Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1962
- Issue
- No. 6-7 (1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3172)
- Language
- German
- Belongs to
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ERNST SIMON, Professor an der Hebr. Universität in Jerusalem Gemeinschaft und Wohlfahrtspflege in Israel Der Begriff der Wohltätigkeit, der Zedaka, ist im Midrasch Bereschith Rabba (43,4) in charakteristischer Form gekennzeichnet als ein Gebot der Gemeinschaft Israels. Es heisst dort: Dtt :n-iöiKi nmix nrpn nptx„ "■mix •>» px »amnx px „Die Zedaka schrie und sagte: Wenn Abraham nicht da ist, gibt es niemanden, der mich tut.” In diesem Satze zeigt sich die Erkenntnis, dass zwar ohne den Menschen überhaupt und den jüdischen Menschen im besonderen nichts Gutes geschehen kann, aber zugleich geht er von der Vorstellung aus, dass die Zedaka gleichsam vor dem Menschen da war und sich in dem Manne Abraham und seinem Volke einen Träger suchte. Die Zedaka geht somit der Geschichte des Menschen voraus, indem sie sie als eine seiner würdige gleichsam erst ermöglicht. Abraham war der erste, der durch die Gewährung von Nahrung und Nachtlager an die ihm unbekannten Gäste diese Zedaka geübt hat. Hier zeigt sich die älteste Vorstellung der Hilfe um ihrer selbst willen, die in dieser Form der Antike unbekannt war. Das heidnische Altertum kannte Zedaka nur als eine Regierungsmassnahme utilitaristischen Charak ters, um die benachteiligten Untertanen mit ihrem schweren Lose zu versöhnen und der Regierung gefügig zu machen. Das Christentum hat dann die Zedaka aus ihrer jüdischen Quelle übernommen. Als Kaiser Julian Apostata (361—363) das Heidentum mit seinem Opferdienst wieder einzuführen versuchte, konnte oder wollte er sich nicht entschliessen, die religiös begründete Wohltätigkeit wieder abzuschaffen; sie hatte sich im Bezirke des römischen Christentums bereits so weit durchgesetzt, dass auch der Kaiser, der den Weg zum Heidentum zurückging, sie nicht mehr antastete; er verfügte vielmehr, dass es eine der Aufgaben der Tempel sei, Wohltätigkeit zu üben. In der ganzen langen Periode, in der es keinen jüdischen Staat gab und in der die Juden in der Zerstreuung um die Erhaltung ihrer nationalen Existenz rangen, war Wohlfahrtsarbeit eine der Bedingungen, die ihnen im Rahmen ihrer Kehiloth die nationale Existenz ermöglichten. Die Gemeinden waren ja stets weit mehr als Religionsgemeinden gewesen, schon lange bevor der moderne Zionismus in den Kampf um ihre offizielle Umwandlung in Volksgemeinden eintrat. Eine ihrer wesentlichen Funktionen war stets und überall die Stützung ihrer sozial schwachen Mitglieder. Diese Hilfe wurde zusätzlich zu derjenigen des Staates gewährt, soweit der Staat überhaupt auf diesem Gebiet tätig war, und zwar aus dem Gesichtspunkt heraus, den in sozialer Not befindlichen Juden der Gemeinde eine auch jüdisch würdige Existenz zu ermöglichen. So erfüllten und erfüllen die Gemeinden in der jüdischen Diaspora in dieser Hinsicht eine staatsähnliche Aufgabe. Wie steht es nun damit bei uns, im Staate Israel? Die Bilanz seiner Einwirkung auf die Gestalt des jüdischen Menschen ist nicht eindeutig. Es ergeben sich Vor- und Nachteile. Viele, aber nicht alle schlechten Eigenschaften der Galuth haben wir abgelegt; manche