichte der Juden in Mittel- und Osteuropa. So plötzlich wie die Fluten kamen sie aber nie. Meist gingen Entwicklungen voraus, die breite Schichten gegen die jüdische Bevölkerung aufbrachten. Mißgunst war nicht selten im Spiel, das Gefühl, benachteiligt zu werden. Es gab aber auch andere Zeiten. "Wir haben mit Juden gut zusammengelebt, wir gingen mit ihnen in die Schule, machten zusammen Sport", erinnert sich Erdmuthe Scheibert an die Breslauer Zeit vor 1933. Sie war ein Kind damals. Ein Kind deutscher Eltern, christlich erzogen - Breslauerin, wie ihre jüdischen Klassenkameradinnen. Heute blickt sie mit dem Wissen um die Jahre, die noch folgen sollten, auf jene Zeit zurück und stellt fest: "Bis zur 'Machtergreifung' hat sich das gesellschaftliche Zusammenleben von Christen und Juden gegenseitig befruchtet." Wohlhabende Kaufleute, darunter viele Juden, prägten Wirtschaft und kulturelles Leben in Breslau. In der Wissenschaft setzten jüdische Koryphäen Akzente: der Botaniker Ferdinand Cohen zum Beispiel oder dessen Bruder Hermann Cohn, Professor für Augenheilkunde, der einzige im damaligen Europa. Er begründete die moderne Schulhygiene. Jüdische Nobelpreisträger werteten die Stadt auf: der Physiker Max Born etwa oder der Chemiker Fritz Haber. Aber auch die Philosophin Edith Stein sowie der Theaterkritiker Alfred Kerr und der Schriftsteller David Kalisch, Begründer des 'Kladderadatsch', stammen aus Breslau. Die Grabsteine auf dem rund hundertfünfzig Jahre alten jüdischen Friedhof vor der Stadt erzählen viele solcher Geschichten - vor allem die von hohem Bildungsstand, Kunstsinn, Wohlstand und Bürgerlichkeit. Und vom gedeihlichen Miteinander. Neben von Laelia Kaderas den jüdischen Verstorbenen fanden damals auch die christlichen Partner ihre letzte Ruhestätte. Als Kolonisten kamen die ersten Juden im hohen Mittelalter an die Oder. Viele versuchten, Armut und Not zu entfliehen, andere Diskriminierung und religiösem Fanatismus. Später führten Pestpogrome und Vertreibungen aus Städten zu Massenwanderungen gen Osten. Die Könige Polens sicherten den Einwanderern weitreichende Privilegien zu. Das 'Statut von Kalisch' aus dem Jahr 1264 öffnete speziell jüdischen Siedlern Tor und Tür: Es garantierte Handelsfreiheit, faire Gerichtsbarkeit, Autonomie und Schutz der Synagogen und Friedhöfe. Die Juden sollten Handel, Finanzwesen und Gewerbe im Königreich Polen voranbringen. Die Nähe zu den Herrschern bedeutete für die jüdischen Neuankömmlinge Schutz, für die Kaufleute Absatz. In Breslau ließen sich die Juden bei der Residenz nieder, es entstanden ghettoartige Wohnviertel. Weil es Christen untersagt war, Zinsen zu verlangen, waren es die Juden, die sich als Geldwechsler und Pfandleiher verdingten. Auch als Metzger fanden Juden ein Auskommen. Zwölf Schlachtbänke versorgen durchreisende Fernhändler mit koscherem Fleisch. Doch Spannungen blieben nicht aus. Nach dem Tatarensturm Mitte des dreizehnten Jahrhun derts kam es zu Konfiszierung von Eigentum und Zweckentfremdung von Versammlungs- und Bethäusern. Die kirchliche antijüdische Gesetzgebung schränkte die Lebensbedingungen stark ein. Juden wurden verpflichtet, sich durch äußere Zeichen wie Spitzhut kenntlich zu machen. Auch zwischen den privilegierten 'Hofjuden' und mittellosen 'Hafenjuden', die sich illegal in und um Breslau aufhielten, gab es Reibereien. Der Aufenthalt in der Stadt war den Armen verboten. Erst Ende des fünfzehnten, Anfang des sechzehnten Jahrhunderts konnte das jüdische Leben in der Oder-Stadt langsam wiederbelebt werden. Zum Wollmarkt oder zu kirchlichen Feiertagen durften Juden in Breslau einreisen, allerdings nur für kurze Zeit. Zur Identifizierung hatten sie gelbe Stoffflecken an den Ärmeln ihrer Kleidung oder einen gelben Ring zu tragen. Für die Städte hatten Juden lange Zeit kaum noch Bedeutung; die meisten leben bis ins achtzehnte Jahrhundert auf dem Land. Gleichwohl besserten sich zunächst die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Ansehen gewannen Juden ab dem sechzehnten Jahrhundert durch ihre geistigkulturellen Leistungen. Die Wende brachte die jüdische Aufklärung im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung war die Reform des Erziehungssystems. Juden erhielten bürgerliche Rechte, waren aber angehalten, sich ihrerseits zu erneuern. Sie lernten die Landessprache, erhielten Zugang zu öffentlichen Schulen und ergriffen bürgerliche Berufe. Jüdische Kaufleute gründeten Firmen, eröffneten Geschäfte und Niederlassungen. Rund achtzig Prozent der mittelständischen Unternehmer in Breslau waren zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts jüdischer Herkunft. In dem Maße, in dem die bürgerliche Kultur zunahm, schwand die religiöse Autorität. Gleichwohl zeugten zahlreiche Bethäuser, Tempel und Synagogen vom spirituellen Leben der Juden. Während es in anderen Teilen Europas zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen und liberalen Juden kam, blieben diese in Breslau aus. Die Assimilation hat den Juden in Breslau nichts genützt. Hans Joachim Bilzer, der in den dreißiger Jahren zu den "arischen" Breslauer Kindern gehörte, erinnert sich an Momentaufnahmen: an einen jüdischen Geschäftsmann, der ihm "immer mal was zusteckte" und, Jahre danach, an die "Würde, mit der ein alter Jude die Scherben vor seinem Laden aufhob". Daß jüdische Klassenkameraden, Familien und Geschäftsleute nach und nach verschwanden, wurde hingenommen. "Die Betroffenheit haben wir erst viel später gelernt, viel später. Ich schäme mich", sagt der Mann. "Jüdische Allgemeine", Nr. 20/05, 19.5.2005

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