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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1962-01-01 · No. 6-7 (1962) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1962
Issue
No. 6-7 (1962)
Date
1962-01-01
Page
Seite 14 (sequence 3175)
Language
German
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BERTHA BADT-STRAUSS EINE BLINDE (AUS: „BRESLAUER PROFILE") ‘‘Und. doch, mir ist: als ob nach einem Uebergang Sie nicht mehr gehen würde, sondern... fliegen”. (Rilke, An eine Blinde) „Wenn Ihr sonst niemanden hättet als Eure Blinde und Euer Buckelchen... auch dann müsstet Ihr Gott schon auf den Knieen danken”, so sagte vor etlichen Jahrzehnten eine junge Engländerin, die von ihren Eltern nach Breslau geschickt worden war, um sich in dieser Stadt, wo die Leute zwar nicht übermässig viel Geld, aber desto mehr BUdung hatten, wie man ihr erzählt hatte, „höhere Kultur” anzueignen. Das Buckelchen... nun das war, wie allgemein bekannt, der ebenso witzige wie gelehrte Orientalist der Breslauer Universität Professor Sigmund Fraenkel, der . im Äusseren etwa dem Philosophen Moses Mendelssohn glich, welcher einst in Friedrichs des Grossen Zeiten die Geister von Berlin bezauberte. Aber die Blinde war... Luise Freyhan (1878-1932), die am Ende des 19. Jahrhunderts wohl eines der geistigen Zentren des gebildeten Breslau verkörperte. Da war keine „höhere Tochter”, die nach Absolvierung der höheren Mädchen-Schule, etwa der Augusta oder der Viktoria-Schule, für vollkommen ausgebildet galt, wenn sie nicht ausserdem noch ein bis zwei Jahre an den Privat-Kursen von ,.Fräulein Lieschen” teilgenommen hatte, sich in Literatur und Philosophie weiter ausgebildet ... und dabei Denken gelernt hatte. Ein jedes Kind in Breslau kannte die hochgewachsene Gestalt der schlanken Frau im schwarzen Kleide, die mit raschen, energischen Schritten durch die Strassen Breslaus streifte. Ihre Augen waren niedergeschlagen, aber ihr Schritt war so rasch, dass sie manchmal die kleinere Begleiterin mit sich zog, sodass man oft nicht wusste, wer führte und wer geführt werden musste. Luise Freyhan war nicht immer blind gewesen. Manche Freunde erinnerten sich noch lebhaft des jungen schlanken Mädchens, das mit hellen Augen in die Welt blickte und mit vollgepackten Marktkörben am Arm ihrer früh verwitweten Mutter zur Hand ging. Das hochbegabte Kind war eine Vorzugs-Schülerin der Gleimschen Mädchen-Schule und der erklärte Liebling des alten Direktors Gleim. Später bestand sie mit Glanz ihr Lehrerinnen-Examen — das war ja fast der einzige Beruf der Töchtern der gebildeten Häuser damals offen stand. In diesen frühen Jahren war das Freyhansche Haus fast ein Mittelpunkt der Breslauer Geselligkeit. Die gastliche, feinsinnige Mutter brachte es zuwege, dass man in Breslau sagte: Ein Butterbrot bei Freyhans — das schmeckt besser als ein Gänsebraten anderswo. Und Luise selbst war nicht etwa sentimental schwärmerisch wie damals viele ihrer Genossinnen, sondern mit raschem Witz und einem echt „schläschen” Humor begabt, sodass sie bald der Mittelpunkt eines geselligen Kreises wurde. Zumal die jungen Theologen und angehenden Rabbiner, die zu jener Zeit in das schlichte Haus in der Wall-Strasse strömten, um dort in dem weitberühmten Fraenkelschen Seminar zu studieren, wussten die Gastlichkeit des Freyhanschen