alten Tugenden sind verloren gegangen, während wir neue erworben haben. Es ist noch kaum möglich, ein zutreffendes Bild des israelischen Juden zu zeichnen mit all seinen charakteristischen positiven und negativen Seiten. Wie kann z.B. der soldatische Typus, der heute vielfach im Vordergründe steht, sich jene menschliche Güte bewahren, die den alten jüdischen Typus charakterisierte? Die Anerkennung des Nebenmenschen war die Grundlage jüdischer Lebensauffassung und meist auch jüdischer Lebenspraxis, aber es ist nicht einfach, diese Vorstellungen unseren Kindern im Lande zu übermitteln, unter den besonderen Bedingungen unseres hiesigen Lebens. Hier wie im Ausland besteht die Tendenz, immer mehr soziale Aufgaben auf den Staat abzuwälzen, und die hohen Steuerlasten tragen gewiss zu solcher Haltung bei. So entsteht leicht ein moralisches und auch pädagogisches Defizit; ein Mangel an Bereitschaft zur freiwilligen Leistung, die wirklich aus dem Herzen kommt. Wir dürfen aber nicht vergessen, welche menschlichen Qualitäten zu solcher Leistung gehören und in ihr zum Ausdruck kommen. Drei Grundeigenschaften muss der Mensch nach jüdischer Auffassung haben, um sich dem Volke Israel anschliessen und ihm legitim angehören zu dürfen: Erbarmen — □'»am Schamhaftigkeit — und die Bereitschaft zu guten Taten — nnon Wenn wir uns ernsthaft prüfen, ob ein Besucher von einem anderen Stern gerade jene drei Eigenschaften auswählen würde, um den jungen Juden in Israel zu charakterisieren, so kann die Antwort kaum positiv ausfallen. Es geht also darum, drei entscheidende Defizite in der Erziehung auszugleichen: es fehlt an persönlichem Interesse für Nebenmenschen; an Phantasie, sich in seine Lage eizufühlen; an Bereitschaft, ihm freiwillig mit Geld und vor allem auch mit Zeit zu helfen. Lassen Sie mich Ihnen ein eigenes Erlebnis berichten: eines Abends kam ein mir unbekannter, etwa achtjähriger Junge zu uns und bat um die Erlaubnis, das Dach des Hauses zu besteigen, wo ein Kätzchen, das sich verlaufen hatte, kläglich schrie. Bald danach kam das Kind mit dem Kätzchen herunter und fragte, ob man ihm wohl etwas zu trinken geben könne. Wir wärmten ein wenig Milch; das Tier aber wollte nicht trinken. Da benetzte das Kind seinen Finger mit Milch und versuchte, das Tier daran lecken zu lassen, aber auch das blieb erfolglos. Der Junge meinte, es sei noch zu klein dafür und erinnerte sich an eine Familie in der Nachbarschaft, die eine Mutterkatze besass. Das Kind ging mit dem Kätzchen glückstrahlend dorthin. Was lehrt uns dieses kleine Erlebnis? Das Kind folgte dem Gebot der Thorah, dass man sich nicht entziehen darf, wenn die Not einen anruft. Dann muss man sich zunächst an die Stelle der notleidenden Kreatur versetzen. Das geht nicht ohne die Kraft der Phantasie, die leider bei uns wenig entwickelt ist. Schliesslich muss man in seinen Bemühungen bis zu Ende gehen, man darf sie nicht in der Mitte des Weges abbrechen. Das Kind in seiner Bereitschaft, dem Tier zu helfen, bewies alle Eigenschaften, die für die Übung der Zedaka grundlegend sind. Die Erziehung zur Phantasie verlangt von uns, uns selbst auch einmal an die „andere Seite des Tisches” zu versetzen. Wir müssen den Mitmenschen verstehen, der sich an uns als Bittender wendet, und das können wir nur, wenn wir die Kluft zwischen ihm und uns überwinden. Unsere Aufgabe ist es ja, dem Notleidenden mindestens in unserer Vorstellung und womöglich auch mit unserer Tat wieder zurückzugeben, was ihm das Leben genommen hat. Ohne Einführung gibt es keine Solidarität. Wir meinen damit die Solidarität der wahren Menschen, der Bne Abraham. Unsere Verbindung beruht auf der gemeinsamen guten Tat, der niXtt, die im 'Stillen getan wird und ihre Wirkung übt. ,Die Mischna berichtet davon in prägnanter Form, wenn sie erzählt, dass im Jerusalemer Tempel eine „verborgene Kammer" bestand, deren Aufgabe es war, Menschen Hilfe zu lei sten. Es gab solche, die die Lade heimlich füllten und andere, die ihr heimlich entnahmen, was sie brauchten, wie es heisst: pxwnn nairfr nünu xon ’xt »n’Xtzm rot?1?» ".’xama naina a’Dnsna n’aiu ua n”ayi (Schekalim V, 6). Leben in Schlesien Erinnerungen aus 5 Jahrzehnten, zusammengestellt von 21 Autoren. (Graefe und Unzer, München). Nicht nur von Breslau ist die Rede, nein, schlesische Erinnerungen sind es, die wie ein Dokumentarfilm noch einmal vor uns erstehen. Es sind Gedenkblätter der Jugendzeit, der Leistungen bedeutender schlesischer Männer, eine Rückblende vieler Wunschträume ehemaliger Schlesier. Von dem früheren Breslau lesen wir und von Schlesien, wie es einst war. Und alles ist vergegenwärtigt und widergespiegelt und man findet Namen und Strassen, die einem einst lieb waren, und man liest von den Lehrern und Schulen und Einrichtungen, von dem geistigen und musischen Leben, von Kunst und Künstlern, von Wissenschaftlern, von dem kaufmännischen Adel, von Gerhard Hauptmann, von den Museen und seinen kostbaren Schätzen und nicht vergessen ist die Blütezeit der Stadttheateroper, der Barney-Bühnen, der Philharmonie, der Südparkkonzerte und des Rundfunks. Von den Bällen in Scheitnig ist die Rede und von der Tanzstunden-Zeit. Wolfgang Jaenicke, Edmund Nick, Ruth Hoffmann, Ernst Scheyer, Emst Cohn, Annelies Küpper und viele andere — sie plaudern imgezwungen und es bedeutet einen köstlichen Genuss, ihre Erinnerungen mitzuerleben. Und vielfach wird auch der jüdische Leser angesprochen von interessanten Dingen, die mancher vielleicht nicht wusste. Von Albert und Toni Neisser wird erzählt, dann von der Gattin des Generalmusikdirektors Franz von Hoesslin, einer Jüdin, von dem Schauspieler Robert Marlitz. Unser Freund Joseph Markus, der zu den Gründern des „Verbandes ehemaliger Breslauer” gehörte, damals Kulturreferent im Breslauer Oberpräsidium, Stadtrat Georg Less, einer der letzten Vorsitzenden der Breslauer Synagogen-Gemeinde, damals Dezernant für das Breslauer Stadttheater im Magistrat der Stadt Breslau, ist genannt, ferner das originelle jüdische Antiquariat Samosch und natürlich — im Zusammenhang mit Gerhard Hauptmann — Kommerzienrat Max Pinkus aus Neustadt. Namen wie Jadassohn, Dr. Freudenthal und auch der Hinweis auf Ruth Hoffmanns Roman „Meine Freunde aus Davids Geschlecht” sind für den jüdischen Leser wichtig und anheimelnd. — Noch viele bekannte Namen unserer Breslauer Freunde und Gemeinde werden erwähnt. Dann geht es ins Riesengebirge, nach Oberschlesien, in die schlesische Kleinstadt und ins Grenzgebiet. Und die ganze schlesische vorhitlerische Athmosphäre, die in der Luft lag, Fortsetzung nächste Seite) 11