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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2005-01-01 · No. 79 (2005) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2005
Issue
No. 79 (2005)
Date
2005-01-01
Page
Seite 8 (sequence 358)
Language
German
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8 Das Schweigen brechen Berliner Lektionen zu Spätfolgen der Schoa Der vorliegende Band, eine umfangreiche Aufsatzsammlung über die Spätfolgen der Schoa aus der Sicht von Psychologen und Ärzten, ist ein grundlegendes und wegweisendes Standardwerk für den deutschen Sprachraum. Er beinhaltet vier Teile: Der erste besteht aus Vorträgen für einen breiten Kreis Interessierter, der zweite aus Lektionen zur professionellen Weiterbildung, ein dritter Teil setzt sich mit der Entschädigungspraxis auseinander, und der vierte Teil ist von überlebenden Kindern für überlebende Kinder geschrieben - eine notwendige Ermutigung; dazu kommt ein sehr umfangreiches Gesamtverzeichnis an Literatur, sodass dieses Buch nicht nur dem Arzt, sondern auch dem interessierten Laien einen hervorragenden Einstieg in die Thematik bietet. Dabei muss man sich allerdings vor Augen halten, dass die Problematik sehr komplex ist und sich das Buch deshalb nicht ohne weiteres in einem Stück lesen lässt - gerade beim Einstieg gewinnt der Leser das Gefühl, dass die Autoren quasi alles auf einmal wollen - der angebotene Stoff hätte gut und gerne mehrere Bücher gefüllt, man muss sich beim Lesen also darauf einstellen, quasi ein Überangebot an Information zu erhalten. Die Autoren präsentieren internationale Erfahrungen, schwerpunktmäßig aus Deutschland, Israel und Holland; dies bezieht sich sowohl auf die Traumata, die sich zuvorderst aus Schweigen und Verschweigen generierten und länderspezifische Erscheinungen hervorbringen, als auch auf die Entschädigungspraxis, die in Holland mit der Umkehr der Beweislast 1973 einen erheblichen Fortschritt erzielte - nicht mehr der, Geschädigte muss nachweisen, dass seine Leiden verfolgungsbedingt sind, sondern der Staat muss nachweisen, dass dies nicht so ist. So sollten die Betroffenen nicht aufs Neue mit den Folgen möglicher Zweifel belastet werden - ein Beispiel, dem Deutschland leider nicht gefolgt ist. Gewidmet ist das Buch Professor Leo Eitinger, einem Arzt, der Auschwitz überlebte und die Arbeit von ESRA Berlin in erheblichem Umfang unterstützt hat. Sein Statement "Die Würde eines Menschen ist sein Eigentum, niemand kann es ihm wegnehmen. Es liegt an seinem eigenen Verhalten" ist dem Buch einleitend vorangestellt, und Eitingers großes Verdienst ist es wohl, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen und die Menschsein herauszustellen: "Es ist für den Einzelnen unerträglich, ja sogar gefährlich, völlig ohne jede eigene 'Geschichte' zu leben. Man findet zahlreiche und sehr ungleiche Beschreibungen von Personen, die plötzlich ihr Gedächtnis total verloren haben. Ich habe selbst einige wenige Patienten getroffen, die keine Vergangenheit hatten, d.h. die nicht wussten, sich nicht erinnern konnten, wer sie waren, wie sie hießen, woher sie kamen. Sie hatten keine Identität mehr. Dies ist ein tragisches Schicksal - bis es zur Heilung kommt - für den individuellen Patienten, aber es ist gefährlich für ein Volk, das in einen solchen pathologischen Zustand verfällt. Es ist verheerend für die Geschichtsauffassung, zerstörend für das Selbstverständnis und für das zugrunde liegende Recht der eigenen Existenz. Ein Volk ohne Geschichte und ohne Identität ist eben kein Volf mehr. Was für ein Volk gilt, gilt selbstverständlich für jedes andere Kollektiv, sei es eine nationale, religiöse oder andere Schicksalsgemeinschaft" (41/42). Dies halte ich für einen Kerngedanken, der deutlich macht, dass Identität und Geschichte von grundlegender Bedeutung für das Wohlergehen nicht nur des Einzelnen, sondern eben auch eines Kollektivs sind. Es ist daher auch sicher nur auf den ersten Blick überraschend, dass ein Kapitel des Buches der psychischen Beschädigung bei den Urhebern der Schoa gewidmet ist. Denn es zeigt sich, dass gerade die Analysen in diesem Kapitel eine erhebliche Bedeutung für die ehemals Verfolgten haben, da der Antisemitismus eine treibende Kraft der Verfolgung war; obwohl er weit verbreitet ist, hat er nur in Deutschland zu den bekannten Folgen und dem ausgeprägten Vernichtungswillen geführt. Und er wird immer wieder gerne quasi aus sich selbst heraus als ein natürliches Phänomen erklärt. So schreibt Dierk Juelich in "Erlebtes und ererbtes Trauma": "Und wenn gerade Juden sich diesem Diktum nach Aufgabe von Geschichte nicht fügen wollen, dient dies als ein Motiv, den alten Antisemitismus im neuen Gewand zu entfalten. Denn der Vorwurf, dass Juden nicht bereit seien, die Erinnerung an die Geschichte aufzugeben, enthält implizit die Meinung, dies sei eine Geschichte der Juden - also eine Geschichte der Opfer - Opfer ohne Täter. Geschichtsbilder, die die Täter auf einen verschwindend kleinen Anteil zu reduzieren versuchen, sie aus dem Kollektiv der Deutschen ausgrenzen, um die deutsche Beteiligung leugnen zu können, sind fester Bestand des Alltagsbewusstseins" (81). So resümiert er nach einem historischen psychosozialen Diskurs: "Damit haben wir wohl die wesentliche Grundlage für die intern verursachte Traumatisierung der nicht-jüdischen Deutschen aufgedeckt: die Versagung der - unbewussten - Sehnsüchte nach einem besseren Menschsein ... Im narzisstischen Sinn wurde hier versucht, das eigene Selbstwertgefühl durch die totale Entwertung anderer aufzuwerten. ... Die an Auschwitz gebundene Hoffnung auf die Befreiung von Ambivalenz und Auseinandersetzung mit sich selbst blieb eine Fiktion" (91). Auf diesen Analysen aufbauend kommt er zu der Feststellung, dass die kollektiven Erscheinungen in Deutschland auf drei Komplexen basieren, die in diesem Zusammenhang immer wieder so auftreten: - Das Fehlen von Scham- und Schuldgefühlen in Bezug auf das, wofür Auschwitz steht - Das Fehlen von Trauer um die Opfer der Vernichtung - Das Reklamieren der Opferposition durch die nichtjüdischen Deutschen (93). Zusammenfassend bleiben diese Analysen erschreckend, denn die nichtjüdischen Deutschen "erleben sich in mystifizierendem Sinne als Opfer eines schicksalhaften Geschehens" - und die Bemerkung "Auschwitz werde uns die Deutschen nie verzeihen" (94, Zwi Rix Tel Aviv 1974) ist leider ein doch sehr ernstzunehmendes Problem. Einen sehr entscheidenden Hinweis für Wege aus dem Dilemma bietet dann der letzte Satz des Aufsatzes: "Wenn der Mensch sich jedoch anmaßt, eine Welt zu erschaffen, in der das Böse eliminiert ist, dann errichtet er eine Welt des Schreckens, in der das Böse herrscht" (96). Das Leben ist eben nicht schwarz-weiß, sondern sehr viel schattierter - nur das zu akzeptieren, kann mancmal schwierig sein. Alexandra Rossberg stellt die Probleme der Identitätsfindung der Opfer in den Vordergrund ihrer Betrachtungen. Sie weist auch darauf hin, dass gesellschaftliche Anerkennung einen besonderen Stellenwert ISBN 3-631-37967-6, Frankfurt am Main, Peter Lang 2003 von Alexandra Rossberg, Johan Lansen Bedeutung des Erinnerns für das

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