Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 79 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 357)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 6) Öffentlickeit. In Reaktion auf Verdächtigungen wegen unrechtmäßiger Aneignung wählte die Library of Congress im Jahr 2002 den Weg der Aufklärung: Zum fünfzigjährigen Jahrestag der Bücherverteilung zeigte sie unter dem Titel "Brands Plucked from the Fire" eine Auswahl aus den 5.708 Bänden, die Hannah Arendt damals aus Wiesbaden nach Washington geschickt hatte. Die Diaspora des bibliographischen Erbes aus den Rabbinerseminaren und Synagogen des deutschen Judentums reicht, wie wir sahen, bis nach Mexiko. Vielleicht hatte das gelungene Großprojekt der spanischen Enciclopedia judaica castellana den damals 27.000 Juden jenes Landes ein plötzliches Prestige verliehen; jedenfalls erhielt der dortige Israelitische Zentralrat auf Antrag tausend Bände aus dem Wiesbadener Bücherlager. Doch die 1950 eingetroffene Büchersendung war fast durchweg deutsch- und hebräischsprachig von religiöser Thematik; und die jüdisch-mexikanische Gemeinde, in der die säkulare jiddische Kultur dominierte, hatte für sie kaum eine Verwendung. Nach zwei Jahren der Unschlüssigkeit eröffnete der Zentralrat mit den tausend Büchern eine "Biblioteca Judaica", die an sechs Stunden der Woche diese schwer verständlichen Schriften zur Lektüre und zur historischen Meditation anbot. Denn sie gehörte, so mahnte eine Tafel, zum geistigen Nachlass der jüdischen Märtyrer Europas und seien ein heiliges Denkmal zu ihrem Gedenken. Die bibliothekarische Gedenkstätte schloss nach fünf Jahren. Um sie nicht teilen zu müssen, übergab sie der Zentralrat der aschkenasischen Gemeinde in Mexiko- Stadt. Als im Jahr 1985 ein Erdbeben die Metropole verwüstete, stürzten auch Teile des sechsstöckigen Gemeindezentrums. Bücher fielen auf die Straße, und es heißt, dass die ersten Aufräumarbeiter mit hebräischen Papieren ihre Maisfladen aufbuken. Die meisten Bücher aber wurden gerettet, als Jahre später die a s c h ke n a s i s c h e Gemeinde ihr Forschungszentrum gründete. Die Direktorin Alicia Gojman schuf ein eigenes Reservemagazin für die hebräischen und deutschen Altbestände und beauftragte mit der Katalogisierung einen ehemals Duisburger Judaisten, Schreiber dieser Zeilen. Als ältestes Werk erwies sich eine 1568 in Venedig gedruckte Bibel, die Hitlersoldaten aus einer italienischen Privatsammlung raubten; als jüngstes ein 1940 in Litauen erschienenes Bändchen, das ein Abba Grayzel laut seiner handschriftlichen Notiz noch im Januar 1941 kaufte, wenige Monate vor den Massakern, denen er vermutlich zum Opfer fiel. Zwischen beiden Eckdaten liegen rabbinische Folianten aus den drei Rabbinerseminaren, deutsche Erstausgaben von Jost, Zunz, Sachs, Graetz oder Leo Baeck aus Gemeinde- und Schulbibliotheken zwischen Köln und Königsberg. Andere Bücher standen in einem kleinen Bet-Midrasch in Fulda, einem Talmudverein in Würzburg, im Bethaus der Friedhöfe von Breslau oder Hildesheim, im Jüdischen Kurhospital in Kolberg, Pommern, bei der Harmonie-Gesellschaft in Bad Buchau, der Zionistischen Ortsgruppe Wesel oder dem Wanderbund Blau-Weiß in Böhmisch-Budweis. Die erhaltenen Fragmente geben einen punktuellen Eindruck von der Verteilung der jüdisch-literarischen Gattungen auf unterschiedliche institutionelle und soziale Kontexte; so kommt aus der Gemeindebibliothek in Heidelberg eine Werkausgabe von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, aus dem "Jüdischen Akademischen Verein" hingegen eine solche des hebräischen Literaten David Frischmann. Eine englische Bibel hat Kurt Crohn, der letzte Leiter der Berliner Jüdischen Waisenhäuser, am 29. März 1940 der jungen Eva Schuster gewidmet, als Anerkennung "für gutes Verhalten und für gute Leistungen und zur Erinnerung an die Schulzeit im Waisenhaus Pankow". Crohn, der die ihm anvertrauten Kinder nicht verlassen wollte, wurde mit ihnen vier Jahre später in Auschwitz ermordet. Eingestempelt in die Bücher sind auch die Hakenkreuze der Plünderer, die Insignien des "Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg'', der antisemitischen Institute in München, Frankfurt und Berlin, sowie der kleine Stempel der Ghettobibliothek in Theresienstadt. Manche alte Drucke, die sich generationenlang in Familienbesitz befanden, eröffnen einen weiten Blick zurück in die Vormoderne, in die Zeit vor der Schaffung gemeindlicher Bibliotheken. David Lidas Pentateuchkommentar Ir David (Amsterdam 1719) war generationenlang in Familienbesitz in Stadtlohn, Westfalen. Der wegen seiner dämonologischen Exkurse berühmte Moraltraktat von Hisch Kaidanower, Kav ha-Jaschar (Jeßnitz 1725), wurde herabgeerbt in einer Lehrerdynastie in Burgsteinfurt, deren Epigone das Buch dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund schenkte. Ein Orach Chaim, gedruckt zu Berlin 1703, enthält die Unterschriften zeitgenössischer Berliner Rabbiner und Gemeindevorsteher und wurde schließlich, wie der Stempel Frey-Schule zeigt, der ersten aufklärerischen Schulbibliotek einverleibt. Ein Kodex des Zivilrechts, Choschen Mischpat, Frankfurt 1716, ging durch die Hände zweier Kasseler Hausväter an denLandesrabbiner Lazarus Adler, der seine Bücher bei seinem Tod 1886 dem Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau stiftete. So führt der Weg der gelehrten Folianten aus den häuslichen Studierkammern des achtzehnten Jahrhunderts in die Sammlungen der Gemeindeinstitutionen, Rabbiner und Bibliophilen des neunzehnten weiter zu den wissenschaftlich organisierten Bibliotheken, die im zwanzigsten die bibliographische Hinterlassenschaft der Vorfahren aufbewahrten. Deren Plünderung nach 1 938 kehrte den langen Sammlungsprozess um und mündete im Laufe weniger Jahre in eine extreme Zerstreuung. Mit dem Vorteil der Übersichtlichkeit vermittelt die kleine mexikanische Sammlung eine Vorstellung von den Zeugnissen deutsch-jüdischer Buchkultur, die in den Bibliotheken Israels und der USA in weit größerem Umfang versborgen, jedoch in deren heutigen Beständen auch schwerer auffindbar sein dürften. Die sich fortentwickelnden Mittel des weltweiten Informationsaustausches und das (wohl nicht von ungefähr) im gleichen Schritt wachsende Interesse an der Lesekultur der Vergangenheit könnten, ja sollten in unseren Tagen wieder einen gewissen Sammlungsprozess einleiten: Es wäre an der Zeit, in virtueller Form einige der aussagekräftigsten Dokumente aus dieser Diaspora der Bücher wieder zu vereinigen. (Kalonymos, 8. Jahrgang 2005, Heft 1)