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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1962-01-01 · No. 6-7 (1962) · p. Seite 13

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1962
Issue
No. 6-7 (1962)
Date
1962-01-01
Page
Seite 13 (sequence 3174)
Language
German
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Eindrücke aus Israel Vortrag im Südwestdeutschen Rundfunk von Staatssekretär Dr. Nahm Als ich Ende Oktober Israel betrat, befiel mich Beklommenheit, obwohl ich als Rheinhesse mit Juden aufgewachsen bin und nach 1945 mit Bürgern Israels in freundschaftlichen Kontakt gekommen war. Die Beklemmung hat mich während meines Aufenthaltes nicht verlassen. Denn das, was wir für Vergangenheit halten, ist für viele Juden noch heute eine das Herz peinigende Gegenwart. Sie reden zwar nicht davon, aber ich fühlte das. Ich hatte gehört, dass in Tel Aviv ein Verein ehemaliger Breslauer besteht. Ein Verein, der ein Altersheim unterhält und eine Zeitschrift mit Heimaterinnerungen herausgibt. Gepackt von so viel Gedenken an die Heimat, suchte ich briefliche Verbindung und fand sie auch. Aus dem Briefwechsel wurde eine Einladung, der die Reise folgte. Es läge nahe, mit der landwirtschaftlichen und industriellen Aufbauleistung zu beginnen. Diese ist sicher imponierend; aber sie war nur möglich durch eine heroische geistige und gesellschaftliche Haltung. Dieser gebührt also der Vorrang. Es fiel mir bald auf, dass die Israelis kaum in der Ichform denken und sprechen, die wir uns angewöhnt haben. Sie denken und sprechen in der Wirform. Dennoch sind sie Individualisten, die sich freiwillig und unter Wahrung und Achtung ihrer Persönlichkeitsrechte in Reih und Glied gestellt haben. Es gibt eben keine geistige Uniformität, aber eine belastungsfähige Solidarität, die z.B. fähig war, 217 landwirtschaftliche Siedlungen wie den Kibbutz hervorzubringen. Ein Kibbutz ist Gemeinschaft von 30—100 und mehr Männern und Frauen verschiedener sozialer Herkunft, die ein grosses Stück Land dem Sumpf, der Öde oder Wüste entreissen, in Äcker und Obstkulturen verwandeln, bewirtschaften und über viele Jahre in der gemeinsamen Arbeit durchhalten. Denn alle arbeiten ohne Entgelt. Ihr Lohn ist der Dienst an Land und Volk. Ich habe einen Kibbutz besichtigt. Ich sass im gemeinsamen Speisesaal, wo es gerade Frikadellen, Kartoffelbrei, Bohnen und Trauben gab; allesamt eigene Erzeugnisse. Ich lernte die sorgfältig bestellten Felder und Plantagen sowie die moderne Viehwirtschaft kennen : 80 Kühe samt Freiställen, Melk- und Milchverwertungsanlagen. Daneben eine Geflügelfarm mit 80.000 Hühnern. Ich war in den Kindergärten für Säuglinge und grössere Kinder, in Schule, Freibad und Sanitätsstation, auf dem Sportplatz, in den Werkstätten, Scheunen und an den Silos. Ich ging durch das Favülondorf. Allenthalben Rasen, Blumen und Bäume. Aber deutlicher als all das Äusserliche sprachen die Augen dieser stillen, ausgefüllten und glücklichen Menscen. Alle Mitglieder des Kibbutz legen jährlich den Bebauungsplan fest; sie bestimmen die Arbeitseinteilung und die Verwertung des Gewinns, der für die Erweiterung der Fläche oder für die Verbesserung der maschinellen Einrichtung und der Gemeinschaftsanlagen ausgeworfen wird. Sage mir keiner, vom Kibbutz zum Kommunismus fehle nur noch ein Schritt. Ein solches Urteil ginge von der Oberfläche aus und wäre im wahren Sinne des Wortes oberflächlich. Eher lassen sich Kibbutze mit Klöstern vergleichen, welche die grossen Rodungs- und