Hauses zu schätzen. Aber nicht lange dauerte die frohe Zeit. Früh starb der Vater; und Luise selbst wurde krank. Man sagte sie habe sich mit Spitzen- Arbeiten, wie sie damals beliebt waren, die 14 Augen verdorben; viel wahrscheinlicher ist, dass eine in ihrer Familie schon vorhandene Neigung zu Augenkrankheiten durch die feinen Arbeiten noch verstärkt wurde. Nichts wurde unterlassen, um das junge Mädchen zu heilen. Vom besten Augenarzt der Stadt wurde sie operiert. Aber bald erfuhren die Freunde, dass die Operation erfolglos geblieben war: völlige Blindheit trat ein. Es ist bezeichnend für dies tapfere Leben, dass Luise Freyhan später den Tag ihrer Operation feierte. „Er raubte mir das Augenlicht”, sagte sie, „aber er brachte mir dafür meine Freunde, die stets bereit waren, mich mit der Kraft ihrer Augen zu unterstützen, wenn ich sie brauchte”. Zunächst aber ging die Blinde selbst an die Arbeit, um sich einen Zugang zur Welt zu schaffen. Sie liess sich von einem Tischler ein einfaches Holzgestell machen. Nun legte sie den Briefbogen unter das Gestell, so dass die einzelnen Zeüen sich reliefartig abhoben — so war sie fähig, ihren Freunden Leserbriefe zu schreiben. Gewiss, damals war die segensreiche Einrichtung der „Sprechenden Bücher” noch unbekannt, die es auch dem Blinden ermöglichen, an dem kulturellen Lefben seiner Zeit teilzunehmen. Aber dafür richteten nun die vielen Freunde und dankbaren Schülerinnen Luise Freyhans einen festen, zu bestimmten Stunden bei ihr erscheinenden Turnus ein, der es übernahm, der Blinden die Wichtigsten Neuerscheinungen der Bücherwelt zugänglich zu machen. Männer und Frauen wechselten sich in diesem Liebesdienste ab. Meine eigene Mutter gehörte zu diesem Kreise; oft hat sie mir erzählt, dass sie sich noch heute des ersten Buches erinnerte, das sie der Blinden habe vorlesen dürfen: es war Mignet’s Geschichte der Französischen Revolution. Und genau wusste sie noch, wieviel sie selbst durch die Fragen und Bemerkungen der Blinden dabei gelernt habe. Auch auf eine Tätigkeit im Haushalte wollte Luise nicht allzurasch verzichten. Wenn sie an den Geburtstagen der Kinder zu uns kam, dann war es ihr höchstes Vergnügen, den Geburtstags-Kuchen selbst zu backen. Dabei durfte ihr keiner helfen; da sie genau in unserer kleinen Küche Bescheid wusste, ist ihr auch niemals ein Unglück dabei passiert — und die Blinde war beglückt. Nur auf Eines wollte sie in ihrem Unglück freiwillig verzichten. Als sie erblindete, war sie heimlich schon verlobt mit Einern jungen Theologie-Studenten, der nachher ein weit berühmter Rabbiner geworden ist. Als sie die Schreckens-Nachricht vom Misslingen der Operation erhielt, gab ihm Luise sein Wort zurück und bestimmte ihn später, sich ihrer Schwester Anna zu nähern, mit der sich der junge Mann nach geraumer Zeit verlobte und vermählte. Noch heute erinnre ich mich ihrer bildschönen, schlanken Nichte Trudel, wie sie am Versöhnungstage die geliebte „Tante Lisel” in die Synagoge begleitete. Uns Kindern fiel dann die Ehrenpflicht zu, so viel wir konnten, der Blinden die Gebete flüsternd vorzulesen, was manchmal eine Art heilsamen Zwanges auf uns ausübte, wenn wir über dem Sidur ins Träumen verfallen wollten. So verlief das Leben dieser aussergewöhn- (lichen Frau, „still und bewegt”, wie einst Rahel 'Levin von dem ihrigen sagte. Noch immer war ' ihr bescheidenes Haus ein geistiger Mittelpunkt des jüdischen und christlichen Breslau. Wer etwas auf dem Herzen hatte, der kam zu ihr, und die Blinde wusste manchen guten Rat, um den sich die Sehenden umsonst bemüht hatten. In vielen Herzens-Angelegenheiten war sie die einzige Vertraute des heimlichen Liebespaares ... Und dann kam das Alter mit seinen Gebrechen, die auch sie nicht verschonten. Immer aber blieb der Eindruck, den Jahrzeitstiftnngen und Eintragungen IN UNSER „GOLDENES BUCH" ERFOLGTEN SEIT ERSCHEINEN UNSERER LETZTEN MITTEILUNGEN AUF DEN NAMEN VON: Rabbiner Dr. John (Jona) Cohn geb. 1859 in Altona als Sohn des Raws and Dajans an der sephardischen Gemeinde in Altona Benjamin Cohn. Er besuchte das Gymnasium in Hamburg-Altona, nach dem Abitur das Hildesheimer-Rabbiner-Seminar in Berlin und studierte gleichzeitig an der Berliner Universität, an der er zum Dr. phil. promovierte. Seine erste Berufung erfolgte an die Gemeinde Wreschen im Jahre 1885, an der er bis zum Jahre 1894 als Rabbiner amtierte. Von dort aus berief in die Gemeinde Rawitsch zu ihrem Rabbiner, wo er bis zur Auflösung der Gemeinde nach dem ersten Weltkrieg, als die Provinz Posen an Polen abgetreten werden musste, segensreich wirkte. Im Jahre 1922 wurde er Dayan der Synagogengemeinde Breslau und übte diese Tätigkeit bis zu seinem am 7. Schwat 5694 (1934) in Breslau erfolgten Ableben aus. Jenny Cohn geb. Goldstein, Tochter von Samuel (Schmuei) Goldstein aus Beuthen O/S. starb am 9. Aw 5662 (1902). Die Eintragung erfolgte durch ihre Tochter Frau Recha Fink — Tel-Aviv. Richard Lewin (Breslau—Jerusalem) gest. am (1962) 3"3^n po '3 Mitbegründer des Breslauer Esra und Lehrer an der Jüdischen Schule zu Breslau, der in Jerusalem verschied. Eingetragen durch Mirjam Lewin — Jerusalem. Simon Weissmann gest. am D"2nn piPn 13 (1938) in Breslau. Lina Weissmann gest. am X'wn piz?n .’ (1940) in Breslau, eingetragen von ihrer Tochter Frieda Weissmann — Jerusalem. Therese Zuckermann geb. Freyhan Breslau—London gest. am 29. Siwan 5720 (1960) in London Eingetragen durch irhen Bruder Dr. Wilhelm Freyhan. Ludwig Marcovicz gest. am 6. kislew 5723 (6.12.1962). Eingetragen durch ihren Bruder Dr. Wilhelm Eingetragen von der O.G. Haifa des Verbandes ehemaliger Breslauer. Alle in unser „Goldenes Buch" eingetragenen Jahrzeiten werden würdig begangen. In der Synagoge „Ichud Schiwat Zion” wird eine Jahr zeitslampe jeweils entzündet u. der Vorsitzende des Verbandes sagt beim Morgen- und Abendg’ttesdients das Kaddischgebet. Wir glauben, dass durch diese Jahrzeitstiftungen und deren Eintragung in das „Goldene Buch” des Verbandes ein würdiges Gedenken unseren teuren Verstorbenen für alle Zeiten bewahrt wird. Wir dienen mit dieser Einrichtung den Lebenden, welchen die Stiftungsgelder zu Gute kommen, während wir nicht wissen, ob die etwa für die sogenannte Grabpflege nach Polen überwiesenen Beträge dem gedachten Zweck dienen. Und wie viele unserer teuren Verblichenen wurden ermordet und vergast? Ist ihr Andenken durch die Eintragung in unser Goldenes Buch nicht würdig gewahrt? der Besucher von der schlichten, immer noch hohen Gestalt im schwarzen Kleide mit dem weissen Haar erhielt, der gleiche: Hier ist ein Menscb „der seinem Schicksal gewachsen ist”.

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