Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 79 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 356)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Bücherbrief aus Mexiko Hannah Arendts Schatzkisten im Land der Azteken von Carsten Wilke Im Zentrum von Karlsruhe, im Hinterhaus seines Anwesens am Inneren Zirkel 13, schuf der Hof- und Milizfaktor Salomon Meyer Wesel (1693-1774) schon zu seinen Lebzeiten eine talmudische Studierstube. Hier wohnte ein unverheirateter Gelehrter inmitten des frugalen Hausrats, den die im Badischen Generallandesarchiv aufbewahrte Stiftungsurkunde von 1771 minuziös aufzählt. Sein einziger Auftrag bestand darin, mit Talmudschülern in den Büchern zu "lernen", die der vermögende Stifter dort aufgestellt hatte. Das Studierhaus bestand nur etwa fünfzig Jahre, doch die haben Geschichte gemacht. Zur Zeit der Rabbiner Tia Weil, Ascher Löw und Jakob Ettlinger war Karlsrufe die zweitgrößte rabbinische Studienstätte im Süden Deutschlands, nur von der legendären Fürther Jeschiwa übertroffen. Auch hebräische Bücher wurden damals in Karlsruhe gedruckt, zum Beispiel 1779 und 1782 die zweibändige Erstausgabe der "Honigwälder" (Je'arot Dwasch), Jonathan Eibeschütz' homiletischem Hauptwerk, das seither unzählige Male nachgedruckt worden ist. Schon eine Generation nach der Emanzipation war das Interesse am Talmud geschwunden. Die Baulichkeiten der Klause wurden 1825 verkauft, die Schauplätze des jüdischen Karlsruhe verwüstet in der Pogromnacht oder hinweggerafft von den Bomben des Krieges. Das Faktum einer scheinbar restlosen Zerstörung verleiht den geringfügigen materiellen Relikten des alten jüdischen Studienlebens, die sich trotz allem auf verschlungenen Wegen erhalten haben, einen eigentümlichen Wert. Unverhofft tauchte vor zwei Jahren das verschollen geglaubte hebräische Tagebuch Elias Willstätters auf, des letzten Karlsruher Stiftsgelehrten: Seine Besitzer in den USA hatten es dem Jüdischen Museum Berlin geschenkt. Und mit nachdenklicher Verwunderung nimmt man an einem noch entfernteren Ort, der Synagoge der Aschkenasischen Gemeinde von Mexiko- Stadt, sechs Bücher zur Hand, die vor zweihundert Jahren in Salomon Wesels Lernklause standen. Das älteste der sechs, ein großformatiger Schulchan Aruch der Ausgabe Fürth 1692, bewahrt seinen originalen, reich dekorierten Ledereinband, auf dessen Innenseite man in winzigen hebräischen Lettern eine eigenhändige Notiz Salomon Wesels entdeckt. Aus derselben Sammlung, die später die Bibliothek der Karlsruher jüdischen Gemeinde aufbewahrte, stammt auch ein restaurationsbedürftiger Foliant derTurim aus Frankfurt, 1713, ein weiterer Schulchan Aruch aus Fürth, 1764, und, durch seltsame Fügung zusammengeblieben, die beiden Bände der Karlsruher Eibeschütz-Erstausgabe. Interessante Besitzervermerke in hebräischer Sprache entält ein moralisierendes, populärkabbalistisches Werk des Elias von Smyrna, Schevet Mussar, die "Zuchtrute", gedruckt 1732 in Amsterdam. "Ich, der bescheidene Moses Wallich aus Koblenz, habe dies mit meinem Gelde zur Ehre meines Herrn und Schöpfers erworben", schreibt der erste Besitzer. Dessen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit (chassidut) rühmt sodann ein Salman Dispeck in Leimen, Leinungen oder einem ähnlich anlautenden Ort, dessen Name nach der ersten Silbe abgerissen ist. Jener Moses Wallich, soviel ist sicher, war ein Sohn des bekannten Koblenzer Arztes und Landesrabbiners Emanuel Wallich und mütterlicherseits ein Neffe unseres Salomon Wesel, in dessen Haus er lehrte; er starb 1769 in seiner Geburtsstadt. Sein eigener Sohn, der Arzt Emanuel, sollte 1783 als erster Jude die Jenaer K Doktorwürde erlangen. Unter der Inschrirft des Koblenzers erscheint die Signatur des Karlsruher Onkels, des Milizfaktors. Dieser erbte die asketischen Lebensregeln des türkischen Mystikers und ließ das Buch, wie es scheint, auch neu einbinden: Hinter dem Pergamenteinband klebt ein gedrucktes Formular für die Soldzahlung eines Bataillons, inklusive "Pferd-Fouragen" und "Medaillen-Zulagen" - Makulatur vom Schreibtisch des Hofjuden. Wie kam dieses Bücherbord aus Karlsruhe nach Mexiko? 1945 fanden die alliierten Armeen in Deutschland große Depots aus geplünderten jüdischen Bibliotheken, welche zum Teil im Gefolge der Pogromnacht von 1938 im ganzen Reich beschlagnahmt, zum Teil im Rahmen der von Alfred Rosenberg organisierten Beutezüge aus dem besetzten Europa zum Gebrauch antisemitischer Forschungsinstitute nach Deutschland geschafft worden waren. Nachdem die Bücher im Archivdepot der US-Armee in Offenbach gesammelt und größtenteils an ihre Vorkriegsbesitzer zurückgeführt worden waren, verblieben eine halbe Million Bände zumeist aus vernichteten deutsch-jüdischen Institutionen. Aufgehäuft im Landesmuseum Wiesbaden, wurden diese 1949-1952 verteilt durch eine vom Jüdischen Weltkongress gegründeten Treuhandgesellschaft, die Jewish Cultural Reconstruction, deren Präsidenten Salo W. Baron und Gershom Scholem waren. Als “executive secretary” der Gesellschaft wurde Hannah Arendt nach Wiesbaden entsandt - ein Aufenthalt, der heute allenfalls wegen ihres erneuten Zusammentreffens mit Martin Heidegger bekannt ist. Auf Entscheidung von Baron, Scholem und Arendt ging die Mehrzahl der Bücher nach Israel, dessen Nationalbibliothek damals als unzugängliche Enklave auf jordanischem Gebiet verblieben war und nur durch ein Wunder die Beschießung im Unabhängigkeitskrieg überdauerte. Ein anderer Teil des Wiesbadener Bücherlagers wurde unter 48 jüdische und akademische Bibliotheken der USA verteilt. Die verbleibenden fünfzehn Prozent erhielten jüdische Institutionen in Europa, Kanada, Lateinamerika, Südafrika und Australien. Die Büchersendungen sortierte man in die Magazine ein und vergaß sie dann zumeist. Erst die Berichte von Bill Clintons "US Commission on Holocaust Assets" brachten vor fünf Jahren die "Holocaust books" ins Gespräch einer schlecht informierten vrtsetzung auf Seite aafisasamflaas