Kultivierungsaufgaben des Mittelalters mit selbstloser Gemeinschaftsarbeit bewältigt haben. Auch die Mitglieder der Orden arbeiteten nicht aus Zwang, sondern weil sie von einer Idee durchdrungen waren. Auf die Idee kommt es an, auf die freiwillige Hingabe an sie und die übernommene Aufgabe, übrigens: Klöster waren nie die Norm der mittelalterlichen Wirtschaft, sondern Ausnahmen. Auch Kibbutze sind nicht die Norm. Die Wirtschaft Israels steht im Zeichen des Privateigentums und des individuellen Nutzens. In einer Weinkellerei begegnete ich einem jüngeren Mann aus Osteuropa, der in Israel geheiratet und von seiner aus dem Maingebiet stammenden Frau ganz ausgezeichnet Frankfurterisch gelernt hatte. Die Landessprache aber ist hebräisch. Jeder Bürger muss hebräisch beherrschen. Das war für viele schwer. Stellen wir uns vergleichsweise vor, ein Vereintes Europa wollte Latein als Gemeinschaftssprache einführen. Hebräisch war vor einigen Jahrzehnten zumal in Westeuropa nur noch kultisch im Gebrauch. Es handelte sich also wie bei Griechisch oder Latein um eine sogenannte tote Sprache. Erstaunlich, dass sie den Anschluss an unsere Zeit mit ihren Ausdrucksformen und neuen Wortbildungen gefunden hat, ja sogar eine eigenwillige Literatur ins Leben rufen konnte, neben der sich eine ausdruckskräftige Plastik und eine viele Stilelemente pflegende Ton- und Tanzkunst entwickelt hat. Die Einwohnerschaft Israels stammt nicht aus kulturell und zivilisatorisch einheitlichem Kulturkreis. Aus Europa, Nordafrika und Südasien sind die Israelis gekommen, also aus mindestens drei grossen Bereichen, die ihre Spuren in jeden geprägt haben. Daraus ergeben sich Spannungen, über die offen gesprochen wird. Juden aus Deutschland, dem Balkan, Polen und Frankreich — aus Marokko und Algier, aus dem Jemen usw. leben zusammen. Sie überwinden die Unterscheidungen im Bewusstsein einer fest gegründeten geschichtlichen und volklichen Zusammengehörigkeit. Diese ist trotz der Wegführung nach Babylon, trotz der Dezimierung und Zerstreuung durch die Römer und trotz vielhundertjähriger Diaspora unter Moslems, Christen und Heiden nicht untergegangen. Allerdings wird auch in Israel die Bewährungsprobe für den in Aufbau und Not bewiesenen Gemeinschaftsgeist erst kommen, wenn eine gewisse wirtschaftliche Sättigung erreicht ist. Es gibt bereits Andeutungen für die Allgemeingültigkeit dieses soziologischen Gesetzes, das in Deutschland schon einige Male unser Schicksal bestimmt hat. In einer Taxe von Haifa nach dem See Genezareth stellte sich der Fahrer vor: „Ich heisse Israel und stamme aus Czemowitz Stolz hatte er das gesagt. Der Name Israel, einst den im deutschen Bereich lebenden Juden diskriminierend aufgenötigt, ist heute ein Ehrenname! Und wer sass noch im Taxi? Eine in Hannover geborene, als Kind mit den Eltern nach Australien ausgewanderte junge Frau, ein Mann aus Russland, einer aus Polen, einer aus Breslau und einer aus Debrezin in Ungarn — und darunter sass ich! In 5 Schicksalen mit der furchtbaren Vergangenheit konfrontiert, hätte ich erwarten können, einer Mauer eisigen Schweigens gegenübersitzen zu müssen, sobald ich mich vorstellte. Nichts davon. Die Unterhaltung wurde sogar lebhafter. Es ging aber fast leidenschaftlich zu, als das Autoradio die Zuspitzung der Kubakrise meldete. Alle wünschten, dass die Amerikaner fest bleiben. Niemals wieder ein zweites München; kein Zurückweichen wie 1938! Als ich eines Abends mit älteren, aus Deutschland stammenden Juden zusammensass, kam