Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 78 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Die Calimaitf'Familie in Venedig von Rafael Arnold Als Anfang des 16. Jahrhunderts die Republik Venedig im Verlauf des Krieges gegen die Liga von Cambrai fast alle Städte auf dem Festland verlor, ließen sich zahlreiche Flüchtlinge in der Lagunenstadt nieder. Auch die Familie des aus Treviso stammenden Bankiers Calimano war darunter. Zeitgenössische Dokumente bezeichnen ihn als "homo bono et honesto amico dei Trevigiani". Seither ist dieser Name, dessen Varianten von Calonymos und Colonimos über die latinisierte Form Calimani, Kalimano (venezianisch: Caliman) bis zu Kalman reichen, nicht mehr aus der jüdischen Gemeinde Venedigs wegzudenken. Einige Träger dieses Namens brachten es in der Vergangenheit zu einiger Bekanntheit, ja Berühmheit. So zog der in Neapel geborene Arzt Kalonymus Ben Judah zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Venedig, wo er sich als Übersetzer einen Namen machte. 1527 erschien dort unter dem Titel "Destructio" seine lateinische Übertragung von Ghazalis "Tahafut al-Falasifah" nach einer hebräischen Version. Ebenfalls aus dem Hebräischen übersetzte er Averroes Traktat über den Verstand unter dem Titel "De Conversione intellectus" und außerdem ein astronomisches Werk, das 1531 in Venedig erschien. Er übersetzte auch aus dem Lateinischen ins Hebräische und schrieb ein Traktat über die Akzente im Hebräischen, das als Ergänzung zu Abraham Balmes' Grammatik gedacht war und 1523 in Venedig erschien. Zur gleichen Zeit lebte dort ein Arzt und Übersetzer mit dem Namn Calo Calonimos ben (David?), dessen Identität bisher nicht hinreichend gekärt ist. In der zweiten Hälfte des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wirkte in Venedig ein gewisser Baruch Calimani, der das Werk seines Lehrers Eliezer Aschkenasi "Ma'ase Adonai" (Venedig 1583) und Moses Laschechs "Torat Mosche" (Venedig 1601) herausgab, zu denen er jeweils Vorworte verfasste. Das 18. Jahrhundert brachte gleich zwei bekannte Vertreter jüdischer Gelehrsamkeit dieses Namens hervor: Den 1704 in Venedig geb orenen Talmudisten Joschua Abraham Ben Simcha Calamani, der ein außerordentlich frühreifer, aufgeweckter Junge gewesen sein muss, denn das einzige von ihm überlieferte Werk, verfasste er bereits mit dreizehn Jahren. Es trägt den aramäischen Titel "Mile bedichuta ('Worte der Vergnügung') und bringtr Parodien auf Sprache und Stil des Talmud. Er schrieb es für das Chanukka Fest 1717. Und schließlich den berühmtesten Calimani Venedigs: Simcha (Simone) ben Abraham (geb. 1699, verstarb am 2. August 1784), der ein gewandter Schreiber, Linguist, Dichter, Redner und ebenfalls Talmudist war. Außerdem war er als Korrektor am jüdischen Buchdruck der Lagunenstadt beteiligt. Wahrscheinlich entstammte er einer zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingewanderten aschkenasischen Familie. In Zusammenarbeit mit Jakob (Giacobbe) Saraval veröffentlichte er 1729 eine Übersetzung des Traktats "Pirke Abot" ("Sprüche der Väter") unter dem Titel "II Rabbino Morale - Toscano", die mehrfach nachgedruckt wurde und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die einzige Übersetzung ins Italienische war. Auch schrieb er eine hebräische Grammatik, die 1739 als Anhang einer Bibel gedruckt wurde, und von der er eine italienische Übersetzung anfertigte, die 1751 in Venedig erschien. Von besonderer literarischer Bedeutung ist aber sein Werk "Kol Simcha" ("Stimme der Freude"), ein allegorisches Drama, dessen Helden die Weisheit, die Eifersucht und die Torheit sind (Venedig 1758) und mehrere Elegien. Ein begonnenes hebräisch-italienisches Wörterbuch blieb unvollendet. Während man in Bezug auf Leben und Wirken der gennanten Personen über Informationen aus unterschiedlichen Quellen verfügt, lässt sich über die übrigen Angehörigen der Familie nur wenig berichten. Die Grabinschriften des Beth Hajim auf dem venezianischen Lido, gleichsam ein steinernes Archiv, stellen da eine wichtige Informationsquelle dar, obwohl auch sie meist nur karge Auskunft geben. Aus dem 16. Jahrhundert sind dort Inschriften zu zehn Personen dieses Namens erhalten und z.T. erst in letzter Zeit bei Restaurierungsarbeiten wieder ans Licht gekommen. Für das 17. Jahrhundert sind es sogar 23 an der Zahl. Häufig nennen die Steine nur den Namen und das Sterbedatum. In manchen Fällen hingegen sprechen die Steine zu uns oder deuten mit ihren lapidaren Inschriften etwas von den - oft traurigen - Schicksalen der Verstorbenen an. So erfahren wir beispielsweise, dass Ester Calimani, die Ehefrau des Rabbiners Abraham, 1633 das Kindbett nicht überlebte. Ihr Sohn Jehiel (oder Mikiel) konnte den Vater nicht lange über den Verlust hinwegtrösten: Nur drei Jahre später verstarb auch der Junge. Überhaupt war die Kindersterblichkeit gravierend. Ein Avrahem Calimani starb im zarten Alter von 3 Jahren (1610), ein Saul im Alter von 10 Jahren (1609) an Epilepsie ("mal caduco"). Das Mädchen Channah sechzehnjährig (1631) und Sorlina (oder Sorellina) verstarb gerade mal 14 Jahre alt (1685). Die Inschriften nennen daneben Ärzte, Rabbiner, Gemeindevorsteher (die Brüder Menasche (oder Nasiben), Abraham und Baruch seit 1595); auch ein Musiker ist darunter: Jizchak Calimani, der als offizieller Schofarbläser in der Synagoge tätig war und 1669 starb. Der Name Calimani ist in Venedig indes keineswegs erloschen. Auch heute leben Personen hier, die diesen Namen tragen. Darunter Riccardo Calimani, der im Jahre 1984 den "Dialog über das Judentum" des oben erwähnten Rabbiners Simone Calimani herausgab. Seine "Storia del ghetto de Venezia", in der er die Geschichte der venezianischen Juden von den Anfängen über die Einrichtung des Ghettos1516 bis in die Gegenwart darstellt, erschien 1985 und wurde unter dem Titel "Die Kaufleute von Venedig" 1988 ins Deutsche übersetzt. Den Lehrstuhl für englische Literatur an der venezianischen Universita Ca' Foscari hat Dario Calimani inne. Neben Publikationen zu seinem Fachgebiet veröffentlicht er auch zu jüdischen Themen. Im Vorstand der jüdischen Gemeinde tätig, führt er so die schon viele Generationen andauernde Tradition der Calimani weiter. Kalonymos, Heft 2, 2004