Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1962
- Issue
- No. 6-7 (1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 3166)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu den Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer E*V* Chronik Breslauer Familien, zum 120 Geburtstage und 50 Todestage von ELIESER P1NCZOWER Traum, nach dem ein Frommer, der täglich Tehillim sagte, einmal die Rettung der Juden Erfurts vor feindlichen Angriffen herbeigeführt hat. Auch Agnon benutzt diese Geschichte in seinem Buche „Jamim Noraim”. Was Psalmen allen Menschen bedeuten, kann nicht tieferen Ausdruck finden als in jener Episode, nach der Weizmann am Tage des Waffenstillstandes nach dem ersten Weltkrieg, den englischen Premier Lloyd George bei offenem Psalmen-Buche Tränen vergiessend fand. le, so könne man diese Feier nicht schöner gestalten, als sie mit dem Lernen eines Perek Mischnajoth zu beginnen, was bestimmt im Sinne des Dahingegangenen wäre.” Dann ergriff Rabbiner Auerbach das Wort und trug den letzten Abschnitt der Mischnah „Berachoth” vor. Er verstand es ausgezeichnet die Mischnah in einer leicht verständlichen Weise zu interpretieren, sodass alle Hörer ihm leicht folgen konnten. Hierauf sagte der Enkel des Verstorbenen Kaddisch. In der sich anschliessenden Aussprache zwischen den Schülern des Verstorbenen, die aus ihrer Jugendzeit und ihren Erinnerungen an Elieser P. erzählten, wurden interessante Einzelheiten aus dem Leben des Verstorbenen bekannt. Bemerkenswert war, mit welcher Liebe und tiefer Verehrung seine Schüler auch heute noch von ihrem Lehrer sprachen und seiner tiefen Frömmigkeit gedachten. Ein Beweis, wie nachhaltig der erzieherische Einfluss gewesen ist. Abschliessende Worte sprach dann der Enkel des Verstorbenen, der den Vorschlag machte, von nun an jedes Jahr am Jahrzeitstage einen besonderen -nyijy zu lernen und der Hoffnung Ausdruck gab, alle Anwesenden im kommenden Jahr gesund wieder zu sehen. Jeder Teilnahmer an dieser Feier erhielt als Andenken ein Mischnah Exemplar mit dem Bilde des sei. Elieser P. Schülern und Verwandten, die an der Gedenkfeier nicht teilnehmen konnten, wird ein gleiches Exemplar auf Wunsch von Felix Daniel Pinczower 83 Sokolow Str., Tel-Aviv zugesandt. Es war eine würdige und eindrucksvolle Feier, die bei allen Beteiligten einen tiefen Eindruck hinterliess. Die Veranstaltung wurde auf Tonband aufgenommen, um sie auch der auswärtigen Descendenz von Elieser P. zu übermitteln. Am 14. Kislev vor 50 Jahren ging eine markante Figur der damaligen Judenheit Breslaus aus der rauhen Sphäre der irdischen Welt in die Ewigkeit ein und liess eine trauernde Gemeinde zurück. Es war der Lehrer Elieser Pinczower s.A. Er war kein offizieller Führer der Breslauer Juden, kein modern schimmernder Theoretiker, kein lauter Künder und doch ein Souverain, ein stiller Souverain, vor dem die religiösen Breslauer Juden sich in Verehrung beugten. Elieser Pinczower kam aus Kempen aus einer kleinen „Posenschen Stadt”, die aber gross war in der Zahl jüdischen Gelehrter. Kein Geringerer als der geistige Riese Malbin schmückte einmal den Kempner Rabbinerstuhl und prägte seinen Siegel auf die dortigen Juden ein. In diesem Kempen war Elieser Pinczower geformt worden und kam von dort mit reichem Wissen und innerer Kultur gekrönt in unsere Breslauer Heimat. Er hatte wohl erfahren, dass er in Breslau die geistige Substanz finden, Boden den er suchte und zünden würde. Breslau war zu dieser Zeit eine zentrale Stätte jüdischer Wissenschaft, der die ganze jüdische Welt Tribut zollte. Da wirkten die grossen Meister in dem gewaltigen Jam ha- Talmud, dem ungeheueren Meer talmudischer Gedanken: Israel Lewy, Horovitz, Brann, Rosenthal, Jacob Guttman u.s.w. In dieser Stadt hochintellektueller Feinfühligkeit hatte Elieser Pinczower sein eigenes Reich. Das war die grosse Zahl von Gemeinde-Mitgliedern, die nicht nur am Schabbath unsere heiligen Geistesschätze aufnehmen wollten. Täglich wollten sie die Pflicht des Thora-Lernens erfüllen, trotz ihrer anstrengenden Berufsarbeit. Ihnen wurde Elieser Pinczower ein hingebungsvoller Lehrer dem keine Stunde des Morgens zu früh und keine Stunde des Abends zu spät war, um jüdische Männer in die Geisteswelt der Weisen unseres Volkes einzuführen. Für diese Menschen war Elieser Pinczower das Zentrum ihrer Welt geworden, für sie charakterisierte Elieser Pinczower den genius loci, modern gesprochen, die verborgene Dämonie der jüdischen Gemeinde Breslau. Eine besondere Stellung nahm Elieser Pinczower in der Fuchs’schen Schulstiftung, Sonnenstrasse ein. Er war nicht der Rabbiner dort. Aber auf ihn hörte man. Sein Urteil holte man ein. Seine Entscheidung in religiösen Dingen galt. In dieser Fuchs’schen Schule hat er gebetet. Und wer ihn beten sah, war erschüttert Von dieser tiefen Inbrust diesem starken Erglühen frommer Scheu. Dort lauschte auch eine wissbegierige Gemeinde den Vorträgen, die er vor allem in der Sefira-Zeit hielt. Was immer er vortrug, ob es das kabbalistische Werk „Or Ha-Mussar” war oder ob er aus den Psalmen seinen Stoff holte, er tat es mit Leidenschaft und Wärme, die die Hörer begeisterte. Mit besonderer Liebe hing er an den Psalmen und las darin in jeder freien Minute. Selbst in der Strassenbahn sah man ihn mit seinen kleinen Tehillimbuche. Nichts konnte ihn da stören. Alles um ihn herum war verschwunden. So vertiefte er sich in diese kleine Bibel, wie das Psalmenbuch einmal genannt wurde. Sie waren ihm Kraft und Freude und Trost. Sie waren das Herzstück seiner Seele. Er wusste, was Avigdor Caro in seinem Kommentar über Grösse und Schönheit der Psalmen sagt. Er erzählte auch gern von jenem Zwischen Beten und Lernen ging das Leben von Elieser Pinczower dahin. Wie jener Weise aus Ketuboth 104a konnte er sagen mop yasxa iV’DN nin üViya Tium x1? „Nicht den kleinen Finger habe ich nach den Genüssen dieser Welt ausgestreckt”. Was allein ihn bewegte, das war die hohe Welt der jüdisch-religiösen Gedanken. Die stete Zwiesprache mit dem Schöpfer, das war sein Leben. Er war eine eigenartig starke in sich geschlossene jüdische Persönlichkeit, der in Demut den stillen Glanz des Gütlichen trug. Wer Elieser Pinczower kannte, und wer bei ihm lernte, wird mit zitternder Ehrfurcht seiner gedenken. rma1? pnx nar. Rabbiner Dr. Freier, Zürich. Gedenkfeier Am Jahrzeitstage von Elieser Pinczower, der diesmal auf den 10. Dezember fiel, und in Anbetracht des 50. Todestages hatte sich ein kleiner auserlesener Kreis ehemaliger Schüler und Verwandter in den Räumen der „ChevrA Kadischa" von Ichud Schivath Zion versammelt, um des Verstorbenen zu gedenken. Die Gedenkfeier wurde von Dr. Freyhan feingeleitet, der u.a. sagte: „Wenn man heute nach 50 Jahren zusammenkommt, um eines Menschen zu gedenken, so muss dieser Mann etwas Besonderes gewesen sein, und wenn man im Sinne des Verstorbenen handeln wol¬ Sein Lebensweg Elieser P. wurde im Jahre 1842 in Nicolai, einem kleineren Orte in Oberschlesien, als 3. Sohn des jüdischen Gelehrten Daniel P. geboren. Nicolai hatte damals bei einer Gesamtbevölkerung von 3.000 Einwohnern 390 Juden. Sein Vater entstammte einer alten Rabbinerfamilie. Elieser P. besuchte neben der jüdischen die staatliche allgemeine Schule, die er nach Absolvierung im 14. Lebensjahre verliess. Dann ging er auf die Jeschiwah nach Pressburg, die damals unter der Leitung vom „Kessav Sofer” (isiD 3D3) stand, wo er bis zu seinem 20. Lebensjahre blieb. Dort muss er zu dem Entschluss gekommen sein, den Lehrerberuf zu ergreifen. Um seine Kenntnisse zu vervollkommnen, ging er im Jahre 1861 nach Frankfurt a.M. auf die Jeschiwah von Rabbiner Samson Raphael Hirsch. Damals war Frankfurt das Zentrum des modernen jüdischen Erziehungswesens. Es war die Zeit, wo S. R. Hirsch sein Prinzip „Thora im Derech Erez" (pj< in oy mm) aufstellte und sich dafür einsetzte, biblische und rabbinische Wissenschaft Hand in Hand mit Europäische Allgemeinbildung zu pflegen. (S. R. Hirsch, Gesammelte Schriften Vol. I., 292). Er war es, der das jüdische Schulwesen aus dem Niveau des Cheder heraushob und, was damals geradezu revolutionär wirkte, den jüdischen Mädchen die gleichen jüdischen Grundkenntnisse wie d. Knaben zu vermitteln suchte. Elieser P. blieb in Frankfurt 2‘/2 Jahre und 5