infolge einer uns nicht mehr geläufigen Höflichkeit das Gespräch zunächst über Gemeinplätze nicht hinweg. Ich wagte es schliesslich, die Rede auf Deutschland zu bringen. Dann aber kamen die Fragen: Wie konnte es eigentlich geschehen, dass 1933 Anständigkeit und Biederkeit einfach kapitulierten? Gibt es noch viele Nazis in Deutschland? Warum werden die Mitglieder der Vernichtungskommandos erst jetzt festgenommen? Wie war das mit Frenkel möglich? Sind die Vertriebenen aus Breslau räumlich zusammengeblieben? Denkt man noch heute an uns in Deutschland? Diese letzte Frage ist an jeden Bewohner der Bundesrepublik gerichtet: „Denkt man noch an uns in Deutschland?” Ich will sie etwas deutlicher machen: Vermissen wir die Juden eigentlich, die einst deutsche Bürger waren und mitten unter uns gelebt haben? Wäre ich ihrer sicher gewesen: wie gern hätte ich eine positive Antwort gegeben. Sie hätte Trost und Genugtuung vermitteln können. Ich muss auch die Schatten erwähnen, die über das eine oder andere Gesicht fielen, als meine Herkunft bekannt wurde. Gerade bei der Jugend gibt es Gruppen, die in der Schuldfrage ebenso kollektiv zu denken versucht sind wie die Verfolger kollektiv gehandelt haben. Sie sind jedoch die Ausnahmen. Israel gibt Anlass, die auch unter Gutwilligen verbreitete Vorstellung zu revidieren, die Juden seien zum Arbeiter, Bauern oder Handwerker nicht geeignet. Wie kam es eigentlich, dass wir unsere jüdischen Mitbürger in diesen Berufen nicht kennengelemt haben? Durch Jahrhunderte waren sie durch Land- und Stadtrechte vom Erwerb landwirtschaftlicher Flächen ausgeschlossen; das Handwerk war ihnen ausserhalb der Ghettos bis ins vorige Jahrhundert durch die Innungen versperrt. Der Aufbau Israels bietet jedoch den Beweis, mit welchem Eifer und Können Juden Urbarmacher, Bauern, Handwerker und Arbeiter aller Sparten einer modernen Industrie sind. Deutsche Akademiker mauerten, siedelten, wurden Arbeiter. Ich begegnete einem Bautrupp, der Zementröhren von 2,70 m Durchmesser, die Wasser vom See Genezareth nach der Wüste Negev bringen sollen, in Fels und Boden verlegte. Ein ehemaliger Rechtsanwalt hatte den Bohrhammer zu führen. In einem Kibbutz besorgte die Witwe einer angesehenen Mannheimer Familie die Gemeinschaftsküche. Sie besass — übrigens wie viele der Kibbutzmitglieder — eine anspruchsvolle Bibliothek. Und was ist geschaffen worden? Seit 1949 wurden 60 Millionen Bäume gepflanzt. Es gibt nicht nur wieder grüne Täler, sondern auch grüne Berge. Pinienwälder im Norden. Im Süden säumen Eukalyptusbäume Strassen und Grenzen wie in Norddeutschland die Birken. Vor drei Jahrzehnten noch war die Orange nur spärlich vertreten. In diesem Jahr wird Israel 10 Millionen Steigen erstklassiger Orangen exportieren. Bananen, Baumwollpflanzen u. Wein zeichnen weite Strecken. Zwischen Haifa und Tel-Aviv durchfuhr ich den Dünen abgerungene Landstriche und bewaldete Berghänge, die ohne viel Phantasie mit der Landschaft zwiscen Karlsruhe und Freiburg verglichen werden können. Dort fielen mir auch lichtblaue Kästen auf, die in Gruppen längs des Weges standen. Bienenstöcke! Bienen! Wird Palästina wieder das Land, das von Milch und Honig fliesst? Vielleicht! Aber nichts wurde und wird den Israelis geschenkt. Intelligenz, Gemeischaftssinn, Opfermut und zäher Fleiss verwandeln das Land. Alle diese Eigenschaften werden aber auch fernerhin notwendig sein, das Erreichte auszubauen und zu erhalten. 13

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