Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1962
- Issue
- No. 6-7 (1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 3165)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausschnitt aus dem Leben der Familie Weissmann (Mörz 1933) Aufgeschrieben von Frieda Weissmann, Jerusalem (1956) Schluss der Aufzeichnungen aus dem Leben der Familie Wischnitz, aufgeschrieben von Lina Weissmann, geb. Wischnitz. Während der Direktion von Dr. Kronthal war ich nach einem schwierigen Übereinkommen zwischen uns beiden selbstverständlich eine Bibliothekarin zwischen den Übrigen. Das änderte sich mit einem Schlage, als Dr. Moering die Leitung übernahm. Er war ein bekannter Philosemit — was ihm auch die unmittelbare Kenntnis vom Leben in einem K.Z.- Lager verschafft hat — und vermutlich erweckte meine jüdische Einstellung, die er wohl rasch erkannte, sein Interesse. So gab es zwischen uns viele Gespräche über jüdische Fragen und wir waren oft, wir waren meist, verschiedener Meinung. So behauptete er z. B., Antisemitismus sterbe aus, worauf ich erklärte, das sei eine vollkommen irrige Annahme; „vielleicht, wenn wir in unserer alten Heimat sind..." Aber das hielt er für Romantik. Er hat seine Meinung vollkommen geändert, wie er mir vor kurzem hierher, nach Jerusalem, mitgeteilt hat. Aber schon zur Zeit, als ich — in seinen Augen eben eine Romantikerin — meine erste Palästinafahrt vorbereitete, riet er mir dringend: „Nehmen Sie Nachurlaub, Kollegin, Sie wissen nicht, wann Sie wieder hinkommen". Und als ich, ohne Nachurlaub zu nehmen, nach vier Wochen wieder da war, hat er von den tiefen Eindrücken, die mir in dieser Zeit zuteil geworden, mit grosser Teilnahme sich berichten lassen. Auswahl und Einkauf der einzustellenden Bücher war der Bibliothekarin überlassen, aber selbstverständlich war der Direktor gewöhnt, diesbezüglich Wünsche zu äussem. 'So war ex gesonnen, meine Bücherei zu judaisieren und legte mir dringend nahe, den gesamten Buber einzustellen. Das lehnte ich entchieden ab. Meiner Ansicht nach konnte man die wenigen Leser, die dafür in Betracht kamen, an die Stadtbibliothek verweisen, an die Bibliothek des Jüdisch-theologischen Seminars oder an die Bibliothek der Synagogen-Gemeinde. Wie schon erwähnt, waren Meinungsverschiedenheiten zwischen uns an der Tagesordnung, und fast ihmer ergaben sie sich aus meiner jüdischen Einstellung, obgleich er sie sehr Respektierte. Aber er lebte als Protestant in seiner deutschen Heimat, ich lebte da als Gast, dankbar für alles, was als Gastgeschenk mir gegönnt wurde; doch immer in der Überzeugung, dass Gäste nicht zu lange bleiben dürfen. Wir erlebten den nächsten Zusammenstoss, als er eines Tages mir mitteilte, der Stadtrat, der nach dem Tode von führenden Persönlichkeiten die offiziellen Nachrufe geschrieben habe, sei gestorben, und nun beabsichtige er, dem Oberbürgermeister zur Übernahme dieser Arbeit mich vorzuschlagen. Ich bat ihn, das nicht zu tun, denn ich würde diese Arbeit nicht übernehmen. „Warum nicht?" „Weil ich nicht dazu helfe, dass die Antisemiten mit Recht behaupten, die Juden drängen sich in die Journalistik ein.” Diese Begründung erstaunte ihn sehr. Aber ich erklärte ihm weiter: „Ich schreibe in jüdischen Zeitschriften un, ter meinem Namen, ich veröffentliche Bücher unter meinem Namen, aber ich schleiche mich nicht anonym in eine deutsche Tageszeitung ein.” Damit war für mich die Sache erledigt und musste es auch für ihn sein. 4 Einmal aber bin ich doch von diesem Grundsatz abgewichen: Das war, als Breslau sich anschickte, Gerhard Hauptmann’s 70. Geburtstag in einer grossen Öffentlichkeit Feier zu begehen. In meinem Arbeitszimmer läutete das Telefon : Die Stimme des Direktors: .Können Sie schnell einmal zu mir herunterkommen, Kollegin? " Und als ich bei ihm eintrat: „Der Oberbürgermeister hat eben angerufen, Breslau wird Gerhard Hauptmann an seinem 70. Geburtstag durch eine grosse Feier ehren und nun bittet mich der Oberbürgermeister, ich möchte für die Einladung sorgen, die an den Dichter geht. — Sie werden die Einladung abfassen." „Das weiss ich durchaus nicht.” „Doch, doch, das werden Sie tun.” „Aber ich habe keine Ahnung, wie ein Magistrat einen Klassiker einladet.” Und er darauf (zu meiner Beruhigung) „Morgen früh muss ich sie haben.” „Gut. Ich werde es versuchen. Aber versprechen kann ich nichts.” Am nächsten Morgen übergab ich ihm die 'Einladung. Es war ein einziger Satz: „Die Heimat möchte dem Manne danken, der schlesischem Sein aufs neue Stimme und Geltung gegeben hat im Reich der Kunst." Und als Dr. W. ihn gelesen hatte, sagte er in nobler Anerkennung: .Kollegin, das könnte ich nicht." Hat mir dann auch freudig-stolz berichtet, Hauptmann habe gefragt, wer der Verfasser de? Einladung sei. Dr. M. kannte meine ehrfürchtige Scheu vor Überzeugungen und Traditionen, wo immer sie mir begegneten. Trotzdem kommt er eines Tages zu mir mit dem Vorschlag: „Schreiben Sie einen Artikel über Paula Grogger für unsere Monatsblätter. Ich verstehe sie nicht, aber ich weiss, dass Sie sie schätzen." Das stimmt. Aber eben die Ehrerbietung vor der Schönheit und Grösse, die gewachsen ist aus mir fremdem Wurzelboden, zwingt mich zu dem Einwand: „Wir haben im Kollegium gute Katholiken; sogar der derzeitige Redakteur der Monatsblätter ist Katholik. Lassen Sie doch einen Katholiken über diese grundkatholische Frau schreiben." Der Einwand wurde beiseite geschoben. Unser Direktor beharrte auf seinem Willen, und so habe ich die Besprechung geschrieben. Ich füge sie hier ein. Vielleicht, dass dar durch irgend jemand einmal zu dem Bemühen angeregt wird, Paula Grogger näher keimen zu lernen. Er wird durch sie erquickt und bereichert werden. Paula Grogger geb. 12.7.1892 in Oeblam, Steiermark. „... Mit Paula Grogger sein, heisst: von Heute sich hinfinden zum Ehemals und Immerwieder, heisst horchen auf den Zufallslärm des Tages, um darin den Rhythmus schicksalhaften Geschehens zu erkennen und sich von ihm ergreifen zu lassen. Menschen und Dinge tim sich auf vor ihr, dass sie in sie hineinschauen kann; tief hineinschauen, bis ihr Begreifen zum Wissen wird. Und weil sie den einzelnen weiss in seinem Tun und Schicksal, weil sie die Verknüpfungen erkennt, die hin und her spinnen, deshalb sieht sie das Ganze hingebreitet wie ein Gewebe, und das eilig auf und ab gleitende Weberschiffchen versperrt ihr nicht den Ausblick auf die Harmonie des ewig werdenden Bildes. Ein kluges Herz ist ihr gegönnt, und in dieser köstlichen Gabe ist ihr Schaffen mit all seiner Bereitschaft für den Tag und seiner Ehrfurcht von dem, was jenseits des Tages liegt, geborgen. Wie könnte sie sonst voller Liebe und Wärme das Leben ihrer bäuerlichen Umgebung umfassen; wie könnte die heimatli- Che Landschaft so aufgeschlossen zu ihr reden, wenn ihr nicht alles Gleichnis wäre und Geheimnis. Die Erde atmet in ihren Worten, wenn sie erzählt: „Man sah nur die kleinen Dörfer und Gehöfte an die karge Erde gebettet, die weiten Moore mit grell blitzenden Wassertümpeln, und verstreut zwischen Holzbeständen die steilen Felder, wo schon das satte Grün des Winterkorns aufschlug und tieferliegend die Futterwiesen. Man sah überall das warmgetönte Laub, darin der Schneewind anhub zu knistern, und das für die Bauern die letzte Ernte ist." Hörbar atmet hier die Erde und sichtbar, und diese Wirkung verbürgt eine künstlerische Leistung. Aber darüber hinaus spürt man, wie der erdgebundene Atem ins Grenzenlose ver* gleitet, wie Endliches einströmt ins Unendliche und Zeitliches hinsinkt in Ewiges. Da ist von künstlerischer Leistung nicht mehr zu reden; auch nicht von künstlerischer Wirkung — zu kleine Masstäbe, denen überlegen-heitere Weisheit sich entzieht. Es scheint, dass Paula Grogger überhaupt nicht nach Masstäben, überhaupt nicht nach Meinungen fragt. Sie sucht keine problematischen Menschen, keine problematischen Situationen; sie ist im heutigen Sinn weder sozial noch politisch interessiert; sie ist eigentlich überhaupt nicht unterzubringen in der Gegenwartsliteratur. Nicht den Stoffen nach, die, obgleich in der Zeit gewachsen, dennoch zeitlos sind; nicht der Technik nach, die nach heutigen Begriffen einen ungewöhnlich ruhigen Pulsschlag hat. Sie kommt daher mit offenen Augen und wachem Herzen, ein reiner Mensch, dem die Wahrheit sich offenbart, und der die Melodie der tönenden Stille zu hören vermag. „Lief ein Wiesel in der steilen Furche und eine Silberschelle schlug die kleine Quelle an die Kiesel. Irgendwo ein schwerer Vogelflug- Und mit horchender Gebärde ging der Knecht. Und die karge Erde bröckelte vom Pflug. Sprang die Flamme zwischen Huf und Steinen. Jede Fessel seiner Stuten trug von Brombeerruten eine Schramme- Manchmal wälzte sich ein greller Zug loten Laubes vor die Pferde. Manchmal hielt der Knecht, und die karge Erde bröckelte vom Pflug." Die Schönheit der heimatlichen Landschaften: lieblich, erhaben und gewaltig in einem, hat ihrem Wesen und ihrer Kunst den Charakter gegeben. Wollte man ein Wort dafür finden, es gäbe nur eines: elementar. Aber elementar nicht im Sinne von unbeherrscht, vielmehr im Sinne von unverstellt. Da ist nichts Schluss Seite 9.