Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 79 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 359)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 8} für die überlebenden Kinder hat. Auch für sie ist der entscheidende Schritt die emotionale Erkenntnis, dass Schweigen nicht die einzige mögliche Haltung ist: "Das muss von jemandem vermittelt werden, der empathisch und engagiert ist, und dem es selbst nicht auferlegt ist, still zu sein" (114). In einem weiteren Kapitel "Der halbe Stern" analysiert Rossberg die Situation einer bisher vernachlässigten Gruppe, Kinder mit einem jüdischen Elternteil. Nach dem einleitenden Diskurs über die Rassegessetze und die spezifischen Wortschöpfungen der Nazis stellt sie zusammenfassend fest: "Dieses Gefült, nirgendwo dazu zugehören, ist allen überlebenden Kindern gemeinsam, auch wenn jeder für sich einen anderen Grund annimmt... Obwohl sich im Allgemeinen eine ausgegrenzte Gruppe leicht selbst organisiert, ist dies hier nicht der Fall... Nicht zu den Deutschen zu gehören und von den Juden nicht als solche akzeptiert zu werden, zwischen allen Stühlen zu sitzen, ist noch heute ihre Tragödie" (126). In Bezug auf die "Spätfolgen bei Überlebenden des Naziterrors und anderen Verfolgten der Jahre 1933-1945" stellt Johan Lansen einleitend fest: "Das erste, was wir aus der klinischen Arbeit mit diesen Menschen lernen können, ist, dass die Hilfe für diese Opfer eng mit der Gesellschaft und ihrer Einstellung zu den Opfern verbunden ist. Natürlich sind die Kenntnisse und die Erfahrung der Mediziner und Psychologen wichtiger, weil die gesellschaftliche Anerkennung eine wichtige Rolle spielt. Anerkennung bedeutet, dass die Opfer wieder eine Chance bekommen, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden, ohne dass sie ihr eigenes Schicksal verleugnen oder 'übertreiben' müssen. Und die Gesellschaft besinnt sich so ihrer Verantwortlichkeit und würdigt die Opfer" (169). An Beispielen aus den Niederlanden stellt er dann die möglichen Folgen von Verfolgung und Vertreibung dar und stellt fest, dass die Hilfsangebote der holländischen Regierung, die seit dem 1. Januar 2000 die medizinische, soziale und psychologische Versorgung für Flüchtlinge als gesetzliche Vorsorgeleistung anbietet, zu dem Phänomen rivalisierender Opfergruppen geführt hat: "In den letzten Jahren ist noch eine Problematik dazugekommen. Es stellen sich immer wieder neue Gruppen als Opfer dar: Wenn sie selbst direkt unter der Verfolgung gelitten haben und bisher vergessen waren, sollte man sie selbstverständlich anerkennen. Dies gilt natürlich ebenso für die Zweite Generation, deren Existenz und Probleme ich in diesem Buch auch beschreibe. Zur Zeit droht in den Niederlanden aber eine Rivalität zwischen Gruppen von 'Opfern', die nicht die ursprünglichen Opfer von damals, sondern deren ferne Verwandte oder einfach Menschen sind, die sich mit ihnen identifizieren; es entwickelt sich ein 'Ich-auch'-Mechanismus. Es entsteht, wie Jolanda Withuis beschreibt, eine sich verselbstständigende Bewegung von Menschen, die unter psychischen Beschwerden leiden, die sie aus der Masse der Durchschnittsmenschen herausragen lassen sollen. Trauma ist für sie allerdings kein Handikap, sondern eine Identität. Diese nicht direkt Betroffenen nehmen die Rolle des Opfers an und erheben darin Anspruch auf Aufmerksamkeit und Ehre bei Gedenkveranstaltungen. Auf diese Weise entfernen sie sich von der Gesellschaft in einer merkwürdig irrealen Opferposition. Mir sind schon 'alte' wirkliche Opfer begegnet, die das Gefühl haben, damit aus der Gesellschaft verdrängt zu werden und auf diese Weise des Werts der Anerkennung von damals beraubt zu werden. Es kann nicht um die Überindentifikation mit den leidenden Opfern gehen, sondern um Solidarität in Form aktiver Anerkennung und Integration in die Gesellschaft, die sich dadurch positiv verändern kann. Diese Gesellschaft sollte darauf achten, dass das Konzept vom Opfer keiner Inflation unterliegt" (182). Diese letzte Mahnung des Kapitels sollten wir ernst nehmen. Auch wenn die Situation in Deutschland sicher noch anders ist als in den Niederlanden - vielleicht alleine schon deshalb, weil derartig fürsorgliche staatliche Betreuungen der Opfer alleine schon wegen der in weiter Vergangenheit liegenden Stichtagsregelungen, nach denen "neue" Opfer nicht mehr anerkannt werden, hier nicht geleistet werden - ist dieses Phänomen ernst zu nehmen. Es zeigt die Problematik, sich einer unverstandenen Geschichte zu stellen, die offensichtlich mit erheblichen Erinnerungsverschiebungen einhergehen kann. Doch trotz dieser neuen Problematik ist auch die deutsche Schlussstrichmentalität kein akzeptabler Weg, mit den ehemals Verfolgten umzugehen. Denn es ist inzwischen erwiesen, dass die Spätfolgen erheblich gravierender sind, als früher angenommen wurde - gerade die Nachwirkungen bereiten Probleme, die erst spät ursächlich zugeordnet werden können. So stellt Reinhart Lempp in seinem Aufsatz "Verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbstätigkeit" fest: "Während körperliche Behinderungen, die schon in der Kindheit entstanden sind, meist durch frühe Anpassung und eine gezielte ausgleichende Ausbildung minimiert werden können und die allgemeine Erwerbsfähigkeit nur wenig beeinträchtigen, bestimmen unheilbare, das ganze Leben prägende psychische Veränderungen neben der Lebensqualität auch die Erwerbsfähigkeit durch soziale Behinderungen viel stärker" (310). Sehr detailliert und umfassend beschreibt Haim Dasberg Methoden der "Psychiatrischen Expertise" - auch er weist besonders auf die Spätfolen hin und stellt fest, dass es zwar grundlegende permanente Persönlichkeitsänderungen geben könne, wie etwa "eine misstrauische oder feindselige Haltung, ein regressives Sozialverhalten, Gefühle der Leere, der Hilflosigkeit, des Fremdseins und ein immerwährendes Bewusstsein der Furcht vor zukünftiger Bedrohung" (314). Entscheidend sei jedoch "die detaillierte klinische Schilderung der Geschichte des betreffenden individuellen Patienten" (328). Er gibt am Ende folgende Empfehlungen: "Basierend auf dem obigen Material und den erreichten Schlussfolgerungen ist es nunmehr möglich, eindeutige Empfehlungen verbunden mit weiterer Forschung über spät ausbrechende, posttraumatische Reaktionen, wie auch über Vorbeugung, Intervention, Rehabilitation und Kompensation, zu machen. Was Letztere anbelangt, dem alleinigen Zweck der gegenwärtigen Expertise, ist die Empfehlung auf eine Korrektur der überholten Gesetze vor dem Jahr 1969 hinzuarbeiten, die derzeit die Einreichung von Entschädigungsanträgen für spätausbrechende, posttraumatische Reaktionen und Leiden ausschließt, zu einer Zeit, in der dies am dringendsten notwendig ist" (346). Es ist dies eine fundierte wissenschaftliche Forderung, der es noch nicht vergönnt war, Gehör zu finden, obwohl sie inzwischen schon einige Jahre alt ist. Es ist nur dem Engagement der beiden Herausgeber zu verdanken, dass das Buch überhaupt erscheinen konnte. Es ist jedoch erschreckend, dass das Interesse an dieser Diskussion in Deutschland auf einen sehr kleinen Personenkreis beschränkt bleibt. Die Hilfe bleibt überwiegend in Privatinitiative organisiert, staatliche Unterstützung für ESRA kam nur aus Holland. Es wäre dringend an der Zeit, dass sich hier kurzfristig etwas ändert. Internationale Anlaufstellen wieTamach in der Schweiz, ESRA in Österreich und AMCHA; eine Organisation die jüdischen Überlebenden weltweit bei der Bewältigung der traumatischen Folgen der Verfolgung hilft, zeigen, dass das nationalsozialistische Projekt, "Ermordung der Juden Europas" noch kein Fall für das Museum ist. Das ist einerseits traurig, andererseits aber auch gut so. Nikoline Hansen ("Die Mahnung", 1.05